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Ostprignitz-Ruppin China mitten in Neurupppin
Lokales Ostprignitz-Ruppin China mitten in Neurupppin
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17:42 11.01.2016
Die Schlangenfrau lächelt, als wäre es ein Kinderspiel, den Körper derart zu verbiegen. Quelle: Regine Buddeke
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Neuruppin

Schwerkraft? Man mag nicht wirklich an sie glauben, wenn man den Artisten des Chinesischen Nationalcircus dabei zuschaut, wie sie rücklings durch Reifen schnellen, sich gegenseitig in die Höhe stemmen oder durch die Luft wirbeln, 20 ineinander­geschichtete Tischböcke oder WC-Becken-große Vasen auf der Stirn balancieren und sie zu allem Überfluss per Muskelzucken in den Nacken werfen. Mit spielerischer Leichtigkeit lassen die Frauen diverse Tellerchen, Papierschirme oder kreiselnde Tücher auf Stöcken rotieren, während sie sich dazu schlangengleich verbiegen. Diabolos wirbeln durch die Luft, die Schlangenfrau verbiegt ihren Körper, dass es einem den Atem verschlägt, und hält sich dabei für Sekunden nur auf ihrem Mund. Wenig später rutscht sie – zum Ring gebogen – um den sie tragenden Kollegen, nur sein Fuß stoppt ihren Fall. Eine weitere Chinesin baut sich einen Turm aus Stühlen: In sechs Meter Höhe turnt sie auf dem obersten, mitten zwischen den Scheinwerfern des Kulturhauses. Immer wieder halten die mehr als 400 Zuschauer im Neuruppiner Stadtgarten den Atem an – so spektakulär erscheinen die Kunststücke.

Mit atemberaubender Körperbeherrschung, schwindelerregenden Jonglagen und einem kunterbunten Rahmenprogramm faszinierte der Chinesische Nationalzirkus die Gäste im Neuruppiner Kulturhaus Stadtgarten.

Dabei ist die Show alles andere als eine sportliche Hochleistungsdressur, wie man sie oftmals von den chinesischen Artisten kennt. „Wir wollen zurück zu den Wurzeln des chinesischen Zirkus“, erklärt Nadine Schoregge, die Frau des Produzenten Raoul Schoregge, der das Projekt im Jahr 2000 von André Heller übernahm. Denn ursprünglich seien die Artisten in Teestuben und Opiumhöhlen aufgetreten – Zirkuszelte wird man in China vergeblich suchen. Auch Tierdressuren haben im originalen chinesischen Zirkus nichts zu suchen. Deshalb ist auch die Schau im Stadtgarten eine rein artistische. Das einzige Tier ist ein knuffiger Riesen-Panda, in dem natürlich auch ein Artist steckt.

Die Akteure sind allesamt Weltklasse-Artisten, die in großen Shows mitgewirkt haben. „Wir wollen eine Unplugged-Variante für kleine Häuser bieten“, beschreibt Schoregge das Ziel. „Keine Nummern im Leistungskader-Prinzip. Wir wollen auch chinesische Kultur und Geschichte vermitteln.“ Das gelingt gut: Schon zu Beginn stellt sich jeder der zehn Artisten vor und offenbart den Menschen, der hinter der Figur steckt: Ihr Name bedeute „kleine Blume“, zwitschert die eine. Der dicke Clown – der Produzent persönlich – stottert ein wenig, wird aber zum sich selbst überschätzenden Casanova, wenn er Rosen verschenkt und pantomimisch Küsschen einfordert. Oder das kichernde Schulmädchen – ihr Name Le Le bedeutet tatsächlich „kichern“. Wenn sie sich verbiegt, vergeht einem jedoch das Kichern und weicht verblüfftem Erstaunen.

Der Matrose kann nicht nur exzellent Salti schlagen und springen, er kann auch so schnell reden, dass einem vom Zuhören schwindlig wird – kein Wunder: Roberto Capello, ein ehemaliger Stuntman, ist Italiener. Dass er im chinesischen Ensemble ist, ist dem Umstand zu verdanken, dass Dou Dou sich vor drei Jahren unsterblich in ihn verliebt hat: eine echte Zirkusliebe. Zwei Mädchen in Seidengewändern tauschen später die Tracht gegen die Uniform der chinesischen Arbeiter- und Bauern-Macht. Und zwängen sich zu zweit in einen schmalen Metallzylinder, dass das Wort „in die Röhre gucken“ eine völlig neue Bedeutung gewinnt. Der Vasenjongleur ist klein und schmal, das Porzellan­gefäß, das er auf Kante stehend auf seiner Stirn balanciert, wiegt 13 Kilo. „Vasenjongleure gelten unter den Artisten als die Creme de la Creme“, erzählt Nadine Schoregge. Man erkenne sie – wirklich wahr – an der Hornhaut auf dem Kopf. „Es gibt nicht viele, die diese Kunst beherrschen.“

Für Gaudi sorgt der Chef, dessen“ bürgerlicher Beruf“ Clown ist. Seine Spezialität ist, den Applaus zu dirigieren: laut oder leise, staccato oder in Zeitlupe.

Von Regine Buddeke

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