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Christiane Schael schrieb Stadtgeschichte

Wusterhausen Christiane Schael schrieb Stadtgeschichte

Eigentlich ist Christiane Schael Zahnärztin. Dass sie indes auch noch ganz andere Talente hat, bewies sie mit der behutsamen Restaurierung des Hauses ihres Großvaters. Und weil das Bau-Gen weiter in ihr schlummerte, sanierte sie mit Hilfe des gegründeten Kulturvereins auch gleich das Haus, in dem sich heute das Wege-Museum befindet.

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Aus dem hässlichen Entlein ist ein stolzer Schwan geworden: das Herbst’sche Haus Am Markt 3.

Quelle: Hörmann

Wusterhausen. Da reckt er sich nun und guckt mit seinem steinernen Kopf gen Himmel. Der Bauch ist eine halbrund gewordene Ofentür. Am Rücken steht wie ein Rucksack ein Panzer ab. Zuerst denkt man an Flügel. Und ist auf dem Holzweg. Die stacheligen Streben folgen einer gewissen Ordnung. Könnten sie nicht im ersten Leben heiße Backbleche getragen haben? Bingo. Aber wieso hält das Gerippe in der rechten Hand ein Paddel fest umklammert? Auch hier täuscht der erste Blick. Erfasst man das ganze dürre Gebilde aus rostigem Stahl und einem runden Manometer in der Mitte etwas gründlicher, dann schwant: Das Paddel ist gar keines, sondern ein Brotschieber.

Hier streckt sich also das Nachbild eines Bäckerburschen. Am Giebel des Hauses Dombrowskistraße 16 in Wusterhausen steht er reglos als Kunst gewordenes Denkmal da. Czeslaw Podlesny aus dem polnischen Zakopane hat ihm auf die Welt geholfen. Der Bengel versendet eine Botschaft: Seht her, hier waren sie mal, Backstube und Laden von Meister Otto Hofmann. Dem folgte noch Sohn Reinhold, ehe die Tradition 1960 endete. Reinholds Tochter Christiane verfolgte andere Pläne, uneigennützig beraten vom Vater. „Du kannst studieren. Tu etwas, dass dich weitestgehend unabhängig macht und das die Menschen immer zu dir führt.“ Christiane Schael studierte Zahnmedizin, promovierte, eröffnete in Wusterhausen ihre Praxis und steuert mittlerweile auf ein stolzes Jubiläum zu. 40 Dienstjahre sind schon gefeiert. Erst, wenn 2018 die fünf vor der Null steht, will sie sich „vielleicht endgültig“ aus der Praxis zurück ziehen. Sohn Gregor hat sie offiziell schon übernommen. „Wenn ich nicht Zahnärztin geworden wäre, dann vielleicht Innenarchitektin. Das Gestalten und Erhalten liegt mir seit jeher am Herzen“, sagt die Mutter.

Christiane Schael

Christiane Schael.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Dabei verrät ihr Großvater-Haus: In ihr schlummern noch andere Talente. Wer einmal das gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstandene Gebäude von innen gesehen hat, erkennt, was behutsamer Umgang mit den alten Gemäuern hervorbringen kann: ein behagliches Zuhause, das mit seinem stolzen Alter kokettiert und dennoch moderne Wohnansprüche erfüllt. Die Restaurierung, die sich die Schaels zugemutet hatten, war kein Kinderspiel. Schließlich sollte ja die Historie weiterhin erlebbar bleiben. Ein waches Auge darauf hatten die Denkmalschutzbehörde und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Der Architekturpreis 2005 war ein Pralinè. Mit der Restaurierung der Dombrowskistraße 16 haben Christiane Schael und ihr verstorbener Mann alle Höhen und Tiefen eines solchen Vorhabens gründlich ausgelotet. Zum Allgemeinnutzen, wie sich noch herausstellen sollte. Das Haus an einer Nebenstraßenkreuzung gebe „Denkanstöße für die zeitgemäße Umnutzung der Eckgebäudefamilien in der Nachbarschaft“, heißt es etwas sperrig im Katalog, den das Fachministerium und die brandenburgische Architekturkammer anlässlich der Preisvergabe veröffentlichten. Einfacher gesagt ist das eine Aufforderung zum Nachmachen.

Bei Christiane Schael kam sie an. Sie wagte ein da capo – keine 300 Meter Luftlinie entfernt. Diese Baustelle fiel allerdings einige Nummern größer aus. Am Markt Nr. 3 stemmte sich schon in den letzten Jahrzehnten der vorigen Republik ein massiges Gebäude gegen das langsame Sterben. Mit wenig Aussicht auf Erfolg. Zwar hatte man ihm 1983 zur 750-Jahr-Feier der Stadt mit freundlichem Farbanstrich ein neues Kleid verpasst. Das bedeckte Altersflecke allerdings nur an der Fassade. Die alte Posthalterstation, heute nach Kaufmann August Herbst das Herbst’sche Haus genannt, prägte wie Rathaus und Kirche über Jahrhunderte das Stadtbild von Wusterhausen. Aber wie sah es aus? Die Tünche der frühen 80er blätterte bald wieder ab. Es regnete durch. Trotzdem hatten die letzten Wohnungen im Obergeschoss bis über die Jahrtausendwende hinaus noch Mieter. Schaufenster erinnern daran, dass unten Händler um Kundschaft warben, zuletzt mit Schreibwaren und Spielzeug. Auch das Kreisheimatmuseum musste sich nach dem Jahr 2000 als Stiefkind fühlen: ohne Leiter, nichts Neues, keine Ideen zum „Wie weiter?“.

Detail des „Bäckerburschen“

Detail des „Bäckerburschen“.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Ohne Frage, dem Herbst’schen Haus ging es mies. Rund um den Marktplatz sah es bei anderen Gebäuden nicht viel besser aus. Aus der Wand der Stadtkirche gegenüber wuchsen kleine Birken aus den Fugen. Versandete Dachrinnen unbewohnter Häuser ließen Regenwasser überlaufen. „Ich hatte den Eindruck, nach der Wende wurde plötzlich überall saniert. Nur in Wusterhausen nicht“. Christiane Schael kann sich heute noch ereifern, wenn sie an den Beginn des Jahrtausends denkt. Das fuchste sie schon damals. Sie blieb nicht allein mit dem Gedanken, dass Bürgerinitiative not tat.

Im Jahr 2000 gründete die Zahnärztin mit Gleichgesinnten den Kulturverein. Die Gründungsversammlung fand in der Gaststätte „Zur Melodie“ statt. Wirt Axel Wisotzki servierte nicht nur die Getränke, sondern wurde gleich Mitglied. Geburtshelfer waren auch so bekannte Städter wie Pfarrer Karl-Ernst Selke, Heimatforscher Gerhard Fenske, Tierarzt Martin Freuling, Gärtnermeister Rainer Lehmann und selbstredend der Mann von Christiane Schael. Sie wurde zur Vorsitzenden gewählt und blieb es 15 Jahre.

Bei der Jubiläumsfeier zum halbrunden Geburtstag – schon aus Tradition wieder in der „Melodie“ - zeigte eine große Leinwand die meiste Zeit bunte Bilder aus dem Vereinsleben. Das Resümee: Ohne den Verein wären die kulturellen Mahlzeiten auf dem Teller fade geblieben. Die heute rund 60 Mitglieder um eine sehr rührige Vorsitzende „würzten nach“ mit ihren Initiativen.

Der Verein sammelte Spenden für die Sanierung des Fachwerkhauses

Das alte Fachwerkhaus Am Markt Nr. 3 ist längst wieder eine Heimstatt der Dossestädter geworden – mit einer modernen Bibliothek, dem „Wegemuseum“ inklusive lauschigem Museumshof und dem „Alten Laden“ für Lesungen, Kleinkunst, Ausstellungen. Bis es soweit war, brauchte es einen langen Atem, nicht nur für die Verwaltung der Großgemeinde mit Wusterhausen als Zentrum. Christiane Schael konnte dabei mehr als den unbedingten Willen einbringen, aus einem hässlichen Entlein wieder einen stolzen Schwan zu machen. Sie hatte ja Erfahrungen, gesammelt beim Sanieren des Großelternhauses. Die Zahnärztin und „ihr“ Verein warben Spenden ein und kümmerten sich kräftig.

Mit Peter Wollert, Ralf Reinhardt und schließlich Roman Blank hatte die quirlige Zahnärztin mit dem Bau-Gen gleich drei Bürgermeister als Ansprechpartner. Warum man dem neu strukturierten Museum das Wort „Wege“ als Motto voranstellte? Diese Idee wurde aus der Diskussion geboren. Der Kulturverein mit seinem Vorstand hatte kräftig angeschoben. Zündend dürfte der Gedanke gewesen sein, dass sich über Jahrzehnte die Transitstrecke zwischen Berlin und Hamburg durch die einstige Ackerbürgerstadt schlängelte, über holpriges Pflaster mit viel zu engen Kurven, vorbei an schlichten „Hütten“, keinen Palästen. Die Ausrichtung erwies sich als Glücksgriff. Das Museum entwand sich von vornherein der Versuchung, nur ein Sammelsurium von Gegenständen aus Zeiten zu beherbergen, als in Wusterhausen noch der Salzhandel blühte, die Stadt sich zu Recht auch Schusterhausen nennen durfte oder der Radfahrverein am „Wochenend mit Sonnenschein“ zu Kaffeeausflügen startete. Nichts davon fehlt heute in den Vitrinen. Dennoch blieb wohltuend viel Platz, Lebenswegen nachzugehen, an Schicksale zu erinnern, die auch mal in Sackgassen endeten. Dass das Konzept des Herbst’schen Hauses aufgegangen ist, daran hat Christiane Schael großen Anteil. Ist sie zufrieden? „Ja, das bin ich, wenngleich einiges auch noch besser hätte werden können. Aber so ist es wohl immer.“

Von Wolfgang Hörmann

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