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Damit Kerzlin lebendig bleibt

Handwerkertradition vor Ort Damit Kerzlin lebendig bleibt

Früher gab es viele Handwerker in dem 200--Einwohner-Dorf Kerzlin. Aber auch jetzt gibt es noch Menschen, die dort arbeiten und das Dorfleben so bereichern. Dazu gehört der Elektriker Andreas Protz, der den von seinem Vater 1977 gegründeten Betrieb im vergangenen Jahr übernommen hatte.

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Andreas Protz hat den von seinen Vater 1977 gegründeten Kerzliner Elektrobetrieb im vergangenen Jahr übernommen.

Quelle: Celina Aniol

Kerzlin. Eine Gaststätte, den Konsum, die Kita samt Krippe, sogar eine Poststelle gab es früher in Kerzlin. „Da ist man durchs Dorf gefahren und hat hier und da geschnattert, hat alles mitbekommen“, erinnert sich Sieglinde Protz. „Was war das schön. Und dann auch noch die vielen Handwerker!“ Der Fliesenleger Fritz Pötter, der Karosseriebauer Günter Speck oder der Bäcker Helfried Grunow. „Der hat so gutes Brot gemacht, da musste man vorbestellten, wollte man als Kerzliner ein Brot kriegen.“ Weil es dort keinen Nachfolger für den inzwischen verstorbenen langjährigen Bäckermeister gab, gibt es das Grunow’sche Gebäck nun nicht mehr, erzählt die 65-Jährige. „Wir hatten da mehr Glück.“

Denn auch ihr Mann, der Elektromeister Helfried Protz, ist vor genau einem Jahr plötzlich gestorben. Er machte in einer großen Gruppe bei einer Fahrradtour zur Freigabe des neuen Radwegs zwischen Wildberg und Ganzer mit und brach dabei unerwartet zusammen. „Ich dachte, er wäre unglücklich über eine Kante gefahren“, berichtet die Witwe. Trotz schneller Hilfe starb er aber noch vor Ort. Für Sieglinde Protz, die ihren Mann oft als Handlangerin bei seiner Arbeit begleitete, brach die Welt zusammen – auch weil die Nachfolge noch nicht geklärt war. Bald schon entschied der Sohn aber, dass er das Familienunternehmen weiterführen will.

Eine schwierige Zeit gut gemeistert

Eine Hürde musste der heute 45-jährige Andreas Protz, der 1986 bei seinem Vater in die Lehre gegangen ist, aber noch nehmen: Da er keinen Meistertitel hat, musste er einen ganzen gut gefüllten Ordner an Unterlagen bei der Handwerkskammer einreichen, bevor diese den Schritt genehmigte. Seit 2003 ist es möglich, auch als Altgeselle einen Betrieb zu führen, wenn man die Befähigung nachweisen kann. Leicht gemacht werde den Neu-Selbstständigen dieser Weg aber nicht, so Andreas Protz. Zum Glück haben ihm Kunden und Lieferanten ein gutes Zeugnis ausgestellt. So konnte er am 1. September die Firma übernehmen. „Es war eine schwierige Zeit, ich konnte meinen Vater ja nichts mehr fragen.“

Nach der Wende: wenig Arbeit und schlechte Zahlungsmoral

Andreas Protz ist im Moment noch „ein Alleinkämpfer“, wie er sagt, bei den Hausinstallationen, den Einbau von Steuerungstechnik für Landwirtschaftsunternehmen, der Internetvernetzung oder den Elektrochecks vor allem für größere Einrichtungen wie die Temnitz-Kitas oder die Lebenswerkgemeinschaft Rohrlack-Vichel. Sein Vater, der sich 1977 selbstständig gemacht hatte, beschäftigte zu Hochzeiten 15 Angestellte und hat insgesamt 25 Lehrlinge ausgebildet. Nach der Wende ist die Zahl der Mitarbeiter nach und nach geschrumpft, bis er am Ende nur noch mit dem Sohn unterwegs war. „Hier gab es nicht ausreichend Arbeit“, erzählt Andreas Protz. Und in Berlin und in den Hauptstadt-Randgebieten oft eine schlechte Zahlungsmoral. So zogen sich die Protzes wieder in ihre Region zurück – seitdem läuft es. „Probleme mit der Bezahlung haben wir hier jedenfalls keine.“ Und auch die Auslastung sei gut. Das Berufsbild habe sich indes in den vergangenen Jahren mit dem Einzug des Internets und der intelligenten Haussteuerung sehr verändert habe, sagt Andreas Protz. „Dieser Bereich wird immer umfangreicher.“ Glück für den Elektriker denn die Steuerungstechnik ist sein Steckenpferd. „Da hat man ein bisschen was zu überlegen, muss so eine Anlage mit einem Computerprogramm entwerfen, damit man weiß, was da eigentlich passiert.“

Die Mischung macht’s

Wie es mit der Firma weitergeht, das ist noch völlig offen. Zwar ist auch der einzige Sohn des vierfachen Vaters in seine Fußstapfen getreten. Allerdings arbeitet er lieber bei größeren Firmen, bei denen er mehr lernen kann und besser bezahlt wird. „Das kann ich ihm nicht verdenken“, sagt Andreas Protz.

Seine Mutter hofft, dass zumindest manche Familienmitglieder weiter in Kerzlin tätig bleiben „Vielleicht übernehmen ja die Urenkel den Betrieb?“, sagt Sieglinde Protz, die gemeinsam mit drei jüngeren Protz-Generationen auf dem Vierseiten-Hof lebt. „Es macht einfach das Leben im Ort schöner, wenn Leute da sind, die auch hier arbeiten“, sagt sie und erzählt von ihrer Schwiegertochter, die seit zwölf Jahren häusliche Dienstleistungen anbietet – „sie hat immer gut zu tun“ –, von dem kleinen Laden an der B 167, vom Garten- und Aluminiumbauern und vom Dirigenten. „Die Mischung macht’s.“

Von Celina Aniol

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