Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Ostprignitz-Ruppin „Das Haus hat uns gefunden“
Lokales Ostprignitz-Ruppin „Das Haus hat uns gefunden“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:22 03.11.2017
Patrizia und Frank Klenk in historischen Gewändern und mit der handgemalten originalgetreuen Regimentsfahne von „Kalnein“. Quelle: Björn Wagener
Freyenstein

Rund tausend Kilometer lagen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Doch das hielt Frank (51) und Patrizia Klenk (48) nicht ab. In Freyenstein erfüllte sich das Paar aus dem österreichischen Vorarlberg einen Traum. Es kaufte die sogenannte Untermühle – oder besser das marode Nachfolger-Gebäude in der Alten Poststraße. „Aber wenn man Untermühle sagt, weiß jeder hier, was gemeint ist“, sagt Frank Klenk. Wer das um 1770 erbaute Haus betritt, kann auf Zeitreise gehen. Und das liegt nicht nur an dem allgegenwärtigen Fachwerk, dem Lehmputz und dem allgemein sanierungsbedürftigen Zustand, sondern ebenso auch an seinen neuen Besitzern.

Faible für historische Gewänder

Sie tragen in ihrer Freizeit gern historische Gewänder. Frank Klenk hat an diesem Tag die zivile Alltagskleidung eines preußischen Soldaten aus der Zeit zwischen 1757 und 1764 angelegt; seine Frau erscheint im dazu passenden Stil als Marketenderin mit ausgestelltem Rock und einem Häubchen im Haar. „Das Haus hat uns gefunden“, sagt Patrizia Klenk in österreichischem Akzent. Sie und ihr Mann sind dabei, dem Haus ein zweites Leben zu schenken und vollzogen dafür auch eine Kehrtwende in ihrem eigenen. In rund fünf Jahren wollen sie am Ziel sein und haben dabei mehr als „nur“ ein gelungenes Sanierungsprojekt im Sinn.

Patrizia Klenk in der improvisierten Küche. Früher war das mal ein Hühnerstall. Quelle: Björn Wagener

Die Geschichte, die die beiden nach Freyenstein führen soll, beginnt 2014. Da lernen sie sich beim Weihnachtsstammtisch des Frontier-Vereins kennen, einer Interessengemeinschaft, die sich der Darstellung der nordamerikanischen Historie widmet. Frank Klenk ist zu der Zeit schon länger dabei, Patrizia kommt erstmals dazu. Beide lieben es, Geschichte auch selbst ein Stück weit zu leben, sind oft in entsprechenden Outfits auf Historien-Treffen unterwegs. Es funkt schnell zwischen ihnen. „Schon nach ein paar Tagen bekam ich einen Heiratsantrag“, erinnert sich Patrizia Klenk. Dann geht es Schlag auf Schlag. Beide lassen ihre vorherigen Beziehungen hinter sich. 2015 lernen sie sich noch besser kennen. Im August 2016 heiraten sie – in prachtvollem historisch-militärischen Aufzug. Im Monat darauf zieht Frank Klenk von Stuttgart zu seiner Liebsten nach Österreich. Die Entscheidung für die Alpenrepublik fiel ihm leicht. Zu eng, zu voll sei die Großstadt in Süddeutschland geworden. Doch schon da sind sie sich sicher: „Wir werden nicht in Österreich bleiben.“

„Ich kann keine Berge mehr sehen“

Bei der Überlegung, wo sie ihre gemeinsame Zukunft leben wollen, war klar: Es sollte keine Berggegend mehr sein – auch im Hinblick aufs Alter. „Ich hab’ das lange genug gehabt. Ich kann keine Berge mehr sehen“, sagt Patrizia Klenk. Stattdessen wollten sie aufs flache Land – und in ein Eigenheim.

Nachbarn oder Spaziergänger werden schon mal spontan zu einem Schlückchen eingeladen. Quelle: Björn Wagener

Hinzu kam, dass sich Frank Klenk bei seinem Hobby auf die Zeit des Königlich-preußischen Infanterieregiments Nummer 4 „von Kalnein“ des Alten Fritz’ spezialisiert hat. Das bedeutete sehr weite Anfahrtswege von Österreich zu Veranstaltungen in „Preußen“. Deshalb war die Region Berlin-Brandenburg bei der Immobiliensuche sehr interessant. „Außerdem lieben wir das Ländliche“, stimmen beide überein. Und: Ein Schützenverein sollte nicht allzu weit entfernt sein. Das war Frank Klenk wichtig. Im Internet schauten sie sich schließlich um, wurden fündig und besichtigten „zwei, drei Häuser“, wie Patrizia Klenk erzählt. „Aber das in Freyenstein war das einzige, wo wir uns beide gleich einig waren.“ Denn sie wollten etwas, wo sie sich noch selbst einbringen und mitgestalten können. Der kleine Hof mit dem Brunnen in der Mitte, die spezielle Bauweise mit dem Laubengang, das Fachwerk und der angrenzende Garten. All das gefiel. Die Chemie stimmte. Da nahmen sie auch die Entfernung von rund 1000 Kilometern in Kauf.

Freunde daheim waren zunächst skeptisch

Für die Freunde daheim in Österreich sei das schwer nachvollziehbar gewesen. Ein so großer Schritt in den deutschen Osten, die vermeintliche Einöde. „Seid ihr euch wirklich sicher? Überlegt euch das genau“, habe es geheißen. Doch da waren Frank und Patrizia von ihrem Vorhaben längst nicht mehr abzubringen. Der gelernte Lehmbauer und Maler und die Pflegefachkraft waren in Gedanken bereits in Freyenstein. Er kann überall arbeiten; sie fand eine neue Arbeitsstelle bei Optimal Media in Röbel. Im Mai wurde der Kaufvertrag mit der Stadt Wittstock unterschrieben.

Ehebett für die erste Nacht in Freyenstein mitgebracht

Für die erste Übernachtung bei Kerzenschein im eigenen Heim brachten sie sich sogar ihr Ehebett mit. Strom und Wasser gab es anfangs noch nicht. Ihre Wäsche konnten sie im örtlichen Hirschhof waschen, dessen Betreiber ihnen inzwischen ans Herz gewachsen sind. Geduscht wurde in der Schwimmhalle in Wittstock. Mittlerweile gibt es ein Bad mit Wanne, Toilette, Waschbecken, Waschmaschine – alles provisorisch, aber es geht. Der Hausstand wurde in einem Nebengebäude untergebracht.

Blick auf die Rückseite des Hauses. Quelle: Björn Wagener

Die ersten vier Wochen schlugen sie den Lehm vom Fachwerk, um es wieder sichtbar zu machen; befreiten den Garten von Gestrüpp und Gehölz, machten aus einem ehemaligen Hühnerstall eine provisorische Küche und begannen die Sanierung: Gefache neu ausmauern, Lehmdecken erneuern oder ausbessern, morsche Balken erneuern – alles immer in Absprache mit der Unteren Denkmalschutzbehörde. „Das Haus steht unter Denkmalschutz. Das ist ja das Geile“, sagt Patrizia Klenk. Mit der Behörde kämen sie super klar.

Inzwischen kehrt die Gemütlichkeit zurück. Auf dem Tisch in der rustikalen Küche mit der Kochmaschine von 1910 und zünftigen Holzstühlen stehen Kuchen und Kaffee. Gastfreundschaft wird hier groß geschrieben. Das Haus soll Gästen jederzeit offen stehen,

Auch andere sollen mitgenießen

Wer einfach vorbeischauen möchte – bitteschön. Später soll es Gästezimmer geben, in denen Bekannte und Freunde nach Feiern übernachten können. Im Garten sollen zu diesem Zweck auch einmal Tipis aufgebaut werden. Vielleicht werden sogar ein oder zwei Schweine gehalten, um ab und zu ein Schlachtfest feiern zu können. Die Klenks wollen das Haus nicht nur für sich, sondern auch andere „mitgenießen“ lassen, wie Patrizia Klenk sagt. Und sie wollen Leuten Mut machen, sich womöglich ebenso an ein Sanierungsprojekt heranzuwagen wie sie selbst. Beide schwärmen vom Ausblick und der Umgebung und sind von Freyenstein und seinen Bewohnern begeistert. Dass das Städtchen in den vergangenen Jahren an Struktur verlor und Einkaufsläden schließen mussten, schreckt sie nicht. In irgendeiner Form werde es Lösungen für die Zukunft geben. Da sind sie sich sicher.

Likörchen mit dem Nachbarn

Mit den Nachbarn verstünden sie sich blendend. Man grüßt sich nicht nur, Patrizia Klenk serviert auch mal spontan ein Likörchen, wenn jemand vorbeikommt. „Es ist schön, dass das Haus neue Besitzer gefunden hat. Ich hätte mich das nicht getraut“, sagt Arnold Flau, der gerade mit seinem Hund spazieren geht, Halt macht und auf ein Schlückchen mit den Hausherren anstößt. Diese sind sich ihrer Aufgabe bewusst. Noch ein paar Jahre, dann wäre das Haus wohl nicht mehr zu retten gewesen. Trotz des handwerklichen Geschicks und der Fachkenntnisse von Frank Klenk geht es nicht ohne Unterstützung – etwa vom Zimmerer, Elektriker oder Fensterbauer. Letzterer fertigt die neuen Fenster in einer Werkstatt direkt im Haus. Außerdem werden die Elektroleitungen über Putz verlegt – wegen des Fachwerks, aber auch als Reminiszenz an die gute alte Zeit.

Diesen Zweck erfüllt auch die von einem Fachmann handgemalte originalgetreue Regimentsfahne von „Kalnein“, die gern einmal am Fahnenmast vorm Haus gehisst wird. Sie ist das I-Tüpfelchen, der sichtbare Beweis, der schon jetzt deutlich macht: Das Haus an der alten Untermühle bekommt seinen Glanz zurück, ohne die Vergangenheit zu verleugnen – welch ein Happy End.

Von Björn Wagener

„Unsere wunderbaren Jahre“: Der Autor Peter Prange las in Neustadt aus seinem jüngsten Buch. Die Idee, diesen Deutschland-Roman zu schreiben, kam ihm am 2. Januar 2002 in einem Supermarkt – als er erstmals mit Euro bezahlte.

03.11.2017

Zuerst hat sich Robert Rauh den fünften Band von Fontanes „Wanderungen“ vorgenommen: „Fontanes fünf Schlösser“ kam beim Publikum gut an. Nun hat sich der Lehrer und Autor dem ersten Band zugewandt und durchstreift die Ruppiner Schweiz. Dabei spricht er viel mit den heutigen Akteuren. 2019 erscheint das Buch: im Fontanejahr.

16.04.2018

Auf einer rund 1100  Hektar großen Fläche in der Kyritz-Ruppiner Heide befinden sich viel mehr Streuwaffen als erwartet. Darum sind nun drei Fachfirmen im Einsatz. Grund für die Verstärkung: Die Fläche soll so schnell wie möglich von der hochexplosiven Munition befreit werden.

05.11.2017