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Das Schicksal der Flüchtlinge 1945

Sewekow Das Schicksal der Flüchtlinge 1945

Ortschronistin Heidi Kübler setzt sich mit weiteren Einwohnern regelmäßig mit ihrem Heimatdorf Sewekow auseinander. In einer Arbeitsgruppe Heimatgeschichte nehmen sie immer wieder neue Themen unter die Lupe. Nun griffen sie das Thema Flucht, Vertreibung und Umsiedlung im Jahre 1945 auf. Damals kamen 110 Frauen, Männer und Kinder in das Dorf.

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Ortschronistin Heidi Kübler las aus Lebensgeschichten.

Quelle: Christamaria Ruch

Sewekow. Sie heißen Czerny, Riethmüller, Runzler, Schill oder Seelig. Hinter jedem Namen steht eine Lebensgeschichte. Doch an einer Stelle kreuzen sich ihre Wege: 1945 kamen sie nach Sewekow, um dauerhaft Wurzeln zu schlagen oder nach kurzer Zeit weiter zu ziehen. 110 Frauen, Männer und Kinder kamen damals nach Sewekow – als Verwandte oder Fremde. Bis heute wird darüber diskutiert, ob diese Fremden Flüchtlinge, Vertriebene oder Umsiedler genannt werden sollen.

Auch 72 Jahre nach Kriegsende setzen sich Ortschronistin Heidi Kübler und ihre zehn Mitstreiter in der Arbeitsgruppe (AG) Heimatgeschichte mit dem Schicksal dieser Menschen auseinander. „Alle Namen sind hier dokumentiert“, sagt Heidi Kübler beim jüngsten Treffen und blättert in dem Aktenordner. Jedes bewohnbare Haus nahm im Mai 1945 in Sewekow neue Einwohner auf. Denn erst kurz zuvor, am 2. Mai, waren bei einem Brand in Sewekow 15 Häuser den Flammen zum Opfer gefallen. „Jeder, der Zimmer frei hatte, erhielt Einquartierungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nicht problemlos ablief“, so Heidi Kübler.

Man konnte sich nicht aussuchen, wer kommt

„Das war ein Thema für sich – nicht alle waren gleich“, erinnert sich Erhard Nöhmke. Allein in seinem Elternhaus kamen zehn Personen aus der Ukraine, dem Ural und Polen unter. Nöhmke erinnert sich „an Skrupellose aus Rumänien, die mit Schlagringen und Messern ausgestattet im Dorf unterwegs waren.“ „Das alles waren sehr viele Einzelschicksale. Das kann man sich nicht aussuchen, wer zu einem kommt“, entgegnete Heidi Kübler.

Sie stellte ein Tonbandprotokoll mit Ella Hirschmüller, geborene Schill, vor und las ihre Lebensgeschichte vor. Ella Hirschmüller wurde 1928 in Besarabien (Rumänien) geboren. 1941 folgte die Umsiedlung ihrer Familie nach Polen, im Januar 1945 flüchteten sie in Richtung Deutschland. Unterwegs gab ihnen ein deutscher Soldat den Rat, „sobald wie möglich über die Oderbrücke zu reisen, da diese in Kürze gesprengt werden würde.“ Im Februar erreichte die Familie zunächst Wittstock und dann Sewekow.

Viele Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und dann andernorts Aufnahme fanden, schwiegen allerdings lange oder für immer über ihre Erlebnisse. Gedanken, Gefühle und Ängste hielten sie im Verborgenen. Wie groß allerdings der psychische Druck war, dies zu verarbeiten, kann nur erahnt werden. Begriffe wie Posttraumatische Belastungsstörung infolge von Kriegserlebnissen sind erst in der heutigen Zeit anerkannt. Darüber sind sich alle in der AG Heimatgeschichte einig.

Viele Vertriebene waren doppelt gestraft

Hartmut Ruge wirft ein: „Es darf nicht vergessen werden, dass der Krieg seinen Anfang in Deutschland hatte.“ Und er merkt weiter an: „Die Familie von Ella Hirschmüller war wie viele andere doppelt bestraft gewesen, denn erst mussten sie ihre alte Heimat verlassen und im alten Polen Fuß fassen. Dort hatten sie Hoffnung auf eine neue Heimat gehabt. Dann kamen zum Kriegsende erneut Flucht und Vertreibung auf sie zu.“ Heidi Kübler sagt: „Manche Passagen gehen beim Vorlesen sehr nah, etwa auch, dass sich die junge Frau nicht getraut hatte, vom Wagen abzusteigen, denn die Gefahr war zu groß, dass der Wagen schneller fuhr, als sie laufen konnte.“

Auch Hartmut Ruges Familie gehörte zu denjenigen, die ihre alte Heimat verlassen mussten und zunächst in Groß Mutz bei Löwenberg (Oberhavel) wohnte. Eine erste Flucht endete im Januar 1945 an der Oder, dann kehrte die Familie in die Neumark zurück. Doch im Juni 1945 folgte die endgültige Vertreibung. „Es gab einen Aushangbefehl und bei der Flucht mussten alle den Haustürschlüssel von außen stecken lassen“, weiß Hartmut Ruge aus den Erzählungen seiner Mutter. Während sein Bruder kurz nach der Flucht in Groß Mutz zur Welt kam, wurde Hartmut Ruge erst sechs Jahre später geboren. Die Erzählungen von der Flucht seiner Familie hat er dauerhaft verinnerlicht.

Von Christamaria Ruch

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