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Das passiert wirklich beim Idiotentest

Die berüchtigte Medizinisch-Psychologische Untersuchung Das passiert wirklich beim Idiotentest

Vor dem Idiotentest fürchten sich viele Autofahrer. Wer betrunken Auto fährt, muss unter Umständen zur Medizinisch-Psychologische Untersuchung, die auch Idiotentest genannt wird. Wir haben uns von einer Expertin erklären lassen, was dort passiert und wem der Idiotentest auch droht.

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Wer betrunken Auto fährt, muss damit rechnen, einen Idiotentest machen zu müssen.

Quelle: dpa

Neuruppin. Nur etwa jede 600. Fahrt unter Suchtmitteln wird laut Statistik auf Deutschlands Straßen durch Kontrollen aufgedeckt. Sandra Helm (39), Leiterin der Integrierten Suchtberatung Ostprignitz-Ruppin des Tannenhof-Vereins in Neuruppin, bereitet Menschen auf die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) vor. Mit diesem Gutachten wird die Fahreignung im öffentlichen Verkehr beurteilt. Die Klienten, die Diplom-Sozialarbeiterin Sandra Helm betreut, sind meist nicht nur frustriert, weil sie ihren Führerschein abgeben mussten, sondern haben vor allem ein tiefergreifendes Suchtproblem, das es zu behandeln gilt.

MAZ: Frau Helm, im Volksmund wird die MPU oft als „Idiotentest“ bezeichnet. Woher kommt dieser abwertende Ausdruck?

Sandra Helm : Auf jeden Fall nicht aus unserer Beratungsstelle. Wir legen viel Wert darauf, den Begriff MPU, für Medizinisch-Psychologische Untersuchung, zu verwenden. Denn wir bieten in unserer Beratungsstelle Menschen, die ihren Führerschein wegen Trunkenheit oder Drogenkonsum verloren haben, die Möglichkeit sich gut auf die MPU vorzubereiten.

Sandra Helm arbeitet seit 2008 für die Suchtberatung des Tannenhofs in Neuruppin

Sandra Helm arbeitet seit 2008 für die Suchtberatung des Tannenhofs in Neuruppin

Quelle: Fröhlich

Worauf liegt das Hauptaugenmerk bei der MPU-Vorbereitung?

Helm: Auf der persönlichen Geschichte des Klienten, denn jeder hat andere Voraussetzungen für ein positives MPU-Ergebnis. Sich gut vorzubereiten bedeutet vor allem auch, sich mit dem Konsumverhalten auseinander zu setzen. Dabei helfen wir, indem wir gezielte Fragen stellen. Wir versuchen in die Rolle des Gutachters zu schlüpfen und beraten die Klienten in Hinblick auf die nötigen Veränderungen, die oft sehr individuell ausfallen.

Gilt eine Abstinenz-Pflicht?

Helm: Es ist ein Irrglaube, dass alle bei der MPU beteuern müssen, dass sie nie wieder Alkohol trinken oder Drogen nehmen werden. Das stimmt nicht für jeden. Es geht eher darum, dass derjenige das nicht mehr macht, bevor er Auto fährt. Abstinenz wird aber in vielen Fällen gefordert und muss in einigen Fällen auch über einen Zeitraum von einem Jahr nachgewiesen werden.

Für eine MPU sollte man sich einen Tag Zeit nehmen

Wie läuft eine MPU ab?

Helm: Wer einen Termin zur MPU hat, muss viel Zeit mitnehmen, denn sie zieht sich über mehrere Stunden hin und besteht aus drei Teilen. Es gibt eine medizinische Untersuchung, bei der ein Arzt alle körperlichen Dinge, die beim Autofahren wichtig sind, untersucht. In einem Computertest werden zum Beispiel Konzentration und Koordination geprüft und zuletzt folgt das psychologische Gespräch.

Werden bei diesem Gespräch immer die gleichen Fragen gestellt?

Helm: Das kann man so nicht sagen. Sicherlich ähneln sich die Fragen, aber eine Schablone könnte man nicht über die Gespräche legen. Sie müssen sich das psychologische Gespräch ein bisschen wie einen Dialog zwischen einem wissbegierigen Kind und einem Erwachsenen vorstellen. Das Kind, in dem Fall der Gutachter, will eine Geschichte hören und zwar eine, die es auch verstehen will. Und zwar ganz genau verstehen will. Da darf es keine Widersprüche oder Lücken geben. So muss ein Klient, der unter Alkohol Auto gefahren ist, dem Gutachter ganz genau erklären können, wie ihm die Veränderung gelungen ist, welche Schritte er dafür eingeleitet hat und wie lange diese Veränderung schon andauert.

Gutachter muss die Glaubwürdigkeit des Teilnehmers testen

Das klingt nach einem langen Weg bis zur MPU.

Helm: So ist es auch. Um eine Veränderung glaubhaft nachzuweisen zu können, braucht man einfach einen gewissen Beweiszeitraum. Das ist für viele verständlicherweise sehr frustrierend, denn gerade hier bei uns auf dem flachen Land sind die meisten auf Führerschein und Auto angewiesen. Ich erinnere mich an eine Frau, die, nachdem sie ihren Führerschein abgeben musste, über ein Jahr lang täglich fünf Stunden mit dem Zug unterwegs war, um ihren Job nicht zu verlieren. Das war ein hoher Preis, den sie am Ende für ihre Deliktfahrt zahlen musste. Aber nicht nur Autofahrer sind betroffen. Was viele nicht wissen ist, dass auch Radfahrer zur MPU gebeten werden können, wenn sie im Straßenverkehr auffällig werden.

Stellt der MPU-Gutachter denn auch Fangfragen?

Helm: Ich würde sie nicht so bezeichnen, aber der Gutachter muss ja die Glaubwürdigkeit des Teilnehmers testen. Dazu gehört manchmal auch, Dinge von verschiedenen Seiten aus zu beleuchten. Der Gutachter könnte zum Beispiel fragen, wie viel Alkohol der Klient vor der Trunkenheitsfahrt zu sich genommen hat. Wenn der Teilnehmer nur drei Bier angibt, die Polizei ihn aber mit 2,5 Promille erwischt hat, dann weiß der Gutachter, dass etwas nicht stimmen kann. Mit drei Bier hat dieser Mensch keine 2,5 Promille.

Gibt es einen besonderen Fall, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Helm : Ja, das war mein erster Klient, den ich hier auf die MPU vorbereitet habe. Der war anfangs sehr wütend auf seine Nachbarin, die bei der Polizei angerufen hatte, als er betrunken in sein Auto gestiegen ist. Bei den ersten Terminen war seine „furchtbare“ Nachbarin weiterhin Thema und es hat mich sehr viel beraterisches Geschick gekostet, ihn in seinen eigenen Anteil an der Geschichte zu lenken. Als er sich nach dem Bestehen der MPU mit einem Blumenstrauß bei mir bedanken wollte, konnte ich ihn davon überzeugen, dass diese Blumen eher der Nachbarin zustehen. Dieser Fall macht unsere Arbeit deutlich: Wir bringen die Fakten in ein anderes Licht. Es geht um die Reflexion des eigenen Verhaltens und den Fokus darauf zu lenken, denn jeder kann immer nur sein eigenes Tun beeinflussen.

Kostenlose MPU-Vorbereitungsrunden

Rund 70 Prozent der Menschen, die sich bei der Integrierten Suchtberatung auf die MPU vorbereiten lassen, haben ein Alkoholproblem. Die restlichen 30 Prozent fallen in den Bereich der Drogenabgängigkeit.

Seit vielen Jahren bietet die Integrierte Suchtberatungsstelle des Tannenhof Berlin-Brandenburg am Standort Neuruppin einen kostenpflichtigen Kurs mit acht Gruppengesprächen als MPU-Vorbereitung an. Die Teilnehmer erhalten Informationen über die MPU selbst, die Folgen des Suchtmittelmissbrauchs und über das Risiko der Abhängigkeit.

Parallel dazu haben sie die Aufgabe, sich schriftlich mit ihrer ganz persönlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Aspekte daraus fließen auch in die Gruppengespräche ein. Rückmeldungen der Teilnehmer haben gezeigt, dass sie das Gruppenangebot als sehr hilfreich empfinden, berichtet die Leiterin Sandra Helm. Der Anteil derer, die durch die MPU fallen, ist in der Beratungsstelle niedrig.

Die Sperrfrist – das heißt, die Fahrverbotszeit, bietet sich für eine MPU-Vorbereitung an. Gesetzlich vorgeschrieben ist die Vorbereitung jedoch nicht. Manche gehen ohne jegliche Vorbereitung in die Untersuchung, weiß Sandra Helm.

Die unverbindliche und kostenlose Informationsrunde findet an jedem zweiten Montag im Monat um 16 Uhr statt. Sie wird laut Sandra Helm gut angenommen. Die Teilnehmerzahl schwankt zwischen drei und zehn.

Der Tannenhof Berlin-Brandenburg bietet landesweit stationäre und ambulante Suchthilfe sowie Präventionsprojekte und Kinderhilfe an. Das Netzwerk besteht aus 260 Mitarbeitern und 4900 ambulanten Therapieeinheiten in Brandenburg und 4100 Einheiten in Berlin.

Sandra Helm ist seit 2008 bei der Suchtberatung des Tannenhof in Neuruppin tätig. Seitdem bietet sie auch MPU-Vorbereitungen an. Die 39-Jährige ist Diplom-Sozialarbeiterin mit der Zusatzausbildung zur Suchttherapeutin.


Von Luise Fröhlich

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