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„Depressionen im Alter bleiben oft unerkannt“

Interview mit Joachim Behr „Depressionen im Alter bleiben oft unerkannt“

Der Chefarzt für Psychiatrie an den Ruppiner Kliniken, Joachim Behr, spricht im MAZ-Interview über psychische Erkrankungen im hohen Alter, die Schwierigkeit der Diagnose und Möglichkeiten zur Therapie. Er mahnt davor wegzublicken, denn „die Suizidrate bei depressiven Erkrankungen steigt mit zunehmendem Alter an“.

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Joachim Behr leitet die psychiatrische Abteilung an den Ruppiner Kliniken.

Quelle: Mischa Karth.

Neuruppin. Jeder fünfte Deutsche erkrankt nach Angaben der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ im Laufe seines Lebens an einer Depression. Auch ältere Menschen können von der Krankheit betroffen sein. Bei ihnen bleiben eine korrekte Diagnose und eine entsprechende Behandlung jedoch häufig aus. Über die Gründe sprach die MAZ mit Joachim Behr (50), dem leitenden Chefarzt der psychiatrischen Abteilung an den Ruppiner Kliniken.


MAZ:
Herr Behr, Sie beschäftigen sich unter anderem mit dem Phänomen von Depressionen im Alter. Was unterscheidet den Krankheitsverlauf bei älteren von dem bei jüngeren Patienten?

J
oachim Behr:
Eine Depression bei älteren Menschen kommt teilweise mit anderen Symptomen daher. Bei der „klassischen Depression“, die Mitte 20 anfängt, verzeichnen wir Antriebsarmut, Freudlosigkeit, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen. Bei Älteren zeigen sich zum Teil auch körperliche Beschwerden wie Brust- und Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Schwindel und vor allem eine gedankliche Einengung, die manchmal schon einen wahnhaften Charakter annimmt. Dann bestehen die Gedanken zum Beispiel plötzlich hauptsächlich aus Sorgen ums Geld.

Ändert sich auch das Verhalten?

Behr: Ja, ältere Menschen mit Depressionen legen eher ein mürrisches oder aggressives Verhalten an den Tag. Im Altersheim verweigern sie beispielsweise die Nahrung. Hinzu kommt eine Verleugnung der eigenen Erkrankung. Dann wird zu Stereotypen gegriffen und es heißt „Im Alter zieht man sich halt zurück“ oder „Im Alter hat man nicht mehr so viele soziale Kontakte“. Aber Alter ist keine Diagnose.

Was sind die Folgen?

Behr: Die Suizidrate bei depressiven Erkrankungen steigt mit zunehmendem Alter an. Deshalb muss man besonders wachsam sein.

Woher kommen die Depressionen überhaupt?

Behr: Wie bei jüngeren Erkrankten auch sind die Depressionen zum einen genetisch bedingt. Als äußere Ursachen kommen der Verlust des Arbeitsplatzes oder des Lebenspartners, aber auch der Auszug der Kinder aus dem gemeinsamen Zuhause hinzu. Außerdem gibt es Erkrankungen, die den organischen Hirnstoffwechsel beeinflussen und eine Depression auslösen können. Hierzu zählen Diabetes, Tumorerkrankungen und Schlaganfälle.

Was lässt sich dagegen unternehmen?

Behr: Zunächst einmal muss die Depression überhaupt als solche erkannt werden. Dass körperliche Beschwerden Ausdruck einer psychischen Erkrankung sind, lässt sich häufig nur interdisziplinär, das heißt im Zusammenspiel verschiedener Disziplinen erkennen. COPD ist beispielsweise eine Lungenerkrankung, durch die weniger Sauerstoff ins Gehirn gelangt, dadurch werden die Patienten teilweise verwirrt. Das ist ein therapeutisches Dilemma. Wer ist nun gefragt? Der Pneumologe oder der Psychiater? Wir haben an den Ruppiner Kliniken einen Fachbereich, die Gerontopsychiatrie, eingerichtet, in dem sowohl Internisten als auch Psychiater an Bord sind. Das ist eine tolle Sache, denn es gibt einen enormen Bedarf.

Wie sieht die Behandlung aus?

Behr: Sie erfolgt über Medikamente und/oder über eine Psychotherapie. Die Medikamente sind deutlich nebenwirkungsärmer als noch vor 30 oder 40 Jahren. Bei der Psychotherapie geht es vor allem darum, über die Erkrankung aufzuklären, Ressourcen zu stärken, für Tagesstrukturen zu sorgen – und Sozialkontakte zu stärken.

Interview: Mischa Karth

Von Mischa Karth

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