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Der Alltag einer Suchttherapeutin

Kampf gegen den Alkoholismus Der Alltag einer Suchttherapeutin

Ingrid Schröder-Bonvillain ist Sucht- und Gestalttherapeutin. Zu ihrem Beruf kam sie, weil ihre Großmutter alkoholkrank war und sie mit der Krankheit Alkoholsucht großgeworden ist. Im Interview erzählt sie von dem Versuch, die Menschen auf einen Alltag ohne Drogen vorzubereiten und von den Glücksmomentan bei der Arbeit.

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Ingrid Schröder-Bonvillain in ihrem Behandlungszimmer.

Quelle: FOTO: Peter Geisler

Neuruppin. Ingrid Schröder-Bonvillain ist Sucht- und Gestalttherapeutin im Adaptionshaus des Tannenhofs in Neuruppin. Das Gespräch über ihren Beruf fand in einem Behandlungszimmer der Therapeutin statt.

Was hat Sie zu der Entscheidung gebracht, diesen beruflichen Weg einzuschlagen?

Meine Großmutter war alkoholkrank. Das war mein Motor, sonst hätte ich diesen Beruf bestimmt nicht ergriffen. Der Arzt meiner Großmutter sagte damals, sie mache das nicht absichtlich, sondern sei krank. Ich bin mit dieser Krankheit großgeworden. Mit 21 Jahren habe ich über Bekannte von einer Berliner Drogeneinrichtung gehört, die dort arbeiteten. Mit dem, was sie mir erzählt haben, wurde ich aufgerüttelt und habe mich als fachfremde Mitarbeiterin beworben. Eigentlich war ich ausgebildete Bürokauffrau. Sechs Jahre bin ich in dieser Einrichtung gewesen und habe therapeutisch gearbeitet. Im Anschluss machte ich eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin, woraufhin ich in einer Berliner Beratungsstelle als Therapeutin und Suchtberaterin gearbeitet habe. Nach weiteren vier Jahren Therapieausbildung habe ich selbstständig gearbeitet. Vor 28 Jahren kam ich zur ambulanten Therapienachsorge zum Tannenhof, ich habe zuerst in der Alkoholentwöhnungseinrichtung Schönbirken gearbeitet. Ein Jahr später bin ich ins Neuruppiner Adaptionshaus gekommen.

Was ist Ihnen an Ihrem Beruf wichtig?

Es ist eine helfende Tätigkeit, ich kann mit Menschen arbeiten und sie dabei unterstützen, gesund und abstinent zu werden und sich in ihrem Leben wieder zurechtzufinden – ohne Sucht. Ich erfahre viel von diesen Menschen, wenn sie offen sind – das ist auch für die Therapie sehr wichtig. Sie zu begleiten und Beziehungen zu ihnen aufzubauen, ist mein Job. Das kann anstrengend sein, ist aber für mich ein Riesengeschenk.

Wie werden Menschen, die zeitweise hier leben, wieder auf den Alltag vorbereitet?

Menschen, die zuvor eine Entwöhnungsbehandlung in einer Fachklinik gemacht haben, kommen im Anschluss hierher und trainieren in der stationären Adaptionsbehandlung, wie das Leben ohne Suchtmittel funktioniert. Das kann bei einigen Alkohol gewesen sein, bei anderen Drogen, Medikamente, Spielsucht oder auch der Mischkonsum von verschiedenen Suchtmitteln; das ganze Spektrum. Bis zu vier Monaten können die Patienten bei uns in ein geregeltes Leben zurückfinden. Wir haben Platz für 22 Personen. Jeder bekommt zum Einzug ein eigenes Appartement und lernt erst einmal das Haus und die anderen Bewohner kennen. Die Woche ist für jeden Rehabilitanden klar strukturiert. Einer der Hauptschwerpunkte neben der Suchtbehandlung ist die Erprobung der beruflichen Leistungsfähigkeit an einem selbst gewählten Trainingsarbeitsplatz während des gesamten Aufenthaltes. Wir unterstützen im Bedarfsfall die Suche nach einem passenden Arbeitsplatz. An vier Tagen in der Woche gehen die Bewohner für jeweils sechs bis acht Stunden arbeiten. Donnerstag ist Großgruppe und selbstständige Appartementreinigung. Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Neben den wöchentlichen einzeltherapeutischen Gesprächen finden Angebote wie Rückfallpräventionstraining, Ernährungs- und Computerkurse statt. Wir arbeiten eng mit Selbsthilfegruppen der Stadt zusammen, jeder Bewohner soll einmal die Woche eine solche Gruppe besuchen. In der Therapiesitzung sprechen wir über die Lebenssituation, das Praktikum, die Tagesstruktur, die Selbsthilfe- und Freizeitgestaltung. Besonders wichtig für die Patienten sind Kontakte zu anderen Menschen – alleine sein, einsam sein und Langeweile killen die Abstinenz. Von daher sollte man in dieser Situation beispielsweise lieber ein Ehrenamt übernehmen als gar nichts zu tun, denn das ist sehr gefährlich für abhängige Menschen.

Wann empfinden Sie in Ihrer Tätigkeit Glücksmomente?

Glücksmomente sind für mich in meiner Arbeit, wenn der Patient offen für Neues ist, wenn er neugierig ist und sich selbst etwas zutraut. Wenn jemand sagt: „Ich probiere das jetzt aus“, und damit aus einer Eigenmotivation heraus Ängste und Unsicherheiten überwinden kann. Viele sind verschlossen und haben Probleme, sich zu öffnen. Manche machen von Anfang an zu, andere nicht. Das hängt ganz von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Ihre Suchterkrankung ist mit Scham besetzt, Suchtkranke sind sehr sensible und empfindsame Menschen. Es gibt ja einen Grund, weshalb sie abhängig geworden sind. Der Effekt beim Konsumieren ist das Vergessen, der Rausch verdeckt oder verdrängt – zum Beispiel eine Depression.

Was muss man für den Beruf des Therapeuten Ihrer Meinung nach mitbringen?

Für diesen Beruf braucht es Herz und Engagement, aber ebenso die Distanz. Wenn ich die Lebensgeschichten, die ich hier höre, mit nach Hause nehme, kann ich selbst nicht gut leben. Natürlich spreche ich mit meinen Kollegen über Dinge, die mich im Arbeitsalltag beschäftigen. In unserer Arbeit bieten wir Kontakt und begleiten den Prozess des Zu-sich-Findens, wir machen Mut, Dinge anzupacken und anzugehen, die für viele nach der Therapie erst einmal schwer sind. Dabei sind wir auch kritisch, versuchen aber, eine liebevolle Seite mit einzubringen.

Wie gestaltet sich die Arbeit im Team?

Die Arbeit ist mehrschichtig, wir arbeiten mit einer Mischung von Therapieansätzen aus Verhaltens- und Gestalttherapie. Unsere Einrichtung ist klein, das Team besteht aus zwei Suchttherapeuten, einer Ärztin, dem Leiter der Einrichtung, einer Sozialarbeiterin, einer Hausdame und mir. Hier herrscht ein extrem gutes Betriebsklima, das auf viel Vertrauen aufbaut. Wir können sehr flexibel arbeiten und ebenso mit unseren Arbeitsbereichen umgehen. Zu unserem Team gehören auch ehrenamtliche Mitarbeiter und eine Honorarkraft sowie die Nachtschwestern, die von 20 bis 6 Uhr vor Ort sind. Meine Arbeitszeit ist von acht bis 16.30 Uhr, aber ich kann diese Zeit auch anders einteilen – manchmal habe ich auch später am Abend Termine. Ich leite außerdem Nachsorgegruppen im Neuruppiner und Berliner ambulanten Therapiezentrum des Tannenhofes. Ein nicht unwesentlicher Teil meiner Arbeit ist die aquirierende Tätigkeit, das heißt die Vorstellung unserer Einrichtung in anderen Fachkliniken.

Was tun Sie, wenn Sie nicht im Adaptionshaus sind?

In meiner Freizeit bin ich gerne mit meinen Enkelkindern und meiner Tochter zusammen, treffe Freunde, pflege Kontakte und lese. Außerdem fahre ich an Wochenenden gerne nach Berlin, um die Großstadt zu genießen. Zusätzlich arbeite ich auch ambulant in Berlin, wo ich eine kleine Praxis habe. Mit meiner Arbeit bin ich gut ausgelastet. Ich habe zwar mittlerweile das Rentenalter erreicht, kürzlich aber meine Tätigkeit auf weitere zwei Jahre verlängert. Ich bin sehr glücklich mit meinem Beruf, ich habe für mich einen richtigen, guten Weg eingeschlagen, der mich erfüllt und mit dem ich völlig zufrieden bin.

Interview:

Von Christina Koormann

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