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Der Karambolagen-Mann

Martinimarkt in Neuruppin Der Karambolagen-Mann

15 verschiedene Schulen in einem Schuljahr – so sah das Leben von Lothar Welte in der Kindheit aus. Er fand es toll. Und noch heute liebt er das Wanderleben als Schausteller. Zurzeit ist der Betreiber eines Autoscooter und Schausteller in sechster Generation auf dem Neuruppiner Martinimarkt.

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Lothar Welte in seinem Autoscooter. Die waren schon zu DDR-Zeiten ein Hit auf Jahrmärkten.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin . Die größte Kirmes zwischen Ostsee und Berlin: Damit wirbt der alljährliche Martini-Markt in Neuruppin. Immer dabei ist Lothar Welte. Der Schausteller ist mit einer der Ersten vor Ort, bevor sich die Fahrgeschäfte drehen. Gemeinsam mit dem Veranstalter. der städtischen Wirtschaftsfördergesellschaft Inkom, kümmert sich Welte im Vorfeld beispielsweise um die Vergabe der Standplätze.

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Rund 200 000 Besucher kommen jedes Jahr Anfang November nach Neuruppin. Dann verwandelt sich die Innenstadt mit dem Martinimarkt für zehn Tage in einen großen Rummelplatz. Seit Freitag Abend drehen sich wieder die Karussells.

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„Kurz vor der Eröffnung brennt immer die Luft“, sagt Welte. Doch er ist ein alter Hase, der weiß, was zu tun ist. 1981 übernahm er das Geschäft von seinem Vater, das mittlerweile in der sechsten Generation in der Familie ist.

Ursprünglich waren seine Vorfahren im Gastronomie- und Hotelleriegewerbe tätig. Eines Tages hatte sein Ururgroßvater die Idee, im hoteleigenen Garten ein Fest mit einem Schausteller zu veranstalten. Der, so erzählt Welte, war ein leidenschaftlicher Spieler und verlor sein Karussell an einen Gast. Dieser konnte mit seinem Gewinn aber nichts anfangen und überließ es Lothar Weltes Urahn. Das war der Beginn einer Schaustellerdynastie.

Karambolagen mit Spaß – der Autoscooter von Lothar Welte auf dem Neuruppiner Martinimarkt

Karambolagen mit Spaß – der Autoscooter von Lothar Welte auf dem Neuruppiner Martinimarkt.

Quelle: Peter Geisler

Ursprünglich stammt die Familie aus Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Doch Weltes Vater landete im thüringischen Nordhausen, der Liebe wegen. Er und seine Frau zogen später nach Magdeburg, wo auch Lothar geboren wurde, und von dort aus zunächst mit einem Kettenkarussell von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Dann baute Vater Welte einen Wellenflieger. „Der lief damals überhaupt nicht, heute ja“, erinnert sich der Sohn. Besuchermagnet war die Walzerfahrt. Die hat Weltes ältester Bruder später übernommen.

Der Beruf der Eltern bedeutete, dass Lothar Welte pro Jahr zwischen zehn und 15 verschiedene Schulen besuchte. Das war nur am Anfang schwierig. Kehrte er im darauffolgenden Jahr an eine der Schulen zurück, freuten sich alle Mitschüler. „Dann gab es Freikarten.“

Die Mutter bestand auf einem ordentlichen Beruf

Für Welte stand früh fest, dass er in die Fußstapfen seiner Eltern treten würde. Doch seine Mutter bestand darauf, dass der Junge „erst mal einen ordentlichen Beruf erlernte“. Denn in den Anfangsjahren der DDR hing die Verstaatlichung aller privatwirtschaftlichen Betriebe wie ein Damoklesschwert über den Schaustellern, die von der Staatspartei nicht wohl gelitten waren. Das änderte sich erst Ende der 1960er Jahren, da nahm der Verstaatlichungsdruck spürbar ab.

Beim Volk waren die Schausteller dagegen immer sehr beliebt. „Die Leute lächelten und die Kinder hatten ihren Spaß“, sagt Welte. Zu DDR-Zeiten gab es etwa 600 Schausteller für das ganze Land. Das war, gemessen am Bedarf, viel zu wenig, wie sich Welte erinnert. „Es gab Städte, die in der Weihnachtszeit keinen Rummel hatten.“

Ein Problem war, dass es damals im Osten Deutschlands keine Firmen gab, die Fahrgeschäfte bauten. „Wir waren alle sehr stolz, dass wir unsere Fahrgeschäfte in Eigenarbeit immer wieder auf den neuesten Stand brachten“, sagt Welte.

Lothar Welte wurde erstmal Elektromonteur

Die Worte seiner Mutter im Ohr, erlernte Lothar Welte den Beruf des Elektromonteurs. In den anderthalb Jahren Armeezeit, die damals das mindeste Pflichtprogramm junger Männer in der DDR waren, wurde er Hilfsfahrlehrer.

So eignete er sich viele Fähigkeiten an, die ihm als Schausteller zugute kamen und noch heute von Vorteil sind. Denn natürlich blieb Welte der Familientradition treu. „Dieser Beruf ist eine Berufung, man kann ihn nur mit ganzem Herzen ausüben oder gar nicht“, sagt er. „Einen Acht-Stunden-Tag gibt es nicht.“ Für Welte ist es die Vielseitigkeit, die seinen Beruf so spannend macht. „Es sind immer andere Gegebenheiten, Plätze und Orte.“

Als erstes hat er sich nach der 1989er Wende in der DDR einen Autoscooter angeschafft. Mittlerweile hat er das fünfte Modell des Schaustellergeschäftes und den neunten Satz an Fahrzeugen, diesen bunten Flitzern, mit denen man mit Spaß Kurven drehen und Karambolagen bauen kann.Weltes Ehrgeiz ist es, immer die neuesten Autos am Start zu haben. Denn nur dann kommt die Kundschaft immer wieder.

Mittlerweile befährt Welte nur noch den Osten Deutschlands. Allein im Raum Hannover gebe es 48 Autoscooter, weiß der Schausteller. „Ein heiß umkämpfter Markt.“ Als kleines zweites Standbein betreibt Welte noch Spielautomaten.

Die nächsten zwei Generationen stehen schon bereit

Angst, dass die Familientradition bald ein Ende haben könnte, braucht der Familienvater nicht zu haben. Seine drei Kinder arbeiten in derselben Branche. Zwei sind auch auf dem Martini-Markt vertreten, mit Achterbahn, Enten angeln und Schmalzkuchenstand. Selbst sie halbwüchsigen Enkel mischen schon mit. „Dem 13-Jährigen muss man das Mikrofon aus der Hand nehmen, sonst schnattert er sich tot.“ Auch drei der Cousins von Lothar Welte sind auf dem Neuruppiner Rummel dabei.

Überhaupt Neuruppin. Der Martini-Markt ist für Welte “in familienfreundliches Fest, das seinesgleichen sucht.“ Er schwärmt von dem Behindertentag, den es bereits zu DDR-Zeiten gab. Auch wenn heute das Finanzielle aus Sicht von Welte im Vordergrund steht, ist eines geblieben, die „grenzenlose Freude“ der Menschen. Von vielen Rummelbesuchern - und die Besucherzahl schlugt im vorigen Jahr alle Rekorde – werde er in Neuruppin wie ein alter Bekannter begrüßt. „Ich weiß von Leuten, die sich am Autoscooter kennen und lieben gelernt haben“, so Welte. Und die dann im darauffolgenden Jahr als Paar wiederkommen und sich bei Welte bedanken.

Der Martini-Markt ist auch deshalb für die Schausteller besonders, weil er mit zehn Tagen Dauer zu den längsten Gastspielen gehört. Woanders sind es meist nur drei Tage.

Die Schausteller sind wie eine große Familie

Die Schausteller untereinander kennen sich zumeist. Die derzeit in Neuruppin stehen, kommen aus allen Bundesländern sowie aus dem benachbarten Ausland.

Für Welte und seine Frau bedeutet der Martinimarkt in Neuruppin das Ende der Saison – und des Zugvogellebens im laufenden Jahr. Danach geht es ins eigene Heim nach Rostock, um dort den Winter zu verbringen. „Dann wird der Wohnwagen eingemottet“, erzählt Welte.

Nach dem Weihnachtsmarkt in Rostock ist für Weltes Winterpause. „Im Januar werden die Füße hoch gelegt. Im Februar und März beginnen die Wartungsarbeiten“, sagt der 59-Jährige. Ende März muss alles startklar sein – pünktlich zum Ostermarkt in Rostock. Von dort aus ziehen Weltes wieder das ganze Jahr durch die Republik.

Von Dagmar Simons

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