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Ostprignitz-Ruppin Der Malort als Alltagsflucht
Lokales Ostprignitz-Ruppin Der Malort als Alltagsflucht
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00:18 04.09.2016
Stefanie Selhorst lässt die Malenden völlig freie Hand. Quelle: Regine Buddeke
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Neuruppin

Geredet wird über alles – nur nicht über die Bilder. Farbige Spuren – so nennt Stefanie Selhorst das, was auf dem Papier entsteht. Den Akt des Schöpferischen selbst: spontanes Pinselspiel. „Man malt spontan, ohne darüber nachzudenken“, beschreibt sie das, was man in dem von ihr initiierten Angebot „Malort Neuruppin“ tun kann. Und was von den regelmäßigen Besuchern gut angenommen wird.

Malort als geschützter Ort

„Keiner muss sich Gedanken darüber machen, wie sein Bild auf andere wirkt“, sagt die Neuruppinerin. Es gehe hier kein bisschen darum, Kunst zu fabrizieren. Ob abstrakt oder figürlich: Die Bilder haben keine Adressaten – es gehe lediglich um das Tun an sich. Der Akt des Malens sei ein Spiel, das Bild die Spur, die das Spiel hinterlässt – mit Pinsel und Farbe. Die liegen fein säuberlich aufgereiht auf einem langen Tisch. Die Näpfchen auf dem Palettentisch sind mit allen Regenbogenfarben befüllt – pro Farbe liegen drei Pinsel verschiedener Stärken parat.

Stella Lueneberg entspannt sich beim Malen völlig. Quelle: Regine Buddeke

Stefanie Selhorst sorgt dafür, dass alles für alle bereit steht, füllt Farben nach, zweckt neues Papier an die Wand, wenn das Format für den Malenden zu klein erscheint oder versetzt die Reißnägel, damit kein weißer Punkt auf dem Werk bleibt. Sie assistiert beim Farbenmischen, wischt den Boden, wechselt das Wasser. Alles möglichst, bevor der Malende seinen Wunsch geäußert hat. „Ich bin hier sozusagen in dienender Funktion“, beschreibt sie ihre Rolle, bei der sie versucht, sich in die Wünsche der Spielenden hineinzuversetzen. Ihr geht es darum, dass ihre Malenden völlig losgelöst vom Alltag ihrer inneren Stimme Ausdruck verleihen können. „Der Malort ist ein geschützter Ort. Nur dann sind die Malenden in der Lage, aus ihrem Innersten heraus zu malen.“ Kritik, Vergleiche, Leistungsanspruch – das sind alles Dinge, die außen vor bleiben. Die Bilder bleiben im Raum – weder sollen sie ausgestellt noch jemandem gezeigt werden.

Faszinierend ist die Vielzahl der Motive und Malstile. Quelle: Regine Buddeke

Die Idee zum Malort stammt von Arno Stern, der das Konzept nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte. 1946 arbeitete er in einem Heim für Kriegswaisen bei Paris. Er beschäftigte die traumatisierten Kinder, indem er sie malen ließ. Und begriff sofort die Wichtigkeit dieses Spieles, bei dem die Kinder ihre Verletzungen verarbeiten konnten. Der Malort ist für Arno Stern ein Traumland, in dem der Malende ganz bei sich sein kann, seine Seele auf den weißen Bogen fließen lassen kann, ohne dass er damit eine Botschaft kolportieren möchte. Stefanie Selhorst war vom Konzept Malort fasziniert und hat eine Ausbildung bei Arno Stern absolviert. Vier Kurse für wöchentliche Malstunden bietet sie derzeit an.

Malende sollen Freude entdecken

Bis zu acht Malende – zumeist sind es Frauen – können im kleinen Raum der katholischen Gemeinde Neuruppin ans Werk gehen. Für viele ist es eine Alltagsflucht. Malen als Meditation. Die Wände sind mit Packpapier bekleidet, nach und nach bekommt auch das farbige Spuren von all den Pinselstrichen, die über den Rand des Papiers gemalt wurden. Ein kunterbuntes Muster aus senkrechten und waagerechten Linien, die einander kreuzen wie ein Flechtwerk.

Till füllt die weiße Fläche erst mal mit einer Portion Schwarz. Quelle: Regine Buddeke

„Irgendwann wird man das Braun des Packpapiers nicht mehr sehen“, sagt Stefanie Selhorst und lächelt. Sie mag es, still zwischen den Malenden zu agieren. „Nur wer in einer liebevoll vorbereiteten Umgebung ist, kann sich auf seine Selbstentwicklung einlassen“, merkt sie an. „Wer sich immer selbst versorgen muss, kommt nicht dazu, sich zu entwickeln.“ Gerade heute sei das wichtig: „Die Menschen stehen so unter Leistungsdruck, haben so hohe Ansprüche an sich, dass sie oft den Kontakt zu ihrem eigenen Ich verlieren. Ich möchte, dass die Malenden hier die Freude wiederentdecken, die in ihnen steckt. Das spielerische Kind.“

Jeder malt wie er gern möchte

Stella Lueneberg hat sich gerade in Pünktchen verliebt. Unzählige tupft sie aufs Papier, wie bei einer australischen Aborigine-Zeichnung. „Es ist komisch, ohne Ziel zu malen“, sagt die 18-Jährige. „Aber absolut entspannend, sich völlig fallen – und die Farbe einfach fließen zu lassen.“ Ruth Jäger sieht das ähnlich. Sie kommt regelmäßig in den Malort – oftmals mit Söhnchen Till. „Ich hatte von Arno Stern gehört“, sagt sie. Als sie vor anderthalb Jahren vom Angebot des Malorts in Neuruppin erfuhr, ist sie direkt eingestiegen. „Ich genieße das: raus aus dem Alltag, die Ruhe, das Miteinander“, sagt sie. Sie habe vorher nie gemalt – es sei wie „Seele baumeln lassen“. Was man für Farben und Formen wähle, sei tages- und stimmungsabhängig. „Manchmal fühlt man sich von einer Farbe besonders angezogen. Heute habe ich zum Rot gegriffen – der Rest folgt von allein.“

Eva Lueneberg Quelle: Regine Buddeke

Die Gruppen, die sich im Malort treffen, sind altersgemischt. „Das ist gewollt – ich möchte gern das Zusammengehörigkeitsgefühl der Generationen fördern“, sagt Stefanie Selhorst. Es gebe Gruppen, die sehr still und konzentriert sind – „in anderen wird ohne Ende geredet“, hat sie bemerkt. Jede Gruppe habe andere Themen. Die beim nächsten Mal oft weitergesponnen werden. Wie die Bilder. Wenn einer meint, sein Bild sei noch nicht fertig, malt er eben in der Woche darauf weiter. Wie ein Traum, der unterbrochen und weitergeträumt werden kann.

Info: Am Mittwoch, 21. September, spricht Stefanie Selhorst in einem Vortrag über den Malort. Beginn ist um 19 Uhr im Wichmannsaal der Katholischen Kirche Neuruppin. Wer im Malort selbst malen möchte, kann sich bei Stefanie Selhorst unter Tel.  03391/3 58 547  oder per Internet: info@malort-neuruppin.de melden.

Von Regine Buddeke

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