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Der Strom wächst hinterm Klärwerk

Neuruppin Der Strom wächst hinterm Klärwerk

Neuruppins Stadtwerke entwickeln in den Rieselfeldern hinter der Kläranlage einen riesigen Park als Energiequelle. Das Energieversorger setzt auf einen Mix aus Windkraft, Solarthermie und Energieholz. Die ersten Pappelsetzlinge für die künftigen Plantagen wurden jetzt gepflanzt.

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Nur Zentimeter ragen die ersten Pappelsetzlinge aus der trockenen Erde. Von die benachbarten Rieselfeldern werden sie bald bewässert.

Quelle: Reyk Grunow

Neuruppin. Die Energie der Zukunft ist noch winzig klein. Gerade mal zehn Zentimeter ragt das Stück Pappelholz aus dem trockenen Boden hinter der Neuruppiner Kläranlage. Ein Dutzend Blättchen haben sich links und rechts des Zweigs gebildet. Rund 7000 solcher Setzlinge haben die Stadtwerke Neuruppin in den vergangenen Wochen in den Boden bringen lassen. Die große Hoffnung: In einigen Jahren könnte Neuruppin damit einen gehörigen Teil seiner Heizenergie decken.

Die winzigen Pappeln bilden den Anfang des geplanten Energieparks, den der Energieversorger in den kommenden Jahren auf einem Teil der alten Rieselfelder nahe der Kläranlage am Ende der Gentzstraße entwickeln will. Rund 3,5 Hektar wurden jetzt in einem ersten Schritt mit den Miniaturbäumchen bepflanzt. In einigen Jahren sollen es mehr werden, irgendwann sind es vielleicht 100 Hektar oder 150, schätzt Stadtwerke-Geschäftsführer Joachim Zindler.

Die Plantage ist Teil der großen Energiestrategie, an der die Stadtwerke derzeit im Auftrag der Stadt Neuruppin arbeiten. Zindler und seine Kollegen haben eine Vision. „Wir wollen möglichst viel Energie selbst erzeugen“, sagt der Geschäftsführer. Wenn es nach ihm geht, sollte Neuruppin sich vor allem auf seine eigene Kraft verlassen und weniger auf Energielieferungen von außen. Das hätte mehrere Vorteile: Die Stadt wäre weniger abhängig von den Preisen auf dem Weltmarkt als bisher. Die Kunden müssten nicht mehr die immens steigenden Kosten für die langen Transportwege zahlen; die Netznutzungsentgelte machen schon jetzt einen größeren Teil des Strompreises aus als die eigentliche Energie. Und schließlich wäre es auch noch besser für die Umwelt, wenn Neuruppin seine Energie weitgehend selbst erzeugt.

Erneuerbare Energien aus der Region

Wenn Zindler und seine Kollegen über die Strategie der Zukunft sprechen, dann vor allem über erneuerbare Energien. Gemeint ist ein Mix aus Windkraft, Solarthermie und Heizkraftwerken, die mit Holz und anderen pflanzlichen Stoffen arbeiten sollen, am besten auch mit Abfallstoffen aus der Holzbearbeitung, dem Gartenbau, mit Baumschnitt, Gras und Laub. Und mit Pappelholz.

Der Energiepark, den die Stadtwerke rund um das Klärwerk entwickeln wollen, soll die Basis des Ganzen werden. In drei bis sieben Jahren sind die Pappelsetzlinge so groß, dass sie geerntet werden können, sagt Artur Dzasokhov, der bei dem städtischen Tochterunternehmen für die gesamte Energieerzeugung zuständig ist. Mit Erntemaschinen, sogenannten Harvestern, werden die Bäume in einigen Jahren gefällt. Die Stämme könnten danach gehäckselt, getrocknet und zu Pellets verarbeitet werden. Die lassen sich gut lagern und könnten ein Teil des Brennstoffs für ein moderndes Heizkraftwerk sein.

Vorteil der Pappeln: Sie wachsen ziemlich schnell und die Reste der Stämme treiben nach dem Fällen erneut aus. Sie können ein paar Jahre später noch ein zweites oder gar ein drittes Mal gerodet werden, bevor die Plantage neu bepflanzt werden muss. Ähnliche Plantagen gibt es schon in vielen Orten, ein Gesamtkonzept samt Kraftwerk und Energienetz wie in Neuruppin allerdings nicht, schätzt Zindler.

Welche Bäume eignen sich für Neuruppins Pläne am besten?

„Noch sind wir in der Experimentierphase“, sagt Robert Dziamski, der das Projekt bei den Stadtwerken wesentlich mitentwickelt. Mit der ersten kleinen Plantage wollen die Stadtwerke jetzt unter anderem testen, welche Pappelarten sich am besten für die Pläne eigenen. Sieben Hektar wird das Unternehmen in diesem Jahr bepflanzen lassen, zunächst mit Italienischen Pappeln. „Die sind sehr gut an unser Klima angepasst“, sagt Dziamski. Zu dem Feld mit den winzigen Setzlingen kommt in wenigen Wochen ein zweites mit besenstilgroßen Pflanzen. Alles, um zu sehen, welche Bäume sich wie am besten entwickeln. Auf Pestizide und künstlichen Dünger wollen die Stadtwerke verzichten.

Der Energiepark auf den Rieselfeldern soll nach und nach wachsen. Die Stadtwerke wollen der Stadt dafür weitere Fläche abkaufen und entwickeln. Nicht nur als Energielieferant, sondern zugleich auch als Naherholungsgebiet. „Wir wollen die Energiestrategie und die Stadtentwicklung zusammenbringen“, sagt Joachim Zindler.

Auch wenn es etwas pathetisch klingt für einen Energieerzeuger: Umweltschutz ist ein wichtiger Teil davon. Um die alten Rieselfelder überhaupt bepflanzen zu können, mussten sie erst einmal beräumt werden. Tonnenweise Müll, Schrott und Abfall haben Firmen geborgen. Munitionsexperten haben den gesamten Boden nach Waffen, Granaten, Patronen und anderem gefährlichem Schrott abgesucht. Joachim Zindler kann es immer noch nicht fassen, was die Firmen dort alles ausgebuddelt haben.

Die Rieselfelder verbergen große Mengen Müll und Schrott

Die Rieselfelder sind mit bis zu drei Meter hohen Wällen abgegrenzet. Was aussieht wie extra angelegte Deiche entpuppte sich bei genauerem Hinsehen gelegentlich als getarnter Müllberg. Vieles dürfte schon seit Jahrzehnten dort vergraben sein, anderes kam wohl erst in der Wendezeit oder den Jahren danach dazu. An einigen Stellen muss die Oberfläche abgetragen und in einem Spezialbetrieb gereinigt werden.

Die Setzlinge sind so winzig, dass sie übersehen kann, wer nicht weiß, dass im märkischen Sand etwas gepflanzt wurde, sagt Artur Dzasokhov

Die Setzlinge sind so winzig, dass sie übersehen kann, wer nicht weiß, dass im märkischen Sand etwas gepflanzt wurde, sagt Artur Dzasokhov.

Quelle: Reyk Grunow

Bisher ist das, was sich hinter dem Energiepark versteckt, Zukunftsmusik. „In drei bis zehn Jahren“, schätzt Zindler, wird der Park die erste Energie liefern. Auch der von den Stadtverordneten beschlossene Ausbau des Fernwärmenetzes hängt damit zusammen. Die Stadtwerke sehen darin das Energienetz der Zukunft. Wärme lässt sich gut transportieren, speichern und bei Bedarf in Strom umwandeln. Dass Pappeln und Solarthermie nie den gesamten Energiebedarf von Neuruppin decken können, ist dem Stadtwerkechef klar. Die Energiepark, sagt er, ist vor allem für die Spitzenzeiten gedacht: Solarthermie liefert Wärme im Sommer, Pappelholz im Winter.

Zindler ist von dem Konzept überzeugt. Was er bisher nicht weiß: Was halten die Neuruppiner davon? Zindler: „Wir brauchen eine breite öffentliche Debatte darüber, was wir wollen.“ Am Ende klappt das Ganze nur, wenn die Neuruppiner mitziehen.

Von Reyk Grunow

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