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Der saure Victor von Barenthin

Alte Obstsorten wiederentdeckt Der saure Victor von Barenthin

Bei Urte Delft in Barenthin wächst eine Kirschsorte, die nach einem Prignitzer Adligen aus der Kaiserzeit benannt ist: Victor von Podbielski. Dieser hatte kürzlich 100. Todestag. Als Urte Delft von der Gedenkveranstaltung dazu erfuhr, war sie wie elektrisiert.

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Die Kirschsorte „Minister von Podbielski“ gilt als Rarität. Der Baum zeigte sich in Barenthin bis vor wenigen Tagen in diesem Winterkleid.

Quelle: Privat

Barenthin. Minister von Podbielksi hält Winterschlaf. Viel Schnee überzog bis vor Kurzem noch sein Geäst. Nun ist er getaut. Und nicht mehr lange, dann wird die Frühjahrssonne ihn erwecken, ihn erblühen lassen, diesen Minister von Podbielski, diesen Kirschbaum im Obstgarten von Urte Delft im Gumtower Dorf Barenthin.

Ein Mann? Ein Baum? Ein Mann wie ein Baum? Oder umgekehrt und doch ganz anders?

Der Reihe nach: Victor von Podbielski war einst Besitzer der bei Karstädt gelegenen Güter Dallmin, wo er heute noch begraben liegt, sowie Bootz, Steesow und Wittmoor. Als Generalleutnant kommandierte er von 1885 bis 1890 die Zietenhusaren in Rathenow und wurde anschließend Politiker und enger Vertrauter Kaiser Wilhelms II.

Victor von Podbielski lebte von 1844 bis 1916

Victor von Podbielski lebte von 1844 bis 1916.

Quelle: MAZ Archiv

Dabei vertrat Podbielski von 1893 bis 1897 als Reichstagsabgeordneter die Westprignitz, wurde Staatssekretär des Reichspostamtes und anschließend sogenannter Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten. Zudem wirkte er als Präsident des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele. Podblielski war es auch, der dafür sorgte, dass in Dallmin eine Turnhalle und ein Sportplatz gebaut wurden. Vielmehr jedoch setzte er sich für die wirtschaftliche Entwicklung der Prignitz ein. Die noch heute arbeitende Dallminer Kartoffelstärkefabrik, das Haferflockenwerk sowie die Molkerei in Karstädt gehen auf ihn zurück und ebenso der Bau der Kreisringbahn Perleberg – Berge – Karstädt – Perleberg.

All das erfuhren in Dallmin kürzlich die Besucher der Gedenkveranstaltung anlässlich Podbielskis 100. Todestag (MAZ berichtete). Organisiert von Heimatverein und Ortsbeirat gab es einen Fachvortrag in der Kirche. Im Anschluss folgte eine Führung durchs Gutshaus, das heute vom „Brügger Hof“ genutzt wird, einer psycho-therapeutischen Jugendhilfeeinrichtung.

Als nun Urte Delft in Barenthin von diesem Gedenken erfuhr, war sie wie elektrisiert. „Der Victor von Podbielski wurde doch auch darin geehrt, dass eine Kirschsorte nach ihm benannt wurde. Sie wächst bei uns im Garten“, informierte sie die MAZ und auch den Dallminer Heimatverein: „Ich hatte die Sorte mal nachbestimmen lassen, wobei der Minister von Podbielski herauskam. Es handelt sich dabei um eine verbesserte Ostheimer Weichselkirsche, die zu den Sauerkirschen gehört.“

Die Kirschsorte „Minister von Podbielski“ gilt als Rarität

Wie sie zu dieser Bezeichnung kam, ist unklar. Doch dass diese Kirsche einzigartig ist, lässt sich beispielsweise den Sortenempfehlungen aus einem Projekt namens „Mittelrheinkirschen“ der rheinland-pfälzischen Bodenordnungsbehörde entnehmen. Über „Minister Podbielski“ heißt es dort: „Dieser Typ der Ostheimer Weichsel ist heutzutage nur noch selten anzutreffen, dabei zählt die Sorte zu den qualitativ besten Sauerkirschen.“ Folglich wird sie als Rarität klassifiziert.

Das Barenthiner Exemplar wurde laut Urte Delft von ihrem Großvater gepflanzt. Es wohl gute 80 Jahre alt. „Der Baum wird riesengroß und ist gesund. Auch die Früchte schmecken sehr gut roh, im Kompott, auf Kuchen und als Marmelade“, berichtet die 42-jährige Diplom-Ingenieurin für Landschaftsnutzung und Naturschutz.

Urte Delft im Frühling  unter einem ihrer Apfelbäume

Urte Delft im Frühling unter einem ihrer Apfelbäume. Sie hat sich dem Erhalt alter Sorten verschrieben.

Quelle: Detlef Czeninga

Dass sie es überhaupt mit dem Minister zu tun hat, verdankt Urte Delft der Untersuchung einer Pomologin, einer Obstbaukundlerin also. Dafür schickte sie eine Kirschenprobe nach Thüringen. Solche wird visuell, über die DNA, vor allem aber anhand der Steine samt der Bauch- und Rückennaht geprüft. Auch die Kirschwochen, die Erntezeit, ist ein wichtiger Faktor bei der Bestimmung. „Bundesweit kenne ich nur zwei solche Experten auf dem Gebiet der Kirschen“, erzählt Urte Delft, die mittlerweile selbst eine Expertin ist: An den Volkshochschulen der Region von Neuruppin über Kyritz bis Wittstock gibt sie für Hobbygärtner seit über zehn Jahren Kurse im Obstbaumschnitt und zudem Veredelungskurse. „Das hat berufliche Ausmaße angenommen“, sagt sie, die sich dem Erhalt alter Obstsorten verschrieben hat. Eine von ungezählten ist beispielsweise die ebenso adelig klingende „Goldrenette Freiherr von Berlepsch“. Doch das ist ein Apfel – und eine ganz andere Geschichte.

Von Matthias Anke

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