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Der verlorene Nachbar von Gadow

Die ehemalige Glashütte bei Wittstock Der verlorene Nachbar von Gadow

Friedrich II. gab den Befehl: In der Nähe des Wittstocker Dorfes Gadow sollte eine Glashütte für Flaschen und Medizingläser gebaut werden. Wirtschaftlich war sie höchstens zu Beginn: Weil Kohle fehlte, wurde der Wald für die Öfen abgeholzt, einen Eisenbahnanschluss gab es nie. 1923 wurde die Hütte aufgegeben, eine Gaststätte blieb zunächst erhalten.

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Da, wo heute noch Ruinen der Sowjetarmee stehen, gab es früher eine Glashütte.

Quelle: Claudia Bihler

Wittstock. An den Spielplatz im Ort Glashütte und an den schönen Park erinnert sich Waltraud Havemann aus Gadow bei Wittstock noch ganz genau: „Als Kind bin ich mit dem Fahrrad immer am Russenturm vorbeigefahren, meine Eltern hatten in Glashütte eine Wiese. Jede Menge Soldaten gab es da.“ Über die ehemalige Glashütte dagegen, die dem Ort seinen Namen gab, weiß sie nicht mehr sehr viel: „Die gab es da schon nicht mehr.“

Und irgendwann war dann auch der Zugang zu dem kleinen Dorf mit seinen wenigen Einfamilienhäusern versperrt: Die sowjetische Armee errichtete in den 1980er Jahren einen Schlagbaum; von da an war kein Durchkommen mehr. Um zur Familienwiese zu gelangen, nutzte die Familie eine Brücke, die die LPG als Umweg zu den Flächen am direkt benachbarten Schießplatz in der Ruppiner Heide angelegt hatte. Mit den Ausflügen zum Blaubeerensammeln nach Glashütte war es dann auch vorbei. Die verbliebenen drei, vier Einfamilienhäuser seien von den Offizieren auf dem Schießplatz bezogen worden. „Aber fragen Sie mal Anni Seelig, die weiß darüber noch viel mehr.“

Anni Seelig weiß noch einiges über den verschwundenen Ort

Anni Seelig weiß noch einiges über den verschwundenen Ort.

Quelle: Claudia Bihler

Die Glashütte als Betrieb kennt freilich auch die 89-Jährige aus Gadow mit den Lachfältchen um die Augen nur noch aus Erzählungen: „Die hat der Familie Ebert gehört, gearbeitet wurde dort hauptsächlich mit Tagelöhnern. Eine eintönige und schwere Arbeit muss das gewesen sein.“ Bierflaschen wurden unter anderem dort hergestellt, eine davon steht im Wittstocker Museum. Auch ein Gutshaus habe es dort einmal gegeben. „In dem Dorf Glashütte haben mal so viele Leute gewohnt, dass sogar einmal eine Schule gebaut werden sollte.“

Den Befehl zum Erbau der Manufaktur soll bereits Friedrich II. gegeben haben. Flaschen und medizinische Gläser sollten dort hergestellt werden. Was der König nicht beachtet hatte: Kohle war teuer und wurde auch in der Region nicht abgebaut. Und so wurden für die Schmelzöfen die Wälder rund um Glashütte abgeholzt, was unter anderem dazu führte, dass die Bauern rund um Gadow und Glashütte mit Wanderdünen auf ihren Feldern zu kämpfen hatten. 1926 wurde der Betrieb eingestellt. Die Glashütte war unrentabel, zudem fehlte ein Eisenbahnanschluss.

Fröhlich und hilfsbereit

Neben dem Ort Glashütte ist dem Schießplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide zumindest im Wittstocker Bereich kein weiteres Dorf mehr zum Opfer gefallen. Eine direkte und 24 Kilometer lange Straße von Gadow über Glashütte nach Neuruppin war allerdings seit Beginn der Nutzung des Platzes nicht mehr zu befahren.

Eine Oberförsterei samt Forsthaus wurde aufgegeben, sie gehörte jedoch nicht zum Wittstocker sondern zum Flecken Zechliner Bereich.

Kaum ein anderes Dorf in der Prignitz beschreibt sich selbst so prägnant, wie die Gadower, deren unmittelbarer Nachbar einmal der Ort Glashütte war: Fröhliche und hilfsbereite Menschen würden im Dorf leben, die auch füreinander da seien, wenn sie nicht in Vereinen organisiert sind.

Doch bewohnt blieb der Ort auch für die nächsten Jahrzehnte. Die beiden letzten Überlebenden der Familie Ebert, die unverheirateten Schwestern Martha und Anne Ebert, unterhielten dort bis in die 1930er Jahre eine Gaststätte. Anni Seelig, selbst ehemalige Gastronomin, erinnert sich: „An Pfingsten sind dort immer alle jungen Leute zum Tanz hingefahren.“ Und mitunter war die Gaststätte der Seeligs in Gadow sogar Lieferant für den Ausschank in Glashütte: „Die Schwestern haben immer mit dem Handwagen Flaschenbier und andere Getränke bei uns geholt, wenn sie keine mehr hatten.“

Als auch die Gaststätte in Glashütte geschlossen hatte, kamen die russischen Offiziere immer in die Gaststätte der Familie Seelig, wo in den 1970er und 1980er Jahren alle Feiern im Dorf stattfanden. „Man kannte die schon“, sagt Anni Seelig, „eigentlich waren es immer nette, freundliche Menschen.“ Die Gaststätte, die in fünfter Generation von Familie Seelig betrieben wurde, ist im Jahr 2001 ebenfalls geschlossen worden, weil sich der Betrieb nicht mehr gelohnt hat. Anni Seelig: „Aber wir öffnen weiterhin, wenn die Leute aus Gadow hier feiern möchten.“

Für die Gadower brachte die Nutzung des sogenannten Bombodroms, eines Luft-Boden-Schießplatzes der Sowjetarmee, neben den Umwegen auch jede Menge Lärm. Waltraud Havemann weiß noch ganz genau: „Die Flieger sind regelmäßig um die Gadower Kirche einen Bogen geflogen und dann zurück in Richtung Schießplatz.“

Warnung vor den Hinterlassenschaften des des ehemaligen Schießplatzes der Sowjetarmee

Warnung vor den Hinterlassenschaften des des ehemaligen Schießplatzes der Sowjetarmee.

Quelle: Claudia Bihler

Natürlich sei der Lärm ohrenbetäubend gewesen: „Wir haben ganz schön darunter gelitten und uns deswegen ja auch für die Bürgerinitiative ,Freie Heide’ stark gemacht.“ Auch Anni Seelig ist froh, dass der Himmel über Gadow heute wieder frei ist: „Damals haben die Fenster gewackelt. jetzt haben wir unsere Ruhe und die Natur hat sich auch erholt.“ Blaubeeren sammeln kann man bis heute nur an manchen Stellen. Flächen des ehemaligen Dorfes Glashütte, die auf dem Bombodrom lagen, sind heute mit Schildern markiert: „Lebensgefahr! Kampfmittel! Betreten und Befahren verboten.“

Von Claudia Bihler

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