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Ostprignitz-Ruppin Die Entdeckung der Langsamkeit
Lokales Ostprignitz-Ruppin Die Entdeckung der Langsamkeit
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01:16 16.07.2018
Die Züge des Prignitz-Express enden mindestens bis zum 19.August in Kremmen. Bis Hennigsdorf geht es von dort nur im Bus weiter. Quelle: Christian Schmettow
Neuruppin

Nur drei Buchstaben sind es, die jedem Bahnfahrer in Rage bringen: SEV. Schienenersatzverkehr, dass bedeutet: Mindestens eine Stunde längere Fahrtzeit, Gedränge und Geschaukel in unkomfortablen Bussen, kein Platz für Rollstühle, Kinderwagen und Fahrräder.

Glücklich, wer nicht mit dem Zug zur Arbeit pendeln muss. Trotzdem hat es uns nun auch erwischt: zwei Eltern mit einem Kleinkind. Auf der Heimreise aus dem Urlaub war der ICE pünktlich in Berlin. Nun aber soll die Reise von Berlin-Spandau nach Neuruppin genauso lange dauern wie die von Franken nach Berlin.

Polizeiliche Ermittlung

Wenigstens ist der Berufsverkehr schon durch. Es steigen nicht viele Leute in den Zug. Der Prignitz-Express nach Hennigsdorf kommt mit zehn Minuten Verspätung in Spandau an. „Wegen einer polizeilichen Ermittlung.“ War der Triebwagen in Gesundbrunnen abgebogen, ohne zu blinken?

Zeit zum Umsteigen in den Ersatzbus bleibt in Hennigsdorf trotzdem genug. Wäre der Zug noch später gekommen, hätten wir Hennigsdorf locker auch noch mit dem 136er-Bus der BVG ab Spandau erreicht.

Hilfreich: Auf den Boden geklebte Fußspuren weisen in Hennigsdorf den Weg. Quelle: Christian Schmettow

Kurz vor dem Ziel sagt der Lokführer dann durch, wo es zu den Ersatzbussen geht. Auf dem Boden des Bahnhofs Hennigsdorf, auf der Treppe und im Tunnel weisen aufgeklebte rote Fußspuren den Weg zum SEV. Irritierend ist nur der Bauzaun vor dem Bahnhofsausgang: Der gesamte Bahnhofsvorplatz ist eine Baustelle.

Am Ende des Zauns steht die Haltestelle für den Ersatzverkehr. Zwei Dutzend Fahrgäste warten dort gegen 19 Uhr. Als die S-Bahn ankommt, werden es noch etliche mehr.

Fahrgäste warten in Hennigsdorf auf den Schienenersatzverkehr. Quelle: Christian Schmettow

Der Bus kommt und wird schnell voll. Als auch der Rucksack ins Gepäcknetz gewuchtet ist, greift der Fahrer zum Mikrofon: Das sei hier der „Dörferbus“ als Ersatz für die Regionalbahnlinie 55 (Hennigsdorf – Kremmen). Wer bis Velten oder Kremmen möchtell, solle doch bitte wieder aussteigen und auf den RE6-Bus warten, sonst könne der Dörferbus unterwegs keine weiteren Fahrgäste mehr einsteigen lassen.

Die Hälfte der Fahrgäste steigt wieder aus

Die Hälfte der Fahrgäste steigt nun wieder aus – wir auch. Mit einem mulmigen Gefühl. Hatte der Lokführer oben am Gleis nicht eben noch erzählt, dass vorhin wieder ein Ersatzbus ausgefallen ist?„Ihr Bus wartet doch schon da oben“, beruhigt der Dörferbusfahrer.

Wo genau im flachen Hennigsdorf „da oben“ ist, erschließt sich nicht, doch wenige Minuten später brummt es, und ein etwas abgetakelter grauer Fernreisebus biegt um die Ecke. Die Stoßstange des Neoplan ist mit Klebeband repariert, auf dem Schild hinter der Windschutzscheibe ist das „RB55“ von Hand mit „RE6“ übermalt.

Der bequeme Reisebus ist für den Nahverkehr eher nicht so geeignet. Quelle: Christian Schmettow

Kein Platz für Fahrräder, Kinderwagen und Rollstühle

Der einstige Luxusliner hat Toilette, Kaffeebecherhalter, Anschnallgurte, Klapptische und Kino an Bord – aber keinen Platz für Fahrräder, Kinderwagen und Rollstühle.

Für ein vierjähriges Kind sind die Treppenstufen in der Tür viel zu hoch, der Rucksack verkantet sich im engen Durchgang und muss dann auf einem Sitz abgelegt werden – Platz für Gepäck gibt es im Fahrgastraum nicht. Zum Glück ist es nicht voll um diese Zeit, denn für den öffentlichen Nahverkehr ist dieser Bus eindeutig nicht gebaut worden. Fast im Schritttempo quält sich der Fernbus durch die engen Kurven von Hennigsdorf und Velten. Tagsüber, berichten Pendler, steht der Bus in Hennigsdorf so lange im Stau, dass er manchmal den Anschlusszug in Kremmen verpasst.

Der Bahnhof Velten ist derzeit eine große Baustelle. Quelle: Christian Schmettow

Vorher hält er am Bahnhof in Velten. Der ist auch der Grund dafür, dass es in diesem Jahr die gesamten großen Ferien über keinen durchgehenden Zug zwischen Berlin und Neuruppin gibt. Das Geschäft mit den Tagesgästen auf Fahrrädern fällt in diesem Sommer aus im Ruppiner Land. Zwar gäbe es Busse, die auch Fahrräder transportieren können – doch solche hat die Bahn nicht bestellt.

Immerhin: Am Bahnhof Velten wird tatsächlich gebaut. Die alten Bahnsteige sind bereits abgerissen. Mit Glück wird alles bis zum 19. August fertig.

Wenn’s gut läuft. In Bad Kleinen (Mecklenburg) haben die Bauarbeiten am Bahnhof in diesem Jahr zwei Monate länger gedauert als angekündigt, so dass alle Züge des RE2 über Wittenberge nach Wismar schon in Schwerin endeten. Bis Juli kam dort kein Fahrradfahrer mit der Bahn von Berlin an die Ostsee.

24 Minuten länger als mit dem Zug

Wir rollen von Velten langsam weiter durch Vehlefanz, Schwante, Amalienfelde zum Bahnhof Kremmen. Wofür der Zug sonst 14 Minuten braucht, das hat mit dem Bus nun 38  Minuten gedauert. Trotz der viel zu engen Tür kommen alle irgendwie wieder nach draußen. Der rote Triebwagen wartet schon mit ausgeschaltetem Motor am Bahnsteig – zum Einsteigen ist genug Zeit. Eine Stunde später als gebucht kommen wir schließlich mit dem Zug in Neuruppin an.

Nach dem SEV ist vor dem SEV

Die nächste Baustellen beim Prignitz-Express warten schon auf die Fahrgäste – und damit auch der nächste Schienenersatzverkehr mit Bussen.

In Neuruppin soll eine der Seedammbrücken erneuert werden. Das war eigentlich schon für Anfang 2019 geplant, wurde dann aber wegen der Landesgartenschau in Wittstock verschoben (die MAZ berichtete).

Außerdem sollen in Radensleben und Kremmen wieder Ausweichgleise für den Prignitz-Express gebaut werden. Die hatte die Bahn erst vor 20 Jahren beim Neubau der Strecke eingespart und demontieren lassen. Mit diesen Ausweichstellen soll ein 30-Minuten-Takt des RE6 zwischen Neuruppin und Hennigsdorf möglich werden.

Dass der Bau der Seedammbrücke mit dem Bau der Ausweichstellen koordiniert wird und zeitgleich stattfindet, ist eher unwahrscheinlich.

Umfahren lässt sich der Schienenersatzverkehr mit dem RE2 nach Wittenberge und ab da mit dem RE6 per Zug nach Neuruppin. Größere Bauarbeiten beim RE2 seien derzeit nicht geplant, heißt es beim Betreiber des RE2, der ODEG.

Vom 14. Juli bis zum 19. August fallen auch zwischen Hennigsdorf und Spandau einzelne Vormittagszüge (RE3608 nach Hennigsdorf und RE3627 nach Berlin) aus und werden durch Busse ersetzt.

Immerhin: ein Viertel unseres Fahrpreises von Bayern nach Brandenburg muss uns die Bahn für die eine Stunde Verspätung nun erstatten. Denn die Bahn hat im Internet auch dann noch Fahrkarten für den regulären Fernverkehr bis Neuruppin verkauft, als beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg längst feststand, dass in den Sommerferien zwischen Hennigsdorf und Kremmen kein Zug fährt.

Pendler stehen im Stau

Wer täglich mit dem Regionalzug zur Arbeit fährt, kommt nicht immer so glimpflich davon wie wir:

Fahrgäste berichten der MAZ von falschen Auskünften auf der Bahn-App fürs Smartphone: Da werden dreimal am Tag Züge zwischen Hennigsdorf und Kremmen angezeigt, obwohl das Gleis dort stellenweise unterbrochen ist. Da wissen die Busfahrer manchmal selbst nicht, welchen Bus sie gerade fahren – den RE-6-Bus oder den „Dörferbus“. Der sei dann bei Bärenklau sogar auf Feldwegen unterwegs. Kinderwagen würden nicht mitgenommen, und der Ersatzbus komme in Hennigsdorf immer dann an, wenn dort die S-Bahn nach Berlin gerade abgefahren ist.

Von Christian Schmettow

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