Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Die Friedensbewegungen sind aktuell wie nie

Neue Montagsdemos in Kyritz Die Friedensbewegungen sind aktuell wie nie

Die Welt kommt nicht zur Ruhe. Das treibt auch viele Ruppiner und Prignitzer um – und derzeit besonders die Kyritzer. Unter der 200 Jahre alten Friedenseiche auf dem Marktplatz, wo schon vor Jahrzehnten Zeichen gegen Kriege gesetzt wurden, versammeln sich die Menschen nun wieder für Montagsdemos.

Voriger Artikel
Kyritzer Taubenzüchter erfolgreich
Nächster Artikel
Kinderarzt kommt doch nicht

Mit Lichtern für Frieden: An den Kyritzer Montagsdemos, die seit November regelmäßig stattfinden, beteiligen sich auch Syrer.

Quelle: Matthias Anke

Kyritz. „Christen für gewaltfreie Konfliktlösung“ und „Christen für Abrüstung auch bei uns“ oder „Bürger für Frieden“ und „Keine Waffenexporte“. Diese Sprüche ähneln sich, doch trennen sie Jahrzehnte. Gezeigt wurden die Transparente am nahezu selben Ort: Dort, wo Anfang der 1980er Jahre noch die Kirche der Friedensbewegung vor dem Hintergrund des Wettrüstens im Kalten Krieg ein Dach gab, stehen heute Bürger aller Couleur auf dem Kyritzer Marktplatz. Dort, unter der vor 200 Jahren nach der Befreiung von Napoleon gepflanzten Friedenseiche, treffen sie sich seit Ende November montags, um mit Friedenslichtern Zeichen zu setzen. Es ist zwar eine andere Zeit, aber das gleiche Problem – Krieg.

Die Leute singen, sie tragen Gedichte vor. Lehrer Sascha Boleslawsky spielt Gitarre, ein anderes Mal ist es seine Frau Kathrin. Der Arzt Jörg Kannenberg appelliert an den Menschenverstand. Andere Redner sprechen Englisch. Zwei, drei sind dabei, die aus Syrien kommen. Die Geflüchteten sind jetzt Kyritzer. Und viele Kyritzer treibt es um, was da draußen in der Welt und vor allem im Nahen Osten vor sich geht, wo sich auch die Bundeswehr an diesem Krieg beteiligt. Erst waren es kaum eine Hand voll Leute, dann wurden es doppelt so viele. Mittlerweile leuchten schon 50 Lichter auf dem Marktplatz. Am 25. Januar wird es das zehnte Mal sein, dass sich zur Montagsdemo in Kyritz getroffen wird. So, wie es auch schon vor über einem Jahrzehnt war anlässlich des damaligen Irak-Krieges. Da standen mehrere hundert Leute an derselben Stelle.

Zu der Zeit waren die Menschen im Zeichensetzen längst geübt, vor allem nach ihrem Engagement gegen die Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide als Bombenabwurfplatz. Angefangen in den 1990er Jahren, wurde 2009 in Fretzdorf mit 10  000 Teilnehmern der bundesweit größte Ostermarsch daraus. Die Bombodrom-Pläne sind heute Geschichte.

Am Ostersonntag 2009 kamen mehr als 10 000 Menschen nach Fretzdorf, um gegen den Bombenabwurfplatz zu protestieren

Am Ostersonntag 2009 kamen mehr als 10 000 Menschen nach Fretzdorf, um gegen den Bombenabwurfplatz zu protestieren.

Quelle: Andreas Vogel

Anfang dieser 2000er Jahre entstanden weltweite Bündnisse gegen einen neuen Irak-Krieg. Es gab die Aktion „Städte für den Frieden“, die „Cities for Peace“. Im März 2003 sollte Kyritz die erste „Stadt des Frie­dens“ in Brandenburg werden. Die Stadt­ver­ord­ne­ten verabschiedeten eine Frie­dens­re­so­lu­tion, die bereits in 100 ame­ri­ka­ni­schen Städ­ten ver­ab­schie­det wor­den war. Kyritz stand nun in einer Reihe mit Rom, Lon­don, Brüs­sel und Wien. Der Wunsch nach Frie­den in der Kri­sen­re­gion am Golf einte die Men­schen der Stadt wie seit der Wende im Jahr 1989 nicht mehr. „So viele Men­schen sind seit­dem nicht mehr auf der Straße gewe­sen“, sagte der damalige wie auch heutige Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Thomas Settgast (SPD). „Die Menschen organisieren sich selbst“, staunte Jür­gen Freier, der auch heute noch für die CDU-Fraktion im Kyrit­zer Stadt­par­la­ment sitzt.

Vor einem Jahrzehnt gingen fast 500 Leute in Kyritz auf die Straße

In der Stadtverordnetenversammlung erinnerte jüngst Dieter Groß (Die Linke) an diese Entscheidung vom März 2003 angesichts der nun neuen Montagsdemos. Damals kamen zwischen 300 und 500 Menschen auf dem Marktplatz zusammen, um gegen einen Krieg der USA und ihrer Verbündeten im Irak zu protestieren und Frieden einzufordern. Viele junge Leute waren dabei, vor allem Lehrer mit Schülern. Auch sie hielten Kerzen in den Händen, was für eine Lichterkette rings um den Platz reichte. Seit eben jenem Jahr 2003 gibt es in Kyritz alljährlich den „Lauf für Frieden und Toleranz“ aller Schulen der Stadt, um mit Sport ein Zeichen zu setzen. Am Anfang war Kyritz dabei, eine von zehn Etappenstädten eines 24-Stunden-Laufs rund um den Weltfriedenstag.

Pritzwalk 1982

Pritzwalk 1982: FDJ-Pfingstdemo mit Pfarrer Stephan Flade (l.) mit der Losung „Christen für ein kernwaffenfreies Europa!“.

Quelle: Privatarchiv Flade

Doch damit nicht genug: Von der Prignitz ging dereinst ein Appell aus, der bundesweit 40 000 Menschen einte. So viele unterschrieben den sogenannten „Prignitzer Appell“ gegen den Irak-Krieg – einen Appell, der im Dezember 2002 von sämtlichen Kommunalpolitikern aller Fraktionen des Prignitzer Kreistages gestartet worden war. Sprecher dieses Zusammenschlusses war auch der Pritzwalker Hartmut Winkelmann (Linke). Dass im Brandenburger Landtag die Forderung nach einem geschlossenen Nein der Landesregierung zu einem Krieg auf Ablehnung stieß, bezeichnete er damals als „bedauerlich“ und „vergebene Chance“.

Ähnlich der „Cities for Peace“ gab es zu dieser Zeit längst auch eine andere Initiative namens „Mayors for Peace“, sprich „Bürgermeister für den Frieden“. Bei ihr ist als Mitglied seit 1991 schon die Stadt Perleberg verzeichnet mit ihrem damaligen Bürgermeister Fred Fischer. Zu den rund 450 Mitgliedern in Deutschland zählt seit 2004 aber auch Neuruppin. Auf Antrag der Fraktion der Bündnisgrünen wurde der Beitritt von Neuruppin zur „Mayors for Peace“-Kampagne im September 2004 beschlossen. Antragsinhalt: „Die Stadtverordnetenversammlung der Fontanestadt Neuruppin befürwortet die Unterschriftleistung von Herrn Bürgermeister Theel unter die Erklärung deutscher Bürgermeister zur Abschaffung von Atomwaffen.“ Es wurde zu einem weiteren Zeichen neben dem da schon berühmt gewordenen Kampf der Neuruppiner gegen die militärische Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide.

Kyritz 1982

Kyritz 1982: Das Pfarrerehepaar Gisela und Peter Freimark mit der Losung „Christen für Abrüstung auch bei uns!“ auf der FDJ-Pfingstdemo.

Quelle: Privatarchiv Freimark

Was den Grundstein für solche Friedensbewegungen in der Region Prignitz-Ruppin legte, könnte auch ein demnächst erscheinendes Werk namens „Kirche im Sozialismus“ näher beleuchten helfen. Es ist eine historisch-wissenschaftlich vergleichende Untersuchung zu den drei evangelischen Kirchenkreisen Perleberg, Pritz­walk und Kyritz für den Zeitraum zwischen 1971 und 1990. Autor Sebastian Stude hat das Kapitel „Frieden als Demokratieforderung. Evangelische Kirche in den 1980er Jahren in der DDR“ über die Bundeszentrale für politische Bildung bereits publiziert. Demnach übte „die evangelische Friedensbewegung in der DDR bereits einige Jahre vor der friedlichen Revolution im Herbst 1989 den friedlichen öffentlichen Protest ein“. Die kirchliche Forderung nach einem äußeren und inneren Frieden sei immer auch als „Forderung nach einer Demokratisierung des Sozialismus in der DDR“ zu verstehen gewesen.

Seit 2003 gibt es in Kyritz den „Lauf für Frieden und Tolerenz“ aller Schulen – hier Teilnehmer im Jahr 2015

Seit 2003 gibt es in Kyritz den „Lauf für Frieden und Tolerenz“ aller Schulen – hier Teilnehmer im Jahr 2015.

Quelle: Matthias Anke

Als wäre es gestern gewesen, erinnert sich der damalige Neustädter Pfarrer Hans-Peter Freimark an diese Zeit. „Ich war dort damals Kreisjugendpfarrer“, sagt der heute 70-Jährige, der sich gemeinsam mit seiner Frau Gisela seit 2005 um das DDR-Geschichtsmuseum in Perleberg kümmert. Bei der FDJ-Pfingstdemonstration 1982 in Kyritz wurden die Plakate der beiden von Transparenten mit staatlichen Losungen verdeckt. Bilder, die in der Bundesbehörde für die Unterlagen der Staatssicherheit der DDR aufbewahrt werden, belegen das. „Christen für Abrüstung auch bei uns“ und „Schalom“ verschwanden hinter „Lotte Pulewka Oberschule“. Dieser Geist der Friedensbewegung ist noch heute auf dem Kyritzer Marktplatz zu spüren, wo die Menschen mit ihren Kerzen nun neue Zeichen setzen und Jörg Kannenberg sagt, dass es damit am Ende besser ist, als gar nichts getan zu haben.

Doch längst passierte viel mehr dank der Kyritzer Akteure: Es ist ein offener Protestbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel entstanden und eine Online-Petition dazu gestartet worden. „Wenn genügend Leute mitmachen, ist sogar ein Volksbegehren denkbar“, sagt Kannenberg. Auch sein Licht flackert weiter und lässt sich von der Winterkälte nicht unterkriegen. „Nächsten Montag sehen wir uns wieder.“

„Prignitzer Appell“ und „Cities for Peace“

Im Beschluss der Kyritzer Stadtverordneten vom März 2003 heißt es zum Anschluss an die Initiative „Cities for Peace“ unter anderem: „Wir sind kommunale Abgeordnete in einer Stadt, die seit dem 26. März 2003 auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung ,Stadt des Friedens’ ist. Das ist für uns nicht nur ein Bekenntnis, sondern Auftrag und Verpflichtung.“

In der Erklärung heißt es weiter: „Angesichts der laufenden Kampfhandlungen in der Golfregion (...) und vor dem Hintergrund der eindrucksvollen Demonstrationen von Millionen Menschen in aller Welt – darunter in der Hauptstadt Berlin, in der Brandenburger Landeshauptstadt Potsdam, in den montäglichen Mahnwachen an der Kyritzer Friedenseiche – unterstützt die Stadtverordnetenversammlung Kyritz mit dieser Erklärung die Appelle von weltweit mehr als Hundert, insbesondere US-amerikanischer Städte“ und fordert „die politisch Verantwortlichen auf, sich mit aller Konsequenz für eine friedliche Lösung aller Konflikte im Rahmen der UNO einzusetzen und nicht zuzulassen, in die Barbarei des Krieges zurückzufallen. Dauerhafter Frieden, so lehrt die Geschichte, ist mit Krieg nicht zu gewinnen. Frieden ist nicht alles – aber ohne Frieden ist alles nichts.“

Die Kyritzer Stadtverordneten unterstützten mit dieser Erklärung zugleich den „Prignitzer Appell“, mit dem sich Kommunalpolitiker angesichts des Krieges gegen den Irak an die Bundesregierung gewandt haben. Darin wurde gefordert, „den Vereinigten Staaten für den Fall eines Krieges gegen den Irak keine Überflugrechte für Militärflugzeuge über deutsches Territorium zu gestatten und ebenfalls nicht zuzulassen, dass amerikanische Militärbasen in Deutschland für den Krieg genutzt werden“ und „ein deutliches Zeichen gegen den Krieg zu setzen und die ABC-Spürpanzer aus dem Kuwait zurückzuziehen“.

Von Matthias Anke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg