Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Ostprignitz-Ruppin Die Kirche im Dorf lassen
Lokales Ostprignitz-Ruppin Die Kirche im Dorf lassen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 30.11.2017
Pfarrerin Gundula Reinshagen hat ein ereignisreiches Reformationsjahr erlebt, das anstrengend war, aber auch viel bewirkt hat. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti
Anzeige
Segeletz

„Guten Tag, Pfarramt Segeletz. Sie sprechen mit Pfarrerin Gundula Reinshagen.“ Ein Gemeindemitglied ruft wegen einer bevorstehenden Taufe an und fragt nach den benötigten Unterlagen. Alsbald spuckt das Faxgerät im Pfarrbüro die betreffenden Papiere aus. Kasualien dieser Art, kirchliche Amtshandlungen, sind Gundula Reinshagens tägliches Geschäft neben Seelsorge, Gottesdiensten, Verwaltungskram und der spirituellen Selbstreflexion, gerade jetzt wichtig nach diesem ereignisreichen Kirchenjahr.

Der Trubel des Reformationsjubiläums ist vorbei. Spannend, arbeitsintensiv sei dieses gewesen und lange andauernd, sagt Pfarrerin Reinshagen: „Kirchenpolitisch begann das Thema schon zehn Jahre vorher.“ Dieses Jahr stand im Kirchenkreis Prignitz, der sich von Segeletz im untersten Zipfel bis hoch nach Karstädt erstreckt, natürlich vieles an. So wurden Fahrten in die Lutherstadt Wittenberg veranstaltet, ein Kinder-Musical in Perleberg, Ausstellungen und vieles mehr.

Überrascht von gefüllten Kirchenbänken

Gundula Reinshagen selber ließ das Jubiläumsjahr am 31. Oktober bei einem Gemeinschaftsgottesdienst mit den Kirchengemeinden Wusterhausen, Neustadt, Sieversdorf und Lögow in Wusterhausen ausklingen. Überrascht war sie von den gefüllten Kirchenbänken an dem Tag: „Um die 170 Menschen kamen. Ich hatte mit höchstens 80 Leuten gerechnet.“

Ziel erreicht, könnte man der evangelischen Kirche sagen. Die wollte das Thema Luther 2017 in ganz Deutschland aktiv ins Bewusstsein rufen. „Das Jubiläum hat eine breite Aufmerksamkeit erregt“, findet auch Gundula Reinshagen. „Ein Erfolg war der bundesweite Feiertag. Vielleicht denkt man darüber nach, dass er bleibt.“

Kirche auf Twitter und Facebook vertreten

Wie das Jubiläumsjahr außerdem länger nachhallt? Diese Frage stellt sich die evangelische Kirche fortlaufend, nicht nur jetzt nach dem Jahrhundertereignis, meint die Pfarrerin: „Genau das ist der Charakter unserer Kirche. Ihr Auftrag ist die Kommunikation mit den Menschen. Wie kann ich jemanden erreichen, auch junge Leute? Wie kann ich mit der digitalen Welt umgehen?“

Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, kurz EKBO, ist auf Twitter und Facebook vertreten. Reinshagen postet ebenfalls, teilt über ihr Privatprofil Veranstaltungen, kommentiert und liket.

Für elf Dörfer mit neun Kirchen zuständig

Soziale Netzwerke und Medien im Allgemeinen haben eine starke Wirkung, auch für die Kirche. „Keine Frage, ein Gottesdienst mit Margot Käßmann zum Lutherjahr im Fernsehen berührt. Bestimmt hat er vereinzelt Impulse gegeben und die Kirche ins Bewusstsein der Menschen geholt“, sagt Pfarrerin Reinshagen, dennoch findet sie: „Die Gemeindearbeit ist wichtiger. Ich bin hier vor Ort herausgefordert, einen guten Gottesdienst zu machen. Reformation findet täglich statt.“

Sie weiß, wovon sie spricht. Anfang März hat sie den Dienst im Pfarrsprengel Segeletz und der Evangelischen Hoffnungs-Kirchengemeinde Lögow übernommen, war zuvor im Pfarramt Kyritz. Die Enddreißigerin ist jetzt für elf Dörfer mit neun Gotteshäusern zuständig, neben Segeletz auch für Nackel, Barsikow, Lögow oder Dessow. Durch ihren großen Zuständigkeitsbereich hat Gundula Reinshagen einen großen Einblick in verschiedene Gemeinden, kriegt mit, wie diese ticken, welche Bedürfnisse die Einwohner haben. Sonntags hält sie zwei Gottesdienste an unterschiedlichen Orten, die wöchentlich variieren, damit jede Kirche einmal im Monat bespielt wird.

Gemeinde – Auslaufmodell oder Zukunftsbild?

Oft sitzen die immergleichen drei Gesichter vor ihr und dennoch weiß sie, die Kirchen im Ort sind wichtig.„Immer mehr wird zentralisiert, in den Dörfern gibt es immer weniger Angebote“, sagt Pfarrerin Reinshagen. „In Segeletz beispielsweise haben wir keinen Kirchenchor mehr. Die Leute müssen nach Wusterhausen.“

Die gebürtige Mecklenburgerin bekommt Dinge solcher Art in der Seelsorge oder bei Kaffee und Kuchen zum Erntedankfest zu hören. Sie ist Anlaufstelle für die Gemeinden und spürt einen Verlust an Gemeinschaft.

Gemeinde als solches war auch Schwerpunkt auf der Herbstsynode des Kirchenkreises Prignitz vorvergangenen Samstag nach dem Ende des Reformationsjubiläums: In welchen neuen Strukturen kann man denken, was kann man mitnehmen? Christian Stäblein, Propst der EKBO referierte zum Thema „Drei, zwei, eins – Gemeinde: Auslaufmodell oder Zukunftsbild? Klärungen, Lockerungen und Perspektiven für die evangelischen Kirchengemeinden in Land und Stadt.“

Segeletzter Kirche soll saniert werden

An ihren Gotteshäusern hängen die Leute, bekräftigt Gundula Reinshagen im Gespräch: „Es ist ihr Wunsch, dass die Kirche im Dorf bleibt.“ Das Bauwerk steht prominent im Ort, ist meist dessen Aushängeschild, für das sich Bewohner stark machen. Vielleicht sollte man auch zu offenen Kirchen übergehen, regt die Pfarrerin an, so dass diese nicht nur am Gottesdienst frei zugänglich sind.

Die Segeletzer Kirche aus Feldsteinquadern und Backstein soll kommendes Jahr restauriert werden. Darin angedacht ist eine Begegnungsstätte für Kaffeetreffen. Das wurde mit dem Kirchengemeinderat beschlossen. Regelmäßig sitzen sie zusammen. Alle Mitglieder sind in der Kirche. Für Gundula Reinshagen wäre diese Bedingung nicht zwingend notwendig:„Immerhin kann man in der Politik ja auch parteilos sein und von der CDU unterstützt werden.“

Der Nachwuchs liegt ihr am Herzen

Auch als Nichtkirchenmitglied interessieren sich Bewohner für Dorfbelange. Gundula Reinshagen versucht herauszuhören, was die Menschen um sie herum bewegt, ob Jung oder Alt, Rentner oder Familie. „Ich erlebe eine unglaubliche Toleranz und Offenheit“, sagt sie. „Die Vertreter der bürgerlichen Gemeinden sind zum Beispiel für Kinder- und Jugendarbeit sehr offen.“ Der Nachwuchs liegt der Pfarrerin, die Religionsunterricht an der Prinz-von-Homburg-Schule Neustadt gibt, sehr am Herzen.

Sie freut sich über jeden neuen Konfirmanden und fährt mit den Kindern zusammen ins Camp. „35 waren es jetzt im Jubiläumsjahr, aus den Gemeinden Kyritz, Wusterhausen, Segeletz, Neustadt. Für viele von ihnen war es eine neue Erfahrung. Aus ihrem Heimatdorf kennen sie sich, aber die anderen Konfirmanden aus der Umgebung sind ihnen soweit unbekannt, und mit einem Mal stellen sie fest, ach, da sind ja auch welche.“

Gottesdienst mit Philip Kiril Prinz von Preußen

Das sind sinnvolle Zeichen, um der Überalterung entgegenzuwirken. Die Christen sterben weg. In Sulzbach bei Stuttgart, in dem Gundula Reinshagen im Vikariat, dem Vorbereitungsdienst, war, wohnen 5 000 Einwohner. 2500 von ihnen sind in der evangelischen Kirche. Im Vergleich: In den elf Dörfern in Ostprignitz-Ruppin, für die die Pfarrerin zuständig ist, kommt sie auf 680 Mitglieder. Über Zuwachs freut sie sich immer, genauso wie über jedes junge Gesicht sonntags im Gottesdienst. „Eine Enkelin zum Beispiel, die ihren Opa begleitet“, sagt sie. Doch es gäbe auch immer wieder Überraschungen wie am letzten Totensonntag, als sie in Läsikow war und eine Gedenktafel für Kriegsopfer eingeweiht wurde. Der Gottesdienst lockte mehr Besucher als sonst an, noch dazu prominente. Philip Kiril Prinz von Preußen saß in der Kirchenbank, erzählt Reinshagen. Der Ururenkel des letzten deutschen Kaisers ist selber Pfarrer in Birkenwerder (Oberhavel).

Gundula Reinshagen spricht mit jedem Christen auf Augenhöhe. Ob Adliger oder Landwirt. Ob in der Kirche oder an der Supermarktkasse in Neustadt, wo sie wohnt und regelmäßig Kirchenmitglieder von sich trifft. Präsenzpflicht sei wichtiger, als „die veraltete Residenzpflicht und die findet eben auch bei Lidl statt“.

Errungenschaften fürs Pfarrhaus

Alle zwei Tage ist sie persönlich im Pfarrhaus, ein schlichter weißer Bau mit hübschem Garten hintendran und neu eingerichtetem Gemeinderaum. „Hier halte ich im Winter die Gottesdienste, wenn es zu ungemütlich in der Kirche wird“, erzählt sie. Mehr als drei Kirchgänger haben darin Platz. Zwingen kann man aber niemanden, sagt Reinshagen: „Der Gedanke der Volkskirche ist, dass du frei entscheiden kannst, ob du lediglich zum Kurs ins Gemeindehaus gehst oder mehr machen möchtest.“ Bindung könne man nur herstellen, indem man Angebote schafft, mit mehr oder weniger Abhängigkeit.

„Die Kirchenzucht wie bei Martin Luther gibt es nicht mehr“, sagt die Christin. „Würde Luther heute leben, wäre er wahrscheinlich sprachlos. Sprachlos darüber, dass ein ökumenischer Dialog mit Katholiken, Muslimen, Juden besteht oder dass Frauen Pfarrerinnen werden können.“ In der Hinsicht hat sich seit Luther schon einiges getan, nicht nur das moderne Errungenschaften wie Telefon, Fax und Internet Einzug ins Pfarrhaus gehalten haben.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha hat was übrig für den Schützensport. Deshalb hat er auch das Protektorabzeichen des Deutschen Schützenbundes gestiftet. Dieses erhielt der Präsident des Gadower Schützenvereins, Jürgen Kontak, am Wochenende nun in Silber – als Auszeichnung für seine Verdienste. Dafür wurden auch andere Schützen geehrt.

30.11.2017

Einen offiziellen Gruß zum Jubiläum gab es nicht mehr: Als Schuhmachermeister ist Alfons Zeh aus Kyritz einer der letzten Vertreter eines hierzulande aussterbenden Handwerks. Vor 50 Jahren legte er die Meisterprüfung ab und noch heute geht der 79-Jährige seinem Beruf nach – wenn auch nur an einem Tag pro Woche.

30.11.2017

Matthias Zágon Hohl-Stein hat in seiner Werkstatt in Karwe einen riesigen Amboss geschaffen. Dieser soll noch in dieser Woche ins Emsland gebracht werden. Auf dem Gelände einer alten Schmiede in Niederlangen in der Gemeinde Lathen entsteht ein kleiner Park, an dessen Eingang der Amboss stehen wird.

30.11.2017
Anzeige