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Die Musik nach Rheinberg mitgenommen

Bühne frei für Flüchtlinge Die Musik nach Rheinberg mitgenommen

Ihre Musikinstrumente haben sie in Syrien zurücklassen müssen – doch ihre Musik brachten die Brüder Talal und Jamal Nasser mit nach Rheinsberg. Zusammen mit anderen Flüchtlingen – Kurden, Syrer und Afghanen – proben sie nun einmal in der Woche, um einmal wieder von ihrer Musik zu leben. Ulrike Liedtke (SPD) ließ sie sogar schon im Potsdamer Landtag spielen.

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Die Brüder Jamal (l.) und Talal Nasser haben in Syrien von ihrer Musik gelebt. Heute leben sie als Flüchtlinge in Rheinsberg.

Quelle: Christian Schmettow

Rheinsberg. Warum er seine Heimat verlassen hat? Talal Nasser guckt einen Moment so, als wollte man von ihm wissen, warum er sich im Winter eine Jacke anzieht, wenn er nach draußen geht. Dann hat er sich wieder gefangen: „Bomb, bomb!“ sagt er und macht eindeutige Handbewegungen. Die Heimat des 35-Jährigen, Aleppo, liegt im Norden Syriens. Aleppo ist derzeit vor allem das Ziel russischer Bomber. Vorher hatte Syriens Diktator Assad in Aleppo das eigene Volk angegriffen: Syrische Hubschrauber warfen mit Sprengstoff, Nägeln und Öl gefüllte Fässer über Wohnvierteln ab. Warum wohl hat Talal Nasser seine Frau Aya und seine beiden Töchter, fünf und zwei Jahre alt, genommen, und sich auf den beschwerlichen Weg über die Türkei und Griechenland nach Europa gemacht?

Talal Nasser lebt heute mit seiner Familie, seinem jüngeren Bruder Jamal und dessen Tochter in einer Wohnung in Rheinsberg. Ein dritter Bruder ist in der Schweiz.

Die Nasser-Brüder haben in Syrien von ihrer Musik gelebt. Auf Youtube kann man Talal Nasser sehen, wie er vor einem großem Publikum spielt. Die Filme sind drei bis fünf Jahre alt. Talal spielt Keyboards, die er „Elektro-Orgel“ nennt, Jamal sitzt am Schlagzeug.

Bei ihrer Flucht übers Meer konnten sie keines ihrer Instrumente mitnehmen. Talal hat in Deutschland auf gespendeten Keyboards Straßenmusik gemacht. Davon konnte er sich vor kurzem eine eigene Elektro-Orgel kaufen, die nicht nur Halb- sondern auch Vierteltonschritte beherrscht, wie sie in der arabischen Musik Gang und Gebe sind.

Die Musikwissenschaftlerin Ulrike Liedtke hat viele Jahre die Musikakademie Schloss Rheinsberg geleitet und sitzt heute für die SPD im brandenburgischen Landtag sitzt. Sie hat sich der Musiker angenommen, die ihre Instrumente in der Heimat zurücklassen mussten.

Erst hat sie mit Förderanträgen versucht, neue Instrumente zu beschaffen – das wurde abgelehnt. Ein Spendenaufruf hatte schließlich Erfolg: Aus allen Ecken bekamen die Rheinsberger in kürzester Zeit Zubehör, Geld und Instrumente angeboten: 13 Gitarren, sechs Akkordeons, vier Keyboards und ein Schlagzeug. Seitdem proben die Musiker wöchentlich – auch das eine Herausforderung: Syrer, christliche Kurden und muslimische Kurden kennen nicht unbedingt dieselben Lieder. „Und sie sind untereinander nicht wirklich befreundet. Aber sie gehen professionell an die Musik heran“, sagt Ulrike Liedtke. Die Syrer, Afghanen und Kurden – sprechen nicht einmal unter sich dieselbe Sprache. Deutsch oder Englisch versteht niemand. „Ich kann nicht mit ihnen reden – ich kann mit ihnen Musik machen“, sagt Ulrike Liedtke. Diese Sprache funktioniert weltweit und über alle Grenzen hinweg.

Für die Musiker sind die gespendeten Instrumente ein Segen

Seit sie mit den Flüchtlingen probt, hat Ulrike Liedtke gar nicht mehr so recht Freude an ihren eigenen orientalischen CDs. Was man hierzulande bekomme, sei doch eher weichgespült, sagt die Musikwissenschaftlerin. Nun hat sie das Ursprüngliche in der arabischen Musik kennengelernt.

Nicht jedes gespendete Instrument genügt den Ansprüchen der Musiker. Einige Gitarren sind zum Üben in Ordnung. Für einen Auftritt aber wünschen sich die Syrer andere Instrumente wie beispielsweise ihre traditionelle Langhals-Laute. Ihre eigenen Instrumente haben die Flüchtlinge daheim zurücklassen müssen, nicht aber die Musikerehre und den musikalischen Anspruch an sich selbst.

Eine Kostprobe ihres Könnens durften 120 Rheinsberger, Fehrbelliner, Lindower und Neuruppiner vor einer Woche erleben. Die Musiker bedankten sich für die gespendeten Instrumente mit einem Konzert. Zweimal sind sie schon im brandenburgischen Landtag aufgetreten, doch aus Ehrfurcht vor dem hohen Haus haben sie dort ihr Temperament gezügelt. Im Alten Gymnasium in Neuruppin wurde das Konzert hingegen schnell zur Party (die MAZ berichtete). Statt der erwarteten 60 Zuhörer drängelten sich 120 in dem viel zu kleinen Saal, statt einer Stunde dauerte das Konzert fast zwei. Arabische Männer lassen sich zum Tanz nicht lange bitten. Sie zog es auf die Tanzfläche. Syrische und deutsche Frauen folgten ihnen bald nach. Leidenschaftlicher Gesang, schnelle Läufe auf der Laute, ein treibendes Schlagzeug und exotische Melodien auf den Keyboards ließen Talal Nasser die Bomben auf Aleppo für einen Abend fast vergessen. „Sie haben sich sehr gefreut über ihren Erfolg“, sagt Ulrike Liedtke. Nach dem Konzert nahm sie ein weiteres Keyboard, eine gespendete Gitarre und zwei Mandolinen in Empfang.

Dass die Flüchtlinge Schlimmes erlebt haben, ahnt Ulrike Liedtke. Fragen kann sie Talal und Jamal Nasser nicht. „Aber eine Traurigkeit ist immer zu spüren.“

Von Christian Schmettow

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