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Ostprignitz-Ruppin Die Rüthnicker Heide wird wild
Lokales Ostprignitz-Ruppin Die Rüthnicker Heide wird wild
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02:15 26.12.2015
In der Rüthnicker Heide wachsen fast nur Kiefern. Totholz wie hier sieht man selten. Dabei ist Totholz der Lebensraum vieler Arten. Quelle: Frauke Herweg
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Rüthnick

Förster Marco Kunze arbeitet an einem Projekt, das künftige Forstwirte arbeitslos macht. Aus der Rüthnicker Heide, einem riesigen Waldgebiet südlich von Grieben und östlich von Rüthnick, soll wieder ein Naturwald werden. Noch beherrschen Kiefern die rund 3850 Hektar. In wenigen Jahrzehnten – wenn Revierleiter Kunze schon lange in Rente ist – sollen dort Laubbäume stehen und Käfer sich durchs Totholz fressen. Kein Förster soll dann dort mehr Nutzholz schlagen. Die Rüthnicker Heide soll wild werden.

Um die Rückkehr des natürlichen Waldes auch wissenschaftlich zu begleiten, hat der Besitzer der Fläche, die Osnabrücker DBU (Deutsche Bundesstiftung Umwelt) Naturerbe, jetzt ein Experiment aufgelegt. Gemeinsam mit der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt und der Georg-August-Universität Göttingen will die gemeinnützige Gesellschaft auf einem kleinen Teil der Fläche herausfinden, wie sich ein Wirtschaftswald möglichst schnell in einen naturnahen Laubmischwald verwandelt. „Rein flächenmäßig ist es eines der größten Experimente dieser Art in Deutschland“, sagt Projektleiterin Heike Culmsee.

Die vorbereitenden Arbeiten für das Experiment haben bereits stattgefunden. Spezialisten zählten etwa die Käfer- und Pilzarten in der Heide – die komplette Inventur des Waldes. Einer der Fachleute hatte dafür mit Pfeil und Bogen Fallen in die Bäume schießen müssen, um die Insekten bestimmen zu können. Culmsee und ihre Forscherkollegen hoffen, dass in wenigen Jahren weitere Insekten- und Pflanzenarten die Heide erobert haben. Darf Totholz liegen bleiben, bietet es Lebensraum für Käfer, Pilze, Moose und Flechten, die in dem derzeit so aufgeräumt wirkenden Kiefernwald kaum Platz finden.

Kiefern müssen weichen. Quelle: Frauke Herweg

Auch das eigentliche Waldexperiment ist inzwischen angelaufen. Waldarbeiter legen im Forst nach den Vorgaben der Forscher kreisrunde Flächen für vier Versuchsanordnungen an. Die Experimentierfelder sollen Antworten auf vier Fragenkomplexe geben: Wie entwickelt sich der Wald, wenn man einen Teil der Kiefern schlägt und sich in den Lücken Laubbäume aussamen können? Was geschieht, wenn man die Bäume einfach umwirft und das Totholz auf den so simulierten Sturmschadensflächen die Rückkehr der Wildnis möglicherweise befördert? Was passiert, wenn man in die simulierten Sturmschadensflächen zusätzlich noch Laubbäume pflanzt? Und was passiert – wenn man einfach gar nichts macht?

Der Versuch ist zunächst auf fünf Jahre angelegt. „Nach fünf Jahren wird man sicherlich die ersten Veränderungen sehen“, sagt Revierleiter Marco Kunze. Noch interessanter wird es in zehn Jahren werden. Dann könnte es in der Rüthnicker Heide auch Arten geben, „die relativ langsam einen Lebensraum erobern“, sagt Culmsee. „Dann wird es richtig spannend.“

Von den Erkenntnissen, die in der Rüthnicker Heide gewonnen werden, können Waldbesitzer in ganz Deutschland profitieren, hofft die 44-Jährige: „Letztendlich geht es um die Frage, wie man beschleunigen kann, dass der Wald wieder biologisch wertvoller wird.“

Culmsee und auch Kunze gehen davon aus, dass auf den Experimentierflächen der Variante drei – Sturmschäden simulieren und gezielt Eichen, Buchen und Winterlinden anpflanzen – sich am ehesten wieder Laubwald ansiedelt. Gegen die Übermacht der Kiefern hätten die Laubbäume ansonsten kaum eine Chance. „Bislang haben sich hier doch auch kaum Laubbäume von alleine angesiedelt“, sagt Kunze.

Marco Kunze, Förster Rüthnicker Heide Quelle: Frauke Herweg

Für den Förster ist das Experiment in einigen Gebieten Neuland. Noch nie hat der Mann mit dem kurzen Pferdeschwanz den Auftrag bekommen, Bäume einfach umzureißen. In dem dicht bewachsenen Kiefernforst schon rein technisch eine Herausforderung. „Das muss man auch erst mal schaffen, so einen Baum umzuwerfen“, sagt der 50-jährige Oranienburger. Die Waldarbeiter werden Seile einsetzen oder wenn nötige stabile Technik. Nicht ganz einfach, glaubt Kunze. „Wenn der Boden hier gefroren ist, passiert da gar nichts.“

Eigentlich verirrt sich kaum ein Spaziergänger in das riesige Areal der Rüthnicker Heide. Sollte doch mal jemand kommen, so kann sich Kunze vorstellen, dass das Experiment im Wald für einen Außenstehenden kaum verständlich ist. „Jetzt schmeißen die da im Wald schon Bäume um, um Käferzuchten anzulegen.“ So oder ähnlich könnten Vorbehalte klingen. Doch Kunze steht zu dem Experiment. Deutschland habe genügend Wälder, wo Nutzholz geschlagen werden könne, sagt er.

Wann die letzte Kiefer in der Rüthnicker Heide geschlagen sein wird, lässt sich nicht genau sagen. Bis das gesamte Riesenareal einmal der Forstkategorie „N“ für „naturbelassen“ unterliegt, müssen noch einige Bäume weichen. In etwa 30 bis 40 Jahren könnte das der Fall sein, glaubt Kunze. „Mindestens einen Förster wird es nach mir noch geben.“

Von Frauke Herweg

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