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Ostprignitz-Ruppin Die Vier aus der Bude
Lokales Ostprignitz-Ruppin Die Vier aus der Bude
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00:26 12.01.2015
In Wilhelmsgrille bauen sich die vier Freilerner derzeit ihr Traumhaus. Quelle: Christoph Brandhorst
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Wilhelmsgrille

Das Haus liegt unscheinbar am Dorfrand von Wilhelmsgrille bei Kyritz. Über dem Grundstück weht an einer Metallstange die blaue Fahne mit der Aufschrift „Die Bude“. So haben Juri und Semjon Wolf, 23 und 25, sowie Andreas Richter und Helge Weidner, beide 23, ihr Gemeinschaftsprojekt genannt. Als die vier Freunde das heruntergekommene Objekt im November 2013 kauften, erfüllten sie sich den lang gehegten Traum vom gemeinsamen Haus. Die Bewohner der Männer-WG verbindet, dass sie in ihrer Kindheit kaum eine Schule betreten haben. Juri, Semjon, Andreas und Helge waren so genannte Freilerner.

Schulbesuchspflicht mit Glück umgangen

Juri ist elf Jahre alt, als sein Vater ihn im Frühjahr 2003 in der sechsten Klasse einer Bremer Gesamtschule anmeldet. „Sonst hätte man unseren Eltern wohl das Sorgerecht entzogen“, sagt er. Weil sein älterer Bruder Immanuel, heute 27, sich nach seiner Einschulung mit Armen und Beinen sträubte, in die Schule zu gehen, befanden die Eltern, dass es doch besser wäre, die Jungs zu Hause zu unterrichten. Rechtlich ist das eigentlich unzulässig. Denn in Deutschland ist die Schulpflicht besonders streng geregelt: statt einer Bildungs- oder Unterrichtspflicht besteht Schulbesuchspflicht. Diese ist Ländersache und beträgt in Brandenburg zehn Jahre, die Verletzung gilt als Ordnungswidrigkeit. Es drohen Bußgelder bis zu 2500 Euro und in letzter Instanz der Entzug des Sorgerechts. Laut Schätzungen gibt es deutschlandweit trotzdem rund 1000 unbeschulte Kinder. Auch die Wolfs hatten Glück. Lange stellte keiner Fragen und sie lernten zuhause, was sie eben lernen wollten. „Wenn man einen Brief an die Oma schreiben will, muss man halt lernen, was Buchstaben und Wörter bedeuten“, sagt Juri. So brachten sich die drei Brüder aus eigenem Interesse selbst bei, was man so wissen musste.

In der Gesamtschule ist Juri auf Anhieb Klassenbester, im Abitur erreicht er den Notendurchschnitt 2,0. „Dabei war ich ein ziemlich fauler Schüler“, gesteht er. Inzwischen studiert der 23-Jährige Interfacedesign in Potsdam und entwickelt nebenbei Software für die Berliner Akademie der Künste. „Natürlich werde ich mal auf die Lücke im Lebenslauf angesprochen, aber ich gehe offen damit um.“ Sein Bruder und Mit-Hausbesitzer Semjon macht noch das Fachabitur, heute arbeitet er als Tischler in den Filmstudios Babelsberg. Nur Immanuel bricht die Schule in der elften Klasse ab, er verkauft nun Handgemachtes. Juri sagt: „Bis zur zehnten Klasse konnte ich die Schule voll vergessen. Beim freien Lernen habe ich viel mehr mitgenommen, ein breiteres Wissensspektrum.“

Anmeldung bei Fernschule in Österreich - als Schutz vor geschwätzigen Nachbarn

Andreas Richter, der in der Nähe von Pritzwalk geboren wurde, hat dagegen nie eine Regelschule von innen gesehen. Das geht lange gut. „Als es meinen Eltern zu riskant wurde, haben sie mich an einer Fernschule in Österreich angemeldet“, berichtet er. „Denn wenn du einen Nachbarn hast, der dich anschwärzt, hast du ein Problem.“ Statt zu pauken radelt der damals 15-Jährige aber mit Buden-Mitbewohner Helge und Immanuel, dem ältesten der Wolf-Brüder, einmal um die Ostsee. 7000 Kilometer in fünf Monaten. „Ich glaube, so etwas erleben andere Schulkinder nicht so oft“, sagt er. Andreas verdient sein Geld heute ebenso wie Helge als selbstständiger Handwerker. „Wenn man mit den Leuten redet, bekommen sie ja mit, dass man kein Idiot ist“, sagt er.

Andreas Richter beim Dachdecken. Quelle: Christoph Brandhorst

Weil Freilerner in Deutschland gut vernetzt sind und sich austauschen, lernen sich auch Juri, Semjon, Andreas und Helge früh kennen. Der Kontakt zwischen ihnen riss nie ganz ab. „Anfangs war das mit dem gemeinsamen Haus nur Quatsch“, sagt Juri. „Irgendwann haben wir dann den Entschluss gefasst, es tatsächlich zu machen.“ Mit dem Auto – die Vier teilen sich einen Kleinbus – fuhren sie über die Dörfer und suchten nach einer passenden Immobilie. Beim Haus am Dorfrand von Wilhelmsgrille, das vorher 17 Jahre lang leer stand, schlugen sie vor gut einem Jahr zu. „Jetzt ist es so, wie ich es immer wollte: Ich bin mein eigener Chef in meinem eigenen Haus“, sagt Andreas.

Sämtliche Renovierungsarbeiten erledigen die Freilerner selbst

In der Bude hat sich seitdem einiges getan. Die ersten Räume sind bewohnbar, in der selbstgebauten Küche lodert ein warmes Feuer im Ofen. Auch das Dach ist neu, obwohl es eigentlich noch gar nicht an der Reihe war. „Aber als es plötzlich durchregnete, haben wir es doch schon gemacht“, sagt Andreas. Ein fremder Handwerker sei derweil noch nicht auf den Hof gekommen. Sämtliche Renovierungsarbeiten haben die vier Freilerner mit Unterstützung von Freunden selbst bewerkstelligt. Wenn es darum geht, was als nächstes gemacht wird, sind sich die vier jungen Männer oft schnell einig, beteuern sie. „Beim Dach haben wir aber schon viel und lange darüber geredet, welche Dachsteine und welches Holz wir nehmen“, sagt Andreas. Für Bauarbeiten und Lebensmittel führen sie eine gemeinsame Kasse. Und seit ein paar Tagen wohnt auch Immanuel in Wilhelmsgrille – in einem Bauwagen auf dem großen Hof des Grundstücks.

Drei der vier Freilerner in der eigens hergerichteten Küche. Quelle: Christoph Brandhorst

In dem kleinen Dorf wurde die ungewöhnliche Männer-WG mit offenen Armen aufgenommen. „Die Leute hier waren sofort sehr offen“, erklärt Juri. Dass Andreas Schlagzeug spielt, daran hat sich noch niemand gestört. Im Gegenteil: „Wir wurden schon gefragt, ob wir nicht beim Dorffest auftreten wollen“, sagt er.

Von Christoph Brandhorst

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