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Ostprignitz-Ruppin Die Welt ist ein Dorf, das Dorf eine Welt
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13:35 26.02.2018
Christhard Läpple mit seinem Buch „Soviel Anfang war nie" – vor seiner Lesung in Neuruppin Quelle: Regine Buddeke
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Neuruppin

Ein 200-Seelen-Dorf im platten Heideland, ohne See, im märkischen Sand. Nach der Wende kein Ort mit touristischem Potenzial. Und doch strömen Sommer für Sommer Tausende dorthin, um die Masken sprechen zu hören. Berliner und Einheimische, die den immer wieder spannenden Inszenierungen des Theatersommers beiwohnen wollen.

Theaterbegeisterte Laien, die sogar den Jahresurlaub nehmen, um mitzuspielen, einen aufregenden Sommer zu erleben. Es ist ein Dorf, das aus dem Dornröschenschlaf erweckt wurde. Christhard Läpple nennt es Herzdorf. Aber jeder aus der Region weiß – es ist Netzeband. Läpple, ZDF-Journalist und Teilzeit-Netzebander, hat dem Dorf ein Denkmal gesetzt.

„So viel Anfang war nie“, heißt sein Buch, in dem er die Geschichte des Dorfes nach der Wende erzählt, den Aufstieg des Phönix aus der Asche. Ein Mikrokosmos menschlicher Befindlichkeiten, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten – von Einheimischen und Zugereisten.

Von Menschen, die hart arbeiteten und es nach der Wende nicht mehr durften, die resignierten oder träumten. Eine Geschichte von Hoffnung, Höhenflügen und Euphorie aber auch von Resignation, Skepsis und grandiosem Scheitern.

Der Autor Christhard Läpple ist „Teilzeit-Netzebander“

Wieso Herzdorf? „Es war ja unser privater Rückzugsort – ein Sehnsuchtsort“, erklärt Läpple. „Und weil es überall passiert sein könnte.“ Die Namen seiner Protagonisten hat er schon aus Gründen der Persönlichkeitsrechte geändert. „Der Erzähler haftet für seine Helden“, schreibt er. Er wollte den Ort verhüllen, wie Christo den Reichstag, sagt er. Er wollte die Geschichte erzählen – aber auch weiter im Ort leben, räumt er ein.

Er kannte Johanna und Horst Wagenfeld: die Düsseldorfer Investoren – er Landschaftsarchitekt, sie PR-Frau – die den Ort nach der Wende erweckt haben. Er kannte den Berliner Theatermann und Künstler Jürgen Heidenreich, der mit seinen überlebensgroßen Puppen Dylan Thomas‘ „Unter dem Milchwald“ in Netzeband installierte: Es war die Geburtsstunde des Theatersommers.

Viele aus dem Dorf haben an den genialen Puppen mitgebaut. Als Heidenreich 2003 starb – einsam und an Alkohol wie Dylan Thomas auch – war für Läpple der Wunsch zum Buch geboren. „Da war das Dorf schon pleite“, sagt der Autor. Die Arbeit sollte zehn Jahre dauern.

Er hat die Geschichte des Theaterdorfes erlebt

„Ich habe 38 Interviews geführt – mit allen, die nicht schnell genug auf den Bäumen waren“, sagt der 59-Jährige über die Phase zwischen 2010 und 2012. Nicht immer sei es leicht gewesen, die Leute zum Erzählen zu bringen. „Um manche musste ich lange werben.“

Letztlich haben alle bis auf eine zugestimmt. Und redeten. „Zuhören. Auf Augenhöhe begeben. Nicht sofort verurteilen“, erklärt Läpple, wie es ihm gelang. Allein mit den Wagenfelds hat er 48 Stunden gesprochen. „Sie haben das Mikro vergessen und die Situation. Sich völlig geöffnet. Das war ein Geschenk.“

Das Buch ist ein buntes Kaleidoskop, in dem sich wie bunte Perlen die Wahrheiten jedes Einzelnen spiegeln; die die „Invasoren aus dem Westen“, die „neuen Russen“ argwöhnisch beäugten. Und gleichermaßen auf Erneuerung hofften nach den DDR-Jahren: der Heimatforscher, der Feuerwehrchef, der Kommandant des nahen Truppenübungsplatzes. Der Ex-Brigadier und Neubürgermeister, der die Wagenfelds ins Dorf ließ, indem er ihnen für eine symbolische Mark die völlig ruinöse Kirche verkaufte, für deren Abriss das Geld fehlte.

Als Heidenreich starb, reifte die Idee zum Buch über das Dorf

Wagenfeld, der Mann mit den Visionen im Kopf und den Hummeln im Hintern, machte sie wieder zum Schmuckstück. Das ganze Dorf, das die Ureinwohner oft „das letzte Loch vor der Hölle“ nannten, wollte er erneuern und sich gleichsam zum Denkmal machen. Er wollte Tourismus, sanfte Bio-Landwirtschaft. Seine Frau zog mit – nicht unbedingt, weil sie selbst es wollte.

„Es war eine kühne, geniale Idee, das kulturverwöhnte Berliner Publikum aufs Land zu holen“, sagt Läpple. Aber es funktionierte. 2000 wurde Netzeband zum Expo-Dorf. Das Theaterdorf. An manchen Laternenmasten sieht man die Gravur noch. Aber genau zu der Zeit platzte der Traum. Läpple lässt es seine Buchfiguren beschreiben.

Manch ein Dörfler fühlte sich überrollt, vereinnahmt. Verschlafene Einsamkeit war gestern, Künstler und Theaterleute bevölkerten das Dorf, laute Feste wurden gefeiert. Dem Paar schlug Widerstand entgegen. „Wagenfeld hat nie verstanden, dass man die Leute mitnehmen muss. Und ihre Vorgeschichte“, sagt Läpple. „Er war ein großer Visionär, einer der immer vor der Front läuft und als erster die Kugeln abbekommt“, schwärmt er.

Läpple hat mit vielen Netzebandern gesprochen: 38 Interviews geführt

Solche Leute brauche es. Und auch wenn Hans Blumental – so heißt er im Buch – grandios gescheitert sei, habe er dem Dorf etwas hinterlassen. Seine Saat ist aufgegangen. Die Märkischen Höfe florieren, der Theatersommer läuft weiter. „Er hat so viel Energie und Pioniergeist gebracht. So viel Substanz hinterlassen. Und dafür einen hohen Preis gezahlt.“ Vier Millionen Mark Eigenmittel hätten Wagenfelds in den 90er Jahren in Netzeband investiert. Und verloren.

„Das ist die Tragik.“ Denn das Dorf habe profitiert. Es ist keine Westernstadt geworden, wie ein windiger Investor plante. Und auch kein Gorleben II – auch eine Nutzung als Atommüllendlager war für Netzeband einst im Gespräch, hat Läpple recherchiert. Wagenfelds waren ein Segen. Das Dorf lebt –trotz aller Widersprüche. „Ein Theatermann hat mal gesagt: ‚Was wäre es hier ohne Theatersommer? Schicht im Schacht!‘“

Im Buch werden viele Stimmen laut – auch konträre

Läpple ist bekennender „Milchwald“-Fan. „Ein großartiges Stück. Es hat mich reicher gemacht.“ Und wenn man genauer hinsieht, hat er etwas Ähnliches geschaffen. Dylan Thomas beschrieb die Welt mit 24 Stunden im Leben des fiktiven Fischerdorfes Llaregubb. Christhard Läpple beschreibt sie in 24 Jahren Herzdorf. Drama? Komödie? Tragödie? Nachwende-Roman?

„Es sollte einfach eine gute Geschichte werden“, sagt der Autor. „Und ist jetzt eine Chronik, mit allem, was das Leben ausmacht.“ Man hat ihn in Netzeband nicht verstoßen. Das Buch findet Zuspruch. „Manche sind misstrauisch geblieben. Aber wir können weiter hier leben.“ Als er nach Erscheinen des Buches in die Kneipe kam – den Ort, an dem in Netzeband die Zeit stehengeblieben ist – bekam er sein Bier.

Von Regine Buddeke

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