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Die neue Stadtschreiberin von Rheinsberg

Die Schriftstellerin und Moderatorin Marion Brasch arbeitet am nächsten Buch Die neue Stadtschreiberin von Rheinsberg

Auch ihr Bruder Peter war mal Stadtschreiber von Rheinsberg. Als die Berliner Schriftstellerin und Moderatorin Marion Brasch die Wohnung der Stadtschreiber in der Prinzenstadt bezog, entdeckte sie dort sein altes Stehpult. „Das hat mich berührt“, sagt sie.

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Radio Eins-Moderatorin Marion Brasch – hier bei den Fontane-Festspielen im Sommer 2014 in Neuruppin – arbeitet zurzeit in Rheinsberg.

Quelle: Peter Geisler

Rheinsberg . Die blaue Tasse kam wieder mit. Als Marion Braschs Bruder Thomas 2001 starb, hatte sie die Tasse aus seiner Wohnung mitgenommen. Seitdem hat das blaue Stück Marion Brasch an viele Orte begleitet. Auch nach Rheinsberg.

Anfang Juli kam die Moderatorin und Schriftstellerin als neue Stadtschreiberin in die Prinzenstadt. In den kommenden Monaten will die 54-Jährige an „mehreren absurden Geschichten“ weiterarbeiten. „So groteskes Zeug, vielleicht nicht jedermanns Sache“, sagt Marion Brasch, die Daniil Charms und Michail Bulgakow mag. Im Herbst will sie ihre schrägen Märchen bei ihrem Verlag abgeben.

Ihr erster Eindruck von ihrem Zuhause auf Zeit: „Wunderschön.“ Natürlich. Angenehm still und abgeschieden ist es in der Stadtschreiberwohnung. Das empfand auch ihr ebenfalls verstorbener Bruder Peter, der auch Stadtschreiber in Rheinsberg war. „Und die Stille ist so laut“, schrieb er damals. Als Marion Brasch das erste Mal in die Wohnung der Stadtschreiber kam, entdeckte sie das Stehpult, das er sich hatte anfertigen lassen. „Das hat mich sehr berührt.“

Peter Brasch war der jüngste ihrer drei Brüder und ihr besonders nah. „Wir ticken ähnlich“, sagt sie. „Auf eine gute Art und Weise.“ In einem in Rheinsberg geschriebenen Text ließ Peter Brasch eine Ente sprechen. Nach ihren ersten Laufrunden um den Rheinsberger See fiel ihr auf, dass auch sie dort die Tiere beobachtet hatte. Einem Krähenpaar gab sie beim Vorbeigehen sogar einen Namen – „der große und der kleine Klaus“.

Radio Eins-Moderatorin Marion Brasch hat für die nächsten Monate ihr Domizil in Rheinsberg bezogen

Radio Eins-Moderatorin Marion Brasch hat für die nächsten Monate ihr Domizil in Rheinsberg bezogen.

Quelle: Frauke Herweg

Mit ihrem 2012 erschienenen Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ war die gelernte Schriftsetzerin und spätere Radiomoderatorin auch als Schriftstellerin bekannt geworden. Aus der Perspektive der kleinen Schwestern beschreibt Marion Brasch darin das Aufwachsen in einer ungewöhnlichen Familie: Ihr Vater Horst Brasch war zeitweilig stellvertretender Kulturminister der DDR. Ihre Brüder – die Schriftsteller Thomas und Peter Brasch und der Schauspieler Klaus Brasch – rebellierten gegen das System und starben alle früh – an Alkohol, Kokain und Verzweiflung. Übrig bleibt das jüngste Kind, Marion.

Bewegte Familiengeschichte

Marion Brasch entstammt einer Familie deutsch-österreichischer Kommunisten mit jüdischen Wurzeln. Nach der Rückkehr aus dem britischen Exil bekleidete ihr Vater Horst Brasch mehrere hohe Ämter in der Kulturpolitik der DDR.

Sie ist Schwester der Schriftsteller Thomas und Peter Brasch und des Schauspielers Klaus Brasch. In dem 2012 erschienenen Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ verarbeitet sie die Geschichte ihrer Familie.

Die Berlinerin arbeitete von 1987 bis 1992 beim Radiosender DT  64, zunächst als Musikredakteurin, später auch als Moderatorin und Autorin. Nach Stationen bei anderen Radiosendern wechselte sie zu Radio Eins, für das sie noch heute arbeitet.

Im vergangenen Jahr erschien „Herr Wunderlich fährt nach Norden“, Marion Braschs zweiter größerer Roman, den sie als Stipendiatin des Künsterhauses Wiepersdorf geschrieben hat.

Die Moderatorin schrieb die Familiengeschichte auf, „weil es dran war“. Beim Schreiben hat sie ihre Tochter Lena im Hinterkopf. Ihr will sie die Familie – die Brüder und vor allem den Großvater – näher bringen. „Ich bin die letzte, die es hätte erzählen können.“

Durch die Arbeit an dem Buch, sagt Marion Brasch, habe sie begonnen, ihren Vater besser zu verstehen. Als glühender Kommunist hatte Horst Brasch einst seinen Sohn Thomas verraten und nicht davor geschützt, ins Gefängnis zu kommen. „Die Partei war die Kirche für ihn“, sagt Brasch über ihren Vater. Er muss hart mit anderen, aber auch mit sich gewesen sein. Weichheit erlaubte er sich erst in seinen letzten Lebensjahren. „Ich musste für ihn denken und fühlen“, sagt die Tochter.

Einige Kritiker haben Marion Brasch vorgeworfen, sie habe sich zu sehr auf die naive Perspektive der kleinen Schwester beschränkt. Die Autorin hat sich anfangs über die Kritik geärgert. „Ich kann die Geschichte ja nur so schreiben, wie ich sie erlebt habe“, sagt sie heute.

Auf den richtigen Zeitpunkt vertraut

Trotz des riesigen Konfliktes innerhalb der eigenen Familie, trotz der frühen Verluste ihrer Brüder – Marion Brasch schreibt ihre Familiengeschichte in einem sehr leichten, sehr gelösten Ton. „Ich bin sehr glücklich, in dieser Familie aufgewachsen zu sein.“

Von sich selbst behauptet die Berlinerin, es sei ihr oft gelungen, auf den richtigen Zeitpunkt zu vertrauen. Sie entschied sich zum „genau richtigen Zeitpunkt“, eine Lehre als Schriftsetzerin zu machen. Und sie sprach im richtigen Moment beim Jugendradio DT 64 vor. Brasch, die damals zwar in einer Band spielt, aber keinerlei journalistische Erfahrung hat, wurde sofort genommen. Auch das ein Glück, findet sie.

Eines ihrer ersten größeren Interviews führte sie 1992 mit Lou Reed. Vor dem Gespräch verschickte das Management des Musikers eine strikte Verbotsliste – keine Fragen zu den Texten auf der neuen Platte. so hieß es darin. Doch Marion Brasch war berührt von den Texten, die von Verlust und Tod handeln. Aufgeregt und eingeschüchtert stellte sie die Fragen einfach trotzdem. Und fand offensichtlich den richtigen Draht zu dem Musiker. Nach einem schrecklichen Moment der Stille nahm Lou Reed seine dunkle Brille ab und lächelte. Und: „Er hat all meine Fragen beantwortet.“

Von Frauke Herweg

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