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Ostprignitz-Ruppin Die vermutlich letzte Augenzeugin
Lokales Ostprignitz-Ruppin Die vermutlich letzte Augenzeugin
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02:18 06.08.2015
Heute und damals: Eva Thiering ist vermutlich die letzte lebende Augenzeugin der Verkündung der Bodenreform am 2. September 1945 in Kyritz. Quelle: Alexander Beckmann
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Kyritz

Ende August, Anfang September wird es in Kyritz mehrere Veranstaltungen zu ein und demselben Thema geben: 70 Jahre zuvor, am 2. September 1945, hatte der KPD-Chef Wilhelm Pieck im damaligen Kyritzer Gasthaus „Schwarzer Adler“ eine Bodenreform angekündigt, die bis heute die ländlichen Strukturen in den östlichen Bundesländern prägt.

Die Interpretation des Historischen taugt zur Bildung politischer Lager. Die einen betonen die Bedeutung, die das Aufteilen von Großgrundbesitz auf landlose Bauern gehabt habe, während die anderen vor allem das Leid der Enteigneten, die Ungerechtigkeiten und Fehlurteile von damals in den Vordergrund rücken.

70 Jahre sind fast ein Menschenleben. Das Kyritzer Haus, in dem Wilhelm Pieck einst seine folgenreiche Neuigkeit verkündete, steht längst nicht mehr. Kaum jemand kann wirklich noch aus eigenem Erleben von den damaligen Ereignissen berichten.

Eva Thiering arbeitete nach dem Krieg Quelle: privat

Eine Augenzeugin gibt es aber doch: Eva Thiering lebte damals in Kyritz und tut es immer noch. Die heute 94 Jahre alte Frau war dabei, als sich im Kinosaal hinter dem Gasthaus Kleinbauern und Landarbeiter auf Einladung der Kommunistischen Partei (KPD) versammelten. Sie gehörte sogar zu denen, die über das Treffen Protokoll führten.

Dass da Geschichte geschrieben wurde, war der jungen Frau von damals gar nicht bewusst. Auf der Flucht aus Stettin hatte es sie und ihre Familie nach Kyritz verschlagen. „Wir hatten hier Verwandte und sind deshalb hier gelandet“, erzählt Eva Thiering. „Aber sonst hat uns keiner geholfen.“ Sie hatte Glück und eine gute Ausbildung und fand Arbeit im Bauamt der Kreisverwaltung der Ostprignitz. „Aus lauter Tollerei hatte ich mal Redeschrift (eine Form der Stenografie – Anmerkung der Redaktion) gelernt. Und dann suchten sie Stenotypistinnen für die Rede von Wilhelm Pieck“, erinnert sich die Kyritzerin.

„Der Saal war voll.“ An die 350 Menschen sollen es gewesen sein. „Wir haben ganz hinten an so kleinen Tischen gesessen und wenig gesehen. Wir wussten ja auch nicht, was auf uns zukommt“, sagt die Zeitzeugin. Düster sei es im Saal gewesen. Eva Thiering war vor allem mit ihrer Aufgabe beschäftigt. „Das war schwierig für mich. Die ganzen Ortsnamen hier waren mir ja noch unbekannt. Und Pieck sprach auch recht schnell.“ Dass es ausgerechnet bei der Versammlung in Kyritz um eine Bodenreform gehen würde, damit hatte kaum jemand gerechnet.

Ein historisches Dokument aus der Zeit der Bodenreform in Kyritz. Quelle: Archiv

Das Sagen im Land hatte bei allen wichtigen Dingen die Besatzungsmacht. „Das ist wohl ganz plötzlich gekommen, dass Wilhelm Pieck den Auftrag bekommen hat“, schätzt Eva Thiering. „Das sollte eine Bauernversammlung sein.“ Von denen gab es angesichts der damaligen Versorgungslage viele. „Ich hab mich gar nicht weiter drum gekümmert.“ Die Botschaft, dass kostenlos Land verteilt werden soll, sei dann aber eingeschlagen wie eine Bombe. „Zuerst konnten viele gar nicht fassen, was Pieck da erzählt hat“, erinnert sich die Protokollantin.

Doch gerade für die vielen Flüchtlinge in der Gegend habe sich damit eine Chance eröffnet in einer aussichtslos erscheinenden Situation. „Jeden Morgen standen sie wieder vor der Verwaltung und wir konnten sie nirgendwohin zuweisen.“ Der Wohnraum und die allgemeine Versorgung waren ex-trem knapp. „Viele sind auf die Dörfer verteilt worden, um bei den Bauern zu arbeiten.“

Die Aussicht auf eigenen Grund und Boden war da was ganz anderes. „Viele Gutsbesitzer waren ja schon weg“, berichtet Eva Thiering. „Und das Land musste doch beackert werden. Die Leute brauchten was zu essen.“ Den Boden an die Land- und Heimatlosen zu verteilen, hält sie auch heute noch für eine naheliegende Lösung.

Sie selbst blieb bei der Bauverwaltung des Kreises in Kyritz. „Da sind wir noch mit dem Fahrrad bis hinter Kunow gefahren für eine Bauabnahme.“ Ihre jahrzehntelange Arbeit hat Spuren hinterlassen. „Wir haben auch das Kyritzer Kulturhaus projektiert. Das war ja so ein Drama. Die hatten schon ein Projekt, aber das hat ihnen nicht gefallen. Dann wollten sie dies und dann jenes. Wir waren noch in der Komischen Oper in Berlin, um uns Bühnentechnik anzusehen.“

Doch die Bodenreformgeschichte ließ Eva Thiering ebenso wenig los. „Zu jedem Jubiläum kamen sie an. Die Zeitung, die Feuerwehr, die Schulkinder wollten was wissen. Das Fernsehen war bestimmt dreimal da.“ Kein Wunder. Eva Thiering hat was zu erzählen, was nur noch wenige erzählen können. Sie versteht es zu erzählen und sie ziert sich nicht. „Die Bodenreform verfolgt mich wohl bis ins Grab.“

Von Alexander Beckmann

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