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Dosse Park wird Künstlerkolonie

Wittstock Dosse Park wird Künstlerkolonie

Der Wittstocker Dosse Park wird seit mehreren Jahren umgebaut – zur Künstlerkolonie. Sichtbar ist dies nicht nur an den Außen-Kunstwerken im Skulpturenpark. Auch die Häuser beleben sich zunehmend: Zahlreiche Künstler haben Ateliers bezogen. Drei von ihnen stellt MAZonline hier vor.

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Wittstocker Spiegelkabinett „Die Mitte der Welt“ nach dem Entwurf von Werner Klotz: „Ich will den Menschen neue Sichtweisen ermöglichen.“

Quelle: Claudia Bihler

Wittstock. Zahlreiche Künstler haben bereits Ateliers im Wittstocker Dosse Park bezogen. Drei von ihnen stellen wird vor.

Werner Klotz

Ein flüchtiges Stirnrunzeln ist über dem Brillenrand zu sehen, als er gefragt wird: „Sind Sie ein Träumer?“ Als er merkt, dass die Frage nicht als Affront gemeint ist, lacht Werner Klotz, wechselt aber gleich das Thema: „In meinen Arbeiten steckt viel Entwicklungsarbeit.“ Und auch viel technisches Wissen um Optik, mag der Beobachter hinzufügen. Aber: Ohne ein paar Träumereien würde Werner Klotz wohl kaum auf seine Ideen kommen, zu denen regelmäßig Spiegel gehören und andere reflektierenden Materialien.

Gerade jetzt entsteht in der Künstlerkolonie im Wittstocker Dosse Park das „Wolkenhaus“, auf dessen Edelstahlschindeln sich der Himmel über Brandenburg spiegeln wird: „Ein solches Wolkenspiel habe ich noch nirgendwo gesehen“, sagt Klotz: Und fängt diesen auf der Fassade ein.

Werner Klotz ist Amerikaner, wurde aber in Deutschland geboren

Werner Klotz ist Amerikaner, wurde aber in Deutschland geboren. Er hat ein Atelier in der Künstlerkolonie Dosse Park.

Quelle: Claudia Bihler

Und schließlich liefert er selbst den Beweis: In der derzeit im Dosse Park zu sehenden Ausstellung lässt er den Betrachter sogar teilhaben an seinen Träumen, die er – noch schlaftrunken – aufgezeichnet hat und später als „Traumstelen“ in Aluminium konserviert hat.

Auch, wenn das Außenkunstwerk „Die Mitte der Welt“ in Wittstock schon wegen seiner puren Größe und wegen der Reflexionen ein Blickfang ist: Derzeit arbeitet der Installationskünstler gemeinsam mit einem Partner an wesentlich Größerem: Bis 2018 will er einen „Fluss“ durch die Unterwelt der kalifornischen Großstadt San Francisco legen. Aus 16 000 metallenen Einzelteilen wird dazu eine 100 Meter lange Skulptur zusammengesetzt, die die zentrale U-Bahn-Station am Union-Square prägen wird. „Es war eine Menge Entwicklungsarbeit zu leisten, denn die konvexen und konkaven Blechteile sollen den Eindruck eines echten Flusses widerspiegeln“, meint Klotz – und das betrifft nicht nur das Blinken und Schillern, auch das Tageslicht wird berücksichtigt: „Wenn die Leute morgens zur Arbeit gehen, wird die Skulptur eher grau erscheinen, wenn eine Frau im roten Kleid passiert, wird sich auch dies wiederfinden.“ Gerade bei den Blechen, aus denen San Franciscos neues „Gewässer“ entsteht, musste zuerst einmal experimentelle Fantasie freigesetzt werden. Doch was das betrifft, hat der Künstler viel Erfahrung – unter anderem mit einer weiteren Großskulptur an Seattles Flughafenshuttle Lightrail. Oder auch bei dem kleinen Metallkasten, der in Wittstock zu sehen ist: Schaut der Betrachter hinein, sieht er sein eigenes Auge als hundertfache Reflexion wie in einem Spiegellabyrinth auf früheren Jahrmärkten: „Ich will den Menschen ein neues Sehen ermöglichen“, erklärt er seine Kunst.

Dass Maskottchen auf Fotoreise gehen, ist heutzutage in Internetblogs sehr häufig zu sehen. Als Klotz zwei Weinbergschnecken im Winterschlaf in den 1980er Jahren mit auf große Tour nahm, gab es noch nicht einmal das Internet. Ob im Flieger oder an zahlreichen Plätzen der USA entstanden die Fotos, die Klotz ebenfalls in Wittstock zeigt. Und damit auch gleich eine Brücke nach Wittstock schlägt: Denn die Schnecken hat er auch unter der Golden-Gate-Brücke fotografiert, die optisch direkt in den Wittstocker Ausstellungsraum ragt.

Die Schnecken gibt es zwar nicht mehr. Allerdings sind ihre Spuren auch als kupfernes Kunstwerk erhalten. Klotz: „Ich habe ein Verfahren entwickelt, wie man diese flüchtigen Spuren konserviert.“

Antar Dayal

„Zum ersten Mal habe ich diese Bienen im Discovery Channel gesehen“, sagt Antar Dayal, „und ich war völlig fasziniert.“ Dass die im Fernsehen vorgestellten Blattschneide-Bienen keine seltene Art aus einem entlegenen Regenwald sind, davon konnte sich der Künstler aus Kalifornien im New Yorker Central Park dann selbst überzeugen: „Die Bäume dort sehen aus, als seien sie gelocht“, meint er – und ließ sich von den geflügelten Insekten auch zu einer Malerei-Technik inspirieren, von der er überzeugt ist: „Ich bin der einzige, der das so macht.“

Außergewöhnliche Technik, ungewöhnliche Durchblicke

Außergewöhnliche Technik, ungewöhnliche Durchblicke: Antar Dayal und seine Sandwich-Bilder.

Quelle: Claudia Bihler

Seit neustem lebt der Künstler aus Los Angeles mit familiären Wurzeln in Dresden in der Künstlerkolonie Wittstocker Dosse Park: „Im Sommer zumindest, im Winter gehe ich dann regelmäßig nach Kalifornien.“ Deshalb sind dort nun auch seine Bilder zu sehen, erstmals zum Tag des offenen Ateliers, da hatte Dayal gerade seinen großen Raum neu bezogen. Wer in sein Atelier hineinkommt, dessen Blick wird sofort auf die großformatigen Bilder gezogen. Und ihm öffnet sich im wahrsten Sinn des Wortes der Blick auf den Central Park: Dort nämlich gewann Dayal seine Motive – etwa eines der großen schmiedeeisernen Tore, die sich zu dem Park hin öffnen.

„Wer zum Central Park möchte, muss eigentlich immer durch die Straßen von New York“, beschreibt Dayal – nicht nur mit Worten, sondern auch in seinen Bildern. Die gestaltet er in der tatsächlich außergewöhnlichen Sandwich-Technik sozusagen als Bild hinterm Bild: Auf der vorderen Leinwand findet sich ein durchbrochener Auszug des Stadtplans von Big Apple – dahinter auf einer zweiten Leinwand dann der Central Park. Die Sandwichtechnik findet sich auch regelmäßig in anderen Gemälden, so gehören zum Portfolio Antar Dayals beispielsweise auch Porträts oder Szenen aus seiner Heimatstadt mit typischen US-Motiven von Leuchtreklame bis Highway-Schild.

Dass der Künstler vor allem auch aus der Gebrauchs- und Werbekunst stammt, mag der Betrachter durchaus auch an den kraftvoll bestimmten Strichen seiner Werke bemerken.

Wahlplakat für Barack Obama von Antar Dayal

Wahlplakat für Barack Obama von Antar Dayal.

Quelle: Claudia Bihler

Wer dies tatsächlich beobachtet, hat etwas mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama gemeinsam. Als der angehende Präsident in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf nach Philadelphia kam, vertrat er noch als Senator von Illinois seinen Bundesstaat im Senat, wo er auch den Grundstein für seine Kandidatur legte. In Philadelphia fiel ihm eine riesige Plakatwand ins Auge.

Die sechs Stockwerke hohe Grafik stammte aus dem Atelier von Antar Dayal: Er hat darauf den Verleger und Gründervater der Vereinigten Staaten, Benjamin Franklin, abgebildet, wie er von dort oben seine Blicke – über den Rand einer Lesebrille hinweg – über die Stadt schweifen ließ. Der Slogan ist Werbung für die Stadt: „Absolut Philadelphia.“

„Ich habe wegen dieses Plakates einen Anruf von Obama bekommen“, erinnert sich Dayal: „Er hat mich gefragt, ob ich für ihn ein Wahlplakat entwerfen könne.“ Dass er das tun würde, war für ihn eine Selbstverständlichkeit – das Plakat mit „Yes we can“ wurde auch in Europa bekannt und brachte dem angehenden Präsidenten rund 400 000 Dollar Wahlkampfmittel ein. Das Original hat Antar Dayal bis heute aufgehoben. Er hofft, „dass Barack Obama das signiert“, wenn er am Himmelfahrtstag in Berlin ist.

Luzian Gryczan

Beim ersten Hinsehen aus einiger Entfernung bewegen sich Figuren über das Bild, ähnlich den Ahnenfiguren schwarzafrikanischer Stämme. Beim Nähertreten finden sich mehr und mehr Motive: hier ein Schiff, dort die Schemen einer Burg. Doch nach wie vor wird der Blick des Betrachters immer weiter in die Tuschezeichnung gesogen: Die Gegenständlichkeit geht mehr und mehr verloren, mal meint das Auge, etwas Konkretes erfasst zu haben, nur um gleich darauf festzustellen, dass die Striche feiner werden und sich schließlich irgendwo als Tuschepartikel in der Endlosigkeit verlieren.

Luzian Gryczan

Luzian Gryczan: Philosophische Fleißarbeiten, die surreal und gegenstandslos sind, bei denen aber jeder Strich planvoll gesetzt wird.

Quelle: Claudia Bihler

„Das ist Absicht“, sagt der Autor der Werke, Luzian Gryczan, der dieses Wunderwerk an Fleißarbeit vollbracht hat – nicht nur einmal, sondern in unzähligen Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden, in denen er – auch, wenn es so scheinen mag – keinen Strich dem Zufall überlässt, auch wenn er eigentlich das beschreiben will, dass sich nicht beschreiben lässt und so selbst beim Malen „keinen konkreten Gedanken“ zulässt. Auch darum, weil er in seiner Kunst eine ursprüngliche Spiritualität wieder finden will, von der er überzeugt ist, dass sie verloren gegangen ist: „Man muss sich nur die Verschmutzung der Meere oder die Zerstörung der Berge anschauen.“

Allerdings verzichtet Gryczan auf eine allzu offensichtliche Anklage, sondern denkt abstrakter: „Ich denke, dass die Menschen dem Wesen der Dinge fern geworden sind, der Poesie der Welt. Und deshalb ihren Wert nicht mehr erkennen können.“

Auch er selbst musste diese Poesie erst wieder finden. Geboren in der DDR war er über mehrere Jahre zunächst in Untersuchungshaft bei der Staatssicherheit, später als Bausoldat in Prora, dem Mammut-Bauwerk an der Ostsee, das noch die Nationalsozialisten als Urlaubsdomizil „Kraft durch Freude“ begannen und das zu DDR-Zeiten als riesiger Kasernenkomplex fortgeführt wurde. Irgendwann wurde Gryczan von der BRD freigekauft.

Nach den zwölf schwarzen Tafeln aus der Erfindung der Welt konnte Gryczan wieder farbig malen

Nach den zwölf schwarzen Tafeln aus der Erfindung der Welt konnte Gryczan wieder farbig malen.

Quelle: Claudia Bihler

„Als ich im Westen ankam, musste ich mich erstmal freimalen“, sagt er. Die „Zwölf Tafeln aus der Erfindung der Welt“ entstanden: Schwarze Tafeln, auf denen sich Zeichen an Zeichen reiht, ähnlich der Gesetzestafeln des babylonischen Königs Hammurabi – nur in einer unbekannten Schrift und Sprache. „Mit diesen schwarzen Tafeln habe ich mich freigemacht und konnte auch wieder Farbe benutzen“, sagt Gryczan. Was er in großformatigen Ölgemälden ebenso tut, wie in seinen Skulpturen, die er im Dosse Park unter anderem in Erdenmachers Farbengarten zusammenstellt – einer Groß- und Landschaftsskulptur, die aus detailreichen Formen bestehen, deren Kerne er aus Abfällen des eigenen Haushalts herstellt: „Ich will den Dingen ihren Wert zurückgeben.“

Dass Gryczan, obwohl eindeutig surrealistisch orientiert, das 500 Jahre alte und ebenso detailreiche Triptychon „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch aufgriff und neu interpretierte, erstaunt nur wenig. Im Gegensatz zu der heute üblichen Interpretation des Dreitafelbildes, dass auf den Sündenfall im Paradies dem Menschen nach seinem Tode apokalyptische Höllenqualen bevorstehen, sieht er in dem Bild eine andere Bedeutung: Paradies und Hölle als Gegensätze vereinen sich im Mittelteil des Erdenlebens. Obwohl Gryczan auch in der Apokalypse nichts Beängstigendes sieht: „Apokalypse, das bedeutet immer auch einen Neuanfang.“

Von Claudia Bihler

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