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Ein Handwerker mit dem Hang zur Kunst

Kyritz Ein Handwerker mit dem Hang zur Kunst

Detlef Wolter aus Schönberg bei Kyritz hat seit 1973 auf fast allen Dächern der Region gearbeitet. Doch als gewöhnlichen Dachklempner kann man ihn nicht bezeichnen, denn der heute 65-jährige hat einen ausgesprochenen Hang zur Kunst und das drückt sich in seinen Spezialanfertigungen, die er machte deutlich aus.

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Detlef Wolter (3.v.l.) und seine Kollegen von der PGH „Frieden“ 1985 auf dem Dach des Kyritzer Rathauses.

Quelle: André Reichel

Kyritz/Schönberg. Wenn es um spezielle Dacharbeiten ging, war Detlef Wolter jahrzehntelang ein äußerst gefragter Mann. Keine Herausforderung war dem Schönberger zu schwer, keine Leiter zu steil und kein Bauteil, das er in Handarbeit selbst herstellen musste, zu kompliziert. Aus aktuellem Anlass, angesichts der bevorstehenden 780-Jahrfeier von Kyritz Ende Juni, erinnert sich der heute 65-jährige an die waghalsigen Arbeiten, die er und seine Kollegen von der PGH „Frieden“ (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) vor 30 Jahren für ein Jubiläumsfest in schwindelerregender Höhe auf den Dächern von Kyritz ausführte.

Im Vorfeld hatte sich die Knatterstadt gründlich auf das Jubiläumsfest vorbereitet. Das erstklassige Kulturprogramm war hierbei nur eine Seite der Medaille. Die Stadt unternahm jedoch auch gewaltige Anstrengungen, ihr Antlitz aufzuhübschen. Im Herbst 1985 wurde beispielsweise das Rathausdach erneuert. Für Restaurationsarbeiten an der Wetterfahne auf dem Ecktürmchen des Rathauses wurde mit einfachsten Mitteln eine komplizierte Gerüstkonstruktion aufgebaut, auf die sich heute wahrscheinlich kein Arbeiter so ohne weiteres heraufwagen würde. „Als die Wetterfahne nach der Restaurierung wieder von uns installiert wurde, versteckten wir für die Nachwelt im Sockel eine Kapsel mit Dokumenten“, berichtet Detlef Wolter.

Detlef Wolter mit zwei nachkonstruierten Zierelementen

Detlef Wolter mit zwei nachkonstruierten Zierelementen.

Quelle: André Reichel

Kurz darauf, Ende des Jahres 1985, begannen auch schon die Abrissarbeiten der alten Marktzeile, die ein Jahr später in Anlehnung an historische Vorbilder wieder aufgebaut wurde. Die Wohnungen, die dort entstanden, waren bei den Kyritzern heiß begehrt. Im Februar 1987 konnten dort termingerecht die ersten Bewohner einziehen. Die Arbeiten an der Innenstadt von Kyritz liefen in dem Jahr auch an anderer Stelle auf Hochtouren. Viele Hausfassaden, besonders in der Maxim-Gorki-Straße und in der Hamburger Straße bekam einen frischen Anstrich. „Überall dort haben wir auch neue Dachrinnen angebracht“, erzählt Detlef Wolter.

Bei einer Dachrinnenreparatur an einem Haus auf dem Kyritzer Marktplatz entdeckte Detlef Wolter zufällig, dass am Nachbarhaus die aus Zinkblech gefertigten Ziertürmchen total marode sind. Zu seinen Kollegen sagte Detlef Wolter da noch scherzhaft, dass ihm derjenige leid tut, der die mal rekonstruieren muss. „Eine Woche später bekam ich genau diesen Auftrag vom Chef“, erzählt Detlef Wolter. Auf Grund der angespannten Terminlage – zur 750-Jahrfeier sollte die Stadt schön aussehen – musste er dieses Vorhaben allerdings zu Hause, nach Feierabend und an den Wochenenden, angehen. Der geschickte Handwerker wurde tagsüber in seiner Brigade gebracht.

Detlef Wolter

Detlef Wolter.

Quelle: André Reichel

Umgehend holte Detlef Wolter die Ziertürmchen vom Dach und brachte diese zu sich nach Schönberg. Aus Pappe fertigte er dann originalgetreue Modelle davon an. Allein dafür brauchte Detlef Wolter mehrere Tage. Da Zinkblech in der DDR Mangelware war, fertigte der kunstbegabte Klempner die Nachbildungen aus Aluminiumblech. Jedes einzelne Ziertürmchen bestand aus mehreren Einzelsegmenten, die Detlef Wolter millimetergenau anfertigen musste, um sie letztlich zusammenzuschweißen, was auch nicht jeder Handwerker beherrscht. Die größeren Türmchen in der Mitte bestanden beispielsweise aus sieben Segmenten und die Schweißnaht, die sie zusammenfügt, ist gut sieben Meter lang. „Den größten Aufwand hatte ich jedoch mit den beiden Schnecken wegen ihrer geschwungenen Form“, berichtet Detlef Wolter, der nach drei Monaten alle Teile fertig hatte und diese schließlich auf dem Haus am Kyritzer Markt installierte.

Fassade mit Dachelementen in Kyritz’ Altstadt – auch hier war Detlef Wolter am Werk

Fassade mit Dachelementen in Kyritz’ Altstadt – auch hier war Detlef Wolter am Werk.

Quelle: André Reichel

Im mittleren Türmchen hat Detlef Wolter auch hier ein Behältnis mit Zeitungen, Fotos und ein wenig Kleingeld verstaut. „Später einmal sollen die Menschen wissen, wer hier am Werk war und die Türmchen baute“, sagt Detlef Wolter, der 1973 seinen Dienst als Schlosser in der PGH „Frieden“ antrat. Ein paar Wochen später wurde dort die Klempnerei eröffnet, in der er dann eingesetzt wurde. Im ganzen Kreis Kyritz standen für die Klempnerbrigade Arbeiten an Dachrinnen, Wasser- und Abwasserleitungen auf dem Plan. Detlef Wolter bekam immer wieder die schwierigsten, aber auch kreativsten Aufträge. Auch als die PGH 1990 aufgelöst wurde blieb Wolter im Nachfolgebetrieb seiner Tätigkeit treu. Seine Arbeiten auf dem Markt und am Gymnasium in Kyritz sind noch heute zu bewundern. Auch die Dachkuppel des Landstallmeisterhauses in Neustadt stammt aus Wolters Hand.

Von André Reichel

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