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Ein Leben auf der Überholspur

Der 14-jährige Neuruppiner Damien Heese ist hochbegabt Ein Leben auf der Überholspur

Zahlen, Zusammenhänge, Verhältnisse - all das interessiert den 14-jährigen Dmaien Heese aus Neuruppin bereits im Alter von zwei Jahren. Den Zahlenraum bis 100 beherrscht der Steppke da bereits. Ein Test bringt es schließlich ans Licht: Damien ist hochbegabt. Er hat überdurchschnittliche Fähigkeiten im mathematischen, aber auch im sprachlichen Bereich.

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Quelle: Bernd Weißbrod

Neuruppin. Als Damien Heese zwei Jahre alt ist, zählt er die Treppenstufen im Hochhaus seiner Großmutter durch. Ganz von allein. Den Zahlenraum bis 100 beherrscht der Steppke da bereits. Später in der Neuruppiner Montessori-Grundschule erarbeitet sich der zarte, rothaarige Junge in den wenigen Wochen vor den Herbstferien das gesamte Mathepensum der ersten Klasse. Im zweiten Halbjahr wechselt er in die zweite Klasse - Damien will so viel wissen.

In der 7. Klasse wurde es langweilig

Damiens Grundschullehrer stellen sich auf seinen Wissensdurst ein. Weil die Montessorischule ohnehin darauf Wert legt, dass jedes Kind nach seinem eigenen Tempo lernt, fällt seine extragroße Neugier gar nicht auf. Erst als er in der siebenten Klassen aufs Gymnasium wechselt, wird es schwierig: Damien beginnt sich zu langweilen. "Ich hatte nach zwei Wochen verstanden, was andere nach drei Monaten noch immer nicht komplett begriffen hatten", sagt er. Zwar versucht die Schule, dem besonderen Interesse des Jungen mit Förderunterricht am Nachmittag gerecht zu werden. "Das hat Spaß gemacht", sagt Damien. Gleichzeitig fühlt sich das besondere Angebot wie eine Strafe an. Während die anderen Schüler schon am See sein können, sitzt er noch in der Schule.

Forschergeist wird zur Last

Richtig schlimm wird es, als Damien keinen Anschluss in der Klasse findet. Er ist deutlich jünger als die anderen. Während er noch mit Pokemonkarten spielt, interessieren sich seine Mitschüler längst für andere Sachen. Auch sein Forschergeist wird zur Last. Damien hat das Gefühl, dass zwischen ihm und den anderen eine undurchdringliche Wand steht. "Ihnen wurde Intelligenz als negativer Charakterzug vermittelt", sagt Damien. Die Situation eskaliert, als Neunt- und Zehntklässler ein demütigendes Video von ihm drehen und ins Netz stellen.

Der damals Elfjährige beginnt sich zurückzuziehen. Seine Eltern sind alarmiert. "Ein ganz schreckliches Jahr war das", sagt seine Mutter. Nach einem Gespräch mit der Schule und einer Expertin von der Hochbegabtenförderung in Wittenberge ist schnell klar: Damien sollte die Schule wechseln. Die Eltern entscheiden sich schließlich, den Jungen ans Berliner Galileo-Gymnasium zu schicken - eine Schule, die besondere Förderkonzepte für hochbegabte Kinder und Jugendliche entwickelt hat. Doch der Preis dafür ist hoch: Die Familie muss eine Wohnung in der Hauptstadt anmieten, denn den Berliner Wohnsitz hatte die Schule zur Bedingung gemacht. Für Damiens Familie heißt das: Sie muss diese zusätzliche Wohnung finanzieren und ist unter der Woche getrennt, denn Damien geht mit seinem Vater nach Berlin. Mutter und Schwester bleiben in Neuruppin.

Umzug nach Berlin

"Unterm Strich ist Hochbegabung immer ein Geschenk", sagt der Neuruppiner Peter Wuttke, der am Granseer Stützpunkt für Begabtenförderung Eltern, Kinder und Lehrer berät. Allerdings weiß auch der 56-Jährige, dass das Geschenk zu einer Last werden kann. Wenn Lehrer mit dem Wissensdurst eines überdurchschnittlich begabten Kindes überfordert sind, Mitschüler vermeintliche

Streber ausschließen oder es familiäre Probleme gibt, kann das große Talent zur Bürde werden. Wichtig ist: "Es ist nie nur eine Ursache, die Hochbegabung zum Problem werden lässt", sagt Peter Wuttke. Und natürlich muss sie nicht zwangsläufig ein Ballast sein. "Es wird erst problematisch, wenn man auch problemhaft damit umgeht."

Potenzial zur Hochleistung

Hochbegabung wird unterschiedlich definiert: Ein Teil der Forscher hält Menschen mit einem IQ von über 130 für hochbegabt ‒ das wären etwa zwei Prozent der Schüler.

Der Fachberater für Hochbegabtenförderung Peter Wuttke hält diese Definition jedoch für überholt. Wuttke spricht lieber von einem "Potenzial zur Hochleistung".

Wo dieses Potenzial liegt, kann je nach Begabungsprofil ganz unterschiedlich sein. Folgt man dieser Definition, wäre die Zahl der Schüler, die ein entsprechendes Potenzial haben, deutlich höher.

Beratungsstützpunkte können weiterhelfen: Peter Wuttke ist am Granseer Strittmatter-Gymnasium unter 03306/20492852 zu erreichen, Bärbel Henning und Eike Hennig am Marie-Curie-Gymnasium in Wittenberge unter 03877/565560.

Langeweile, Lustlosigkeit oder schlechte Noten können Symptome einer nicht richtig geförderten Begabung sein. "Ich habe Schüler kennengelernt, die extra Fehler gemacht haben, um nicht immer die Besten zu sein", sagt Wuttke. Mädchen, so weiß er aus Erfahrung, ziehen sich oft zurück. Jungen entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Doch so individuell wie die Ursachen sind, sind auch die Symptome und der Umgang damit komplex. Wendet sich eine Familie mit einem Sorgenkind an Peter Wuttke, versucht er dessen gesamte Lebenssituation zu betrachten. "Schule allein kann es nicht lösen."

Für Damien war der Schulwechsel eine Wohltat. "Nach ganz kurzer Zeit war er wieder der Alte", sagt seine Mutter. An der neuen Schule traf Damien auf Jugendliche, die von einer ähnlich großen Forscherlust getrieben sind. "Niemand wird da weggeekelt", sagt Damien. Was ihm entgegenkommt: Die neue Schule bietet viele Projekte an, in denen Schüler sich nach ihrem individuellen Niveau verwirklichen können. Im vergangenen Schuljahr hat Damien einen Online-Hausaufgabenkalender designt. Ein großer Aufwand. Er musste verschiedene Programmiersprachen lernen. Spaß hat es trotzdem gemacht.

Und die Trennung von Mutter und Schwester? Damien, der ansonsten erstaunlich erwachsen für einen 14-Jährigen wirkt, lacht plötzlich los. Mit 14, soll das heißen, kann man auch gut mal auf elterliche Fürsorge verzichten.

Von Frauke Herweg

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