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Ein Tschader lernt in Klosterheide

Tischlerlehre für einen Flüchtling Ein Tschader lernt in Klosterheide

Der Tischlermeister Andreas Baldin kann jede Hand gebrauchen, die zupacken kann. Deshalb hat er einem Flüchtling aus dem Tschad einen Ausbildungsvertrag angeboten. Al-Mahadi Youssouf ist seit fünf Jahren auf der Flucht und hofft nun auf einen Neuanfang. Und das benachbarte Flüchtlingsheim greift gern auf seine Sprachkenntnisse zurück.

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Al-Mahadi Youssouf (r.) und Patrick Pietz, beide im ersten Lehrjahr in der Tischlerei Baldin in Klosterheide.

Quelle: Christian Schmettow

Klosterheide. Al-Mahadi Youssouf war im Supermarkt, als ihn seine Mutter anrief. „Komm nicht nach Hause, die Polizei ist hier.“ Das war vor mehr als fünf Jahren im Tschad. Youssoufs Vater war im Kampf gegen den tschadischen Präsidenten – Youssouf nennt ihn „Diktator“ – gefallen, erzählt der 38-Jährige. Das genügte, dass auch dem Sohn 15 Jahre Gefängnis drohten. In seiner Heimat gibt es noch die Sippenhaft.

Mit dem Anruf im Supermarkt begann eine lange Reise für den Afrikaner: Er gelangte ins Nachbarland Libyen und von dort mit 1800 Menschen auf ein Schiff nach Lampedusa in Italien. Von seiner Mutter konnte er sich nicht verabschieden. Er weiß seit fünf Jahren nicht, wie es ihr geht, ob sie noch lebt. Auch von seinem jüngeren Bruder hat er seit drei Jahren keine Nachricht mehr. Eine Schwester ist in Saudi-Arabien verheiratet.

In Italien lebte er auf der Straße

Al-Mahadi Youssouf lebte in Italien auf der Straße, schlief nachts im Park. Ein Mann half ihm nach Dänemark, dort lebte er neun Monate, wurde nach Italien zurückgeflogen, kaufte sich mit seinen letzten 60 Euro eine Busfahrkarte nach Frankfurt. Über Berlin und Eisenhüttenstadt gelangte er nach Neuruppin ins Treskower Asylbewerberheim. Allein, ohne Perspektive.

Bis er in Neuruppin mit seinem Fahrrad eine Reifenpanne hatte. Ein Deutscher bot ihm Hilfe an, fuhr mit ihm in den Supermarkt, einen neuen Schlauch kaufen. Die beiden kamen ins Gespräch. „Ich suche Arbeit“, sagte Al-Mahadi Youssouf. In seiner Heimat war er Tischler. Sein neuer Bekannter kannte den Tischler in Klosterheide und vermittelte dem Afrikaner ein Praktikum.

Aus dem Praktikanten wurde ein Lehrling

„Ich kann jede Hand gebrauchen“, sagt Andreas Baldin, dem die Tischlerei in Klosterheide gehört. „Ich habe gute Aufträge – ich brauche Arbeiter“, sagt er. Sein neuer Mitarbeiter aus dem Tschad kann zupacken – aber ewig nur Hilfsabeiter sollte er nicht bleiben. Also hat Andreas Baldin ihm einen Ausbildungsplatz angeboten. Seit Oktober macht Al-Mahadi Youssouf eine Lehre in Klosterheide und hat in Lindow eine Wohnung bezogen. Bald stellte sich heraus, dass Tischler im Tschad nicht dasselbe ist wie Tischler in Deutschland – nicht nur, weil in Afrika mit ganz anderen Hölzern gearbeitet wird als hierzulande. Trotzdem hat Andreas Baldin seine Entscheidung nicht bereut. „Er ist ein fleißiger und guter Arbeiter“, lobt er den Flüchtling aus dem Tschad. „Hochmotiviert“ nennt ihn Philipp Müller, der im dritten Lehrjahr ist. Lediglich mit der Verständigung gebe es manchmal noch Probleme, sagt er.

Al-Mahadi Youssouf kann sich auf Deutsch verständlich machen. Aber die Angst, ob er hier bleiben kann, und die Sorge um seine Familie lähmen ihn manchmal. Sein Ausbildungsvertrag in Klosterheide läuft über drei Jahre. Zwei Wochen im Monat arbeitet er im Betrieb, zwei Wochen besucht er die Berufsschule.

Als Übersetzer sehr gefragt

Für das Dorf Klosterheide ist der Mann aus dem Tschad im Moment ein Glücksfall. Denn Al-Mahadi Youssouf spricht Arabisch und arbeitet nun ehrenamtlich auch als Dolmetscher. Seit 200 Meter von der Tischlerei entfernt im ehemaligen Heidegasthof 85 Flüchtlinge eingezogen sind – darunter viele Syrer und vier Menschen aus dem Tschad – wird er zu Hilfe gerufen, wann immer es im Flüchtlingsheim Verständigungsprobleme gibt.

Wie fast alle Flüchtlinge bangt der Tschader nun darum, ob er in Deutschland Asyl bekommt. Da Deutschland keine EU-Außengrenzen hat, gibt es eigentlich keinen Flüchtling, der in Deutschland zuerst sicheren Boden betreten kann. Andreas Baldin möchte Al-Mahadi Youssouf zumindest eine Chance geben, selbst wenn er nicht in Deutschland bleiben kann: Die Chance, dass er dann immerhin einen deutschen Gesellenbrief in der Tasche hat und irgendwo in Europa eine Arbeit finden kann.

Von Christian Schmettow

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