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Ostprignitz-Ruppin Ein ganzes Volk im Sack
Lokales Ostprignitz-Ruppin Ein ganzes Volk im Sack
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02:17 29.04.2018
Die Biologin Christina Grätz muss tief graben. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti
Fehrbellin/Flatow

Unaufhörlich sausen die Autos vorbei. Bei dem Krach kann sich jemand wohlfühlen? Die Kahlrückige Waldameise schon. Zuhauf hat sie am Rand der Autobahn A24 Nester gegraben, dort wo in Kürze die Fahrbahn bis zum Dreieck Pankow sechsspurig ausgebaut werden soll. Doch bevor Bagger und Planierraupen für die nächsten vier Jahre anrücken, müssen erst mal alle Ameisenvölker gerettet und umgesiedelt werden.

Die Deges zahlt

„50 bis 60 Nester sind es noch“, sagt Christina Grätz. Gefunden zwischen Fehrbellin und Kremmen. Beauftragt wurde die Diplom-Biologin und Chefin der Firma Nagola Re, die sich auf ökologische Baubegleitung spezialisiert hat, von der Deges Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH. „200 Ameisenvölker haben wir im vergangenen Sommer schon umgezogen. Die meisten im Bereich Birkenwerder.“ Fünf verschiedene, geschützte Waldameisenarten waren darunter: die Rote Waldameise, die Wiesenwaldameise, die Große Kerbameise, die Strunkameise und die Kahlrückige Waldameise.

Letztere Spezies wird in diesem Moment gerettet. Seit den frühen Morgenstunden ist der Hilfstrupp im Gelände unterwegs und gerade nahe des Dorfes Flatow (Oberhavel) tätig. „Es ist bereits die dritte Woche, dass wir umsiedeln. Bis Freitag haben wir alle Nester geschafft“, schreit Christina Grätz, über den Verkehr hinweg. Die Ameisenvölker sind entlang der Fahrbahnen mit vier Pfählen und rot-weißen Absperrbändern gekennzeichnet.

Das Nest geht tiefer als man glaubt

Christina Grätz begutachtet Nest Nummer 75, das als erstes ausgebuddelt wird. Die Kahlrückige Waldameise, die wegen ihrer wenigen Behaarung am Rücken so genannt wird, hat es sich darin bequem gemacht und teils in einen Reifen hineingebaut. Das ganze Nest ist eingesackt und tiefer als der Laie auf den ersten Blick vermutet. Christina Grätz überlässt ihren Helfern den ersten Umzug und marschiert zu den umliegenden Ameisenvölkern, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Benni schaufelt und schaufelt. Die fünf bis neun Millimeter langen Tierchen im Nest flitzen hin und her. Sie ahnen, das etwas Großes bevorsteht. Ästchen, Halme und anderes Nestbauzeug landen im ersten Papiersack, in den nächsten Säcken Sand und Ameisen. Schicht für Schicht wird abgetragen, mit mal mehr mal weniger Tierchen.

Die Säure brennt wie Nesseln

Der Himmel zieht sich zu. Zum Glück bleibt der angekündigte Regen aus, er würde die Arbeit erschweren. Sonne jedoch auch. „Je wärmer es ist, desto schneller sind die Ameisen“, sagt Benni. „Und desto agressiver werden sie.“ Sie liefen bis zum Hals hoch und feuerten ihre Säure ab, weiß er. „Das brennt wie Brennesseln.“

Christina Grätz kommt zurück. „Es sind insgesamt acht Nester hier. Zwei davon sind außerhalb des Baufelds. Sie können bleiben“, berichtet die rotgelockte Frau und übernimmt den Spaten. Benni und Noah wuchten die halbvoll gepackten, nummerierten Tüten in den Anhänger des einen Jeeps.

Das ist ein Knochenjob

Ameisen umzuziehen ist ein Knochenjob und bringt ins Schwitzen. Brusttief, aber mit ehrgeizigem Blick steht Christina Grätz in der Ameisenbehausung. Will sie wirklich jedes Tierchen retten? „Wenn ich könnte, würde ich jede Ameise einsammeln“, gibt die 43-Jährige zu. „Noch zwei- bis dreimal kommen wir im Anschluss her, um die Restbevölkerung zu holen. Drei Wochen dauert die Nachbereitung.“

Rote Waldameisen sind häufig monogyne Ameisenstaaten mit nur einer Königin. Sie vermehren sich nicht so schnell und sind anfälliger für äußere Einflüsse. Die Biologin ist sich nicht sicher, ob sie die neun bis elf Millimeter große Königin von Nummer 75 schon erwischt hat. „Vergangen Woche war viel Sonne. In dieser ersten Zeit nach der Winterstarre sonnen sich die Ameisen, auch die Königin.

Ein ganzer Staat im Sack

Nun ist sie wieder tiefer gekrabbelt.“ Nach kurzer Zeit, meint Christina Grätz, auch sie im Sack zu haben. Für diese 50 bis 60 Ameisenstaaten ist schon eine neue Heimat gefunden, sagt die Biologin: „Sie kommen in die Rüthnicker Heide, ein Bundesforst der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.“ Die Enfernung sei kein Problem, versichert sie. Mindestens 500 Meter müssten der alte und neue Wohnort auseinanderliegen, damit die Ameisen nicht wieder zurückwandern.

Die ersten 200 Völker hatten Christian Grätz und ihr Team letztes Jahr in den Landes- und Bundeswaldforsten in Zühlsdorf, Briese und auch Velten umgesiedelt, besonders viele aber auf den ehemaligen Truppenübungsplatz zwischen Summt und Lehnitz gebracht. Der Umzug habe gut geklappt, sagt sie: „In Windeseile hatten die Insekten ihr Nest perfekt wiederhergestellt, teilweise schon nach vier Tagen.“

Nest Nummer 75 lebt

Mal sehen, wie sich diese Umzügler anstellen? Die Nagola-Re-Chefin übergibt Benni und Noah Spaten und Zepter an der A 24 und steigt mit dem verpackten Nest Nummer 75 in den Jeep. Seit ihrer Studienzeit erzählt sie, sei sie fasziniert von Ameisen. „2005 habe ich mein erstes Ameisennest umgesiedelt. Ich war damals in einem Ingenieurbüro tätig in der Lausitz, wo ich herkomme, und mit einem Auftrag in einem Tagebau betraut.“ Etliche Ameisenvölker sollten umgesiedelt werden.

Der Experte war ein älterer Herr, der Hilfe benötigte. „Er hatte die Kraft nicht mehr für die Arbeit, und ich ließ mich von ihm anlernen.“ Ihre Berufung fürs Ameisenumsiedeln war geweckt. Christina Grätz ließ sich auch nicht abschrecken, als ihr „Lehrer“ in einem Nest stand und überall an seinem Körper Ameisen hochkrochen „Drei Jahre habe ich von ihm gelernt.“ Die passionierte Botanikerin machte ihren Expertenschein und gründete Nagola Re.

Auch Privatleute können Ameisen umsiedeln lassen

„Wenn jemand in seinem eigenen Garten mit Ameisen zu kämpfen hat, kann er sich übrigens auch professionelle Hilfe holen“, sagt sie. Dafür müssten sich Betroffen an die ehrenamtliche Experten der Brandenburgische Ameisenschutzwarte in Eberswalde wenden. „Jedoch sollte man überlegen, ob die Ameisen wirklich stören. Sie sind nützlich, da sie Insekten fressen, die Bäumen schaden.“

Hinter Beetz bei Kremmen biegt die Biologin in die Rüthnicker Heide ein. Die passenden Plätzchen für ihre nächsten Schützlinge hat Christina Grätz schon ausgesucht und steuert diese über eine Karte auf ihrem iPad an. Auf dem Weg dorthin stattet sie den Nestern einen Besuch ab, die sie am Freitag umgesiedelt hat – und freut sich unbändig. Die meisten Ameisenvölker haben schon ihren Hügel mit Gängen errichtet. Nur eines nicht. Sie entdeckt es zwei Meter weiter an einem Baustumpf. Da wimmelt es vor Kahlrückigen Waldameisen. „Sie lieben Holz“, verrät die Biologin.

Nest Nummer 75 setzt sie schräg gegenüber eines Hochsitzes um. Da die Biologin diesmal ohne ihre Helfer unterwegs ist, wird mit angepackt und eine nach der anderen schweren Tüte aus dem Anhänger gewuchtet. Um die 35 Stück sind es. Mit Spaten und Händen hebt Christina Grätz ein Loch am Waldboden aus, in das sie das Nestbauzeug kippt. Drumherum schüttet sie breitflächig den Inhalt jeder Tüte aus.

Gib den Ameisen Zucker

Die locker verteilte Erde verziert sie mit zwei knorrigen Ästen und streut eine weiße Zuckerstraße. „Die Ameisen sollen sich die ersten Tage um den Nestbau kümmern und nicht um die Nahrungssuche.“ Mit leuchtenden Augen steht Christina Grätz dann vor ihrem Werk. „Es ist ein schönes Gefühl, jemanden gerettet zu haben.“ Man weiß genau, was sie meint und lauscht in die Stille des Waldes. Sie ist angenehm nach dem Krach an der Autobahn.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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