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Eine Mühle auf Wanderschaft

Von Bückwitz bis nach Berlin-Gatow Eine Mühle auf Wanderschaft

Gut ein Jahrzehnt ist es jetzt her, dass man sich in Berlin-Gatow über sehr viel Altholz aus dem Wusterhausener Dorf Bückwitz freute. In Einzelteile zerlegt, wurde die Bückwitzer Bockwindmühle schließlich in Gatow wieder aufgestellt. Es ist eine abenteuerliche Geschichte, von der die Nachfahren des Müller noch heute gerne berichten.

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So sah sie aus in ihren guten Tagen aus, die Bockwindmühle zwischen Bückwitz und Metzelthin. Das Bild entstand zwischen 1920 und 1930.

Quelle: Privat

Metzelthin. Die junge Frau steht etwas ratlos da, Wanderkarte in der Hand, Rucksack auf dem Rücken, feste Schuhe an den Füßen. Es ist Winter. Und es ist kalt. Die schlanke Schöne mit den kurzen Haaren heißt Sybille. Sie wartet auf den Bus. „Bückwitz, Mühle“ steht auf dem Haltstellenschild. Mühle? Wo bitte schön hat die sich denn verkrümelt? Wenn dazu einer was wüsste, dann wären das Sieghilde Lieberenz und ihr Mann Rudolf in dem Aus, das dort steht. Der Mann gehört zur Müllerfamilie der letzten beiden Generationen. Käme er jetzt heraus und Sybille mit ihm ins Gespräch, hätte sie vielleicht dies gehört: „Da ham’se aber Pech Frollein. Die Mühle, die gibt’s nur noch auf Bildern, jedenfalls so, wie sie hier mal stand. Aber das ist eine lange Geschichte.“

Die dauert länger als eine fast volle Stunde.

Rudolf Lieberenz vor seiner im Herbst 1972 zerstörten Mühle

Rudolf Lieberenz vor seiner im Herbst 1972 zerstörten Mühle.

Quelle: Privat

Rudolf Lieberenz müsste 1665 anfangen, als der Gutsbesitzer von Metzelthin auf einem kleinen Hügel unweit vom Lieberenz-Haus den hölzernen Koloss mit den vier Flügeln aufstellen ließ. Dann würde der 82-jährige aber schon die Familie ins Spiel bringen: Sein 0pa, auch ein Rudolf, war Müllermeister. Wenn er nicht die Flügel in den Wind stellte, fuhr er mit Pferd und Wagen übers Land, holte Korn ab und brachte dabei gleich Mehl zu den Höfen.

Auch Vater Oskar verarbeitete was ihm die Landwirte brachten, auch noch nach dem großen Krieg. Mitte der 1950er Jahre aber zeichnete sich das Ende ab. Der „sozialistische Frühling“ brach an und mit ihm die sonderbarsten Regelungen. Der Müller sollte plötzlich Schweine nebenher mästen. Doch da meldete er das Gewerbe lieber gleich ganz ab. Ihm blieb ja noch die kleine Landwirtschaft. Gemahlen wurde nur noch für den Eigenbedarf“, erinnert sich Rudolf, der mit Sieghilde noch immer in seinem Geburtshaus lebt. Zwei Töchter mit Familien wohnen in Rufnähe.

Als sein Vater die Müllerschürze für immer abgebunden hatte, da begann das langsame Sterben der Mühle. Rudolf Lieberenz versuchte, es aufzuhalten, klapperte die staatlichen Stellen ab und sendete Hilferufe. Vergebens. Die komplette Sanierung würde wohl an die 250 000 Mark kosten, hieß es irgendwann. Die Hälfte davon sollte Lieberenz bezahlen. Illusorisch. Der schwere Herbststurm von 1972 gab der Mühle den Rest.

Die Bückwitzer Mühle steht heute in Gatow

Die Bückwitzer Mühle steht heute in Gatow.

Quelle: Privat

Erst nach der politischen Wende im Land kamen eines Tages kräftige Männer von der ASR aus Heinrichsfelde, von der Arbeitsförder-und Entwicklungsgesellschaft im ländlichen Raum. An allen vier Ecken der Mühle wurden Löcher für Fundamente ausgehoben, Pfähle einbetoniert und die Mühle daran gesichert. Dass eine Bockwindmühle mittels Kurbel immer in den Wind gedreht werden muss, fiel damals wohl keinem auf. So beantragte Rudolf Lieberenz beim Landesdenkmalamt den Abriss. Doch im Antwortschreiben war nun von „Umsetzung“ die Rede. Wriezen in Märkisch-Oderland wollte eine Tourismusattraktion daraus machen. Doch daraus wurde nichts. Nur der Abbau klappte. Die Einzelteile landeten in einer alten Eisenbahnhalle – bis sie noch einmal spazieren fahren sollten, und zwar nach Berlin-Gatow. Ulrich Reinicke, Vorsitzender des Fördervereins „Historisches Gatow“, hatte sie in Wriezen entdeckt. Denn auch Gatow besaß einst eine ähnliche Mühle, die allerdings schon um 1920 einen erbärmlichen Anblick bot. Der letzte Müller verkaufte die Gatower Mühle an eine Filmgesellschaft. Die produzierte 1921 den Stummfilm „Die Mordmühle“. Am Schluss musste sie wie geplant brennen. Und zwar „in echt“. Nur Asche blieb übrig.

Nach bürokratischen Hürden und Auflagen vom Denkmalschutz begann nun im September 2004 der Transport in die Hauptstadt. Die Gatower feierten die Ankunft der geschmückten Lkw-Karawane mit einem Volksfest. Bei der Einfahrt des Konvois läuteten die Kirchenglocken. Blasmusik spielte. Jubelstimmung allerorten.

Kurz darauf begann der Aufbau der Bockwindmühle. Sie fiel etwas kleiner aus als ihre Vorgängerin in Bückwitz. Bei der Einweihung mit dem damals Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit waren auch Sieghilde und Rudolf Lieberenz dabei. Die beiden Gäste erlebten das gute Ende einer Odyssee ihrer einstigen Mühle. Es gehört zu den bewegenden Erlebnissen an ihrem Lebensabend. Oft haben sie schon davon erzählen müssen, noch nie jedoch einem Menschen, der vor der Haustür auf den Bus wartet. So bleibt es auch, denn wer bis hierher gelesen hat, muss ja nicht mehr fragen.

Von Wolfgang Hörmann

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