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Ostprignitz-Ruppin Entsetzen am Tag nach dem Orkan
Lokales Ostprignitz-Ruppin Entsetzen am Tag nach dem Orkan
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00:21 09.10.2017
Auf der B 167 am Volksparkstadion in Neuruppin fuhren Autofahrer am Donnerstag unter einem umgestürzten Baum hindurch, während rundherum weitere fielen. Quelle: Andreas Vogel
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Neuruppin

Für Bestürzung und große Trauer sorgte am Freitag die Nachricht von den zwei Todesopfern, die das Orkantief Xavier in der Region gefordert hat. Auf der Straße zwischen Schönberg und Lindow hatte ein abgerissener Ast am Donnerstagnachmittag die Windschutzscheibe eines Kleintransporters durchschlagen und einen der beiden Beifahrer getroffen. Der 26-Jährige wurde dabei getötet. Der Fahrer des Kleinlasters konnte das Fahrzeug noch am Straßenrand abstellen und den Notarzt rufen. Er und der zweite Beifahrer des Autos standen unter Schock.

Der Unfall ereignete sich gegen 16.30 Uhr, so die Polizei. Weil zeitweise das gesamte Notrufnetz ausgefallen war, erfuhren die Beamten aber erst später durch den Rettungsdienst von dem Unglück. Die Straße war bis 21 Uhr gesperrt.

An der Klosterkirche hatte der Sturm die mächtige alte Weide ausandergerissen. Quelle: Reyk Grunow

Große Trauer löste die Nachricht vom Tod einer 54 Jahre alten Autofahrerin bei Schönermark am Donnerstag unter anderem im Sportverein Grün-Weiß Lindow aus. Die Frau war wegen des Sturms mit ihrem Auto in einen Graben gefahren, wo anschließend ein Baum auf das Auto stürzte. Der Ehemann der verunglückten Autofahrerin ist Mitglied im Vorstand der Abteilung Fußball, der Sohn spielt in der ersten Mannschaft in der Landesklasse West. „Wir sind geschockt, können das alles gar nicht glauben“, rang Trainer Sebastian Stendel um Worte. Auf Bitten der Lindower ist das am Wochenende geplante Spiel gegen TuS Wildberg abgesetzt worden. Die Jugendmannschaften und die Mannschaft der Alten Herren werden mit Trauerflor spielen.

Überall im Nordwesten Brandenburg hat Sturm Xavier schwerste Schäden hinterlassen. „Sämtliche Feuerwehren im Landkreis waren im Einsatz“, sagte Landrat Ralf Reinhardt am Freitag und dankte allen Helfern, die bis an den Rand der Erschöpfung gearbeitet haben: „Die örtliche Wehren haben das bravourös gemeistert.“ Die Masse an Notrufen war aber derart riesig, dass die Helfer kaum hinterher kommen konnten. Bis Freitagmittag zählte die Feuerwehr 133 Einsätze in Ostprignitz-Ruppin, ein Ende war nicht abzusehen.

Neuruppins Wallanlagen und der Tierpark bleiben gesperrt

Die Neuruppiner Feuerwehr war bis nachts um 1 Uhr im Dauereinsatz, legte dann eine kurze Verschnaufpause ein, um am Morgen wieder auszurücken. Überall in der Stadt hat der Sturm Bäume gefällt. Stark betroffen sind etwa die Neuruppiner Wallanlagen. Dort sind so viele Bäume umgestürzt und Äste abgerissen, dass die Stadtverwaltung den gesamten Wall sperren ließ, bis Fachleute sich alle Bäume angesehen haben. Der Tierpark Kunsterspring bleibt wegen umgestürzter Bäume bis auf Weiteres geschlossen. Die große alte Ulme am Bahnhof Rheinsberger Tor wurde so schwer beschädigt, dass sie gefällt werden muss, teilte Rathaussprecherin Michaela Ott mit. Die große Weide an der Klosterkirche wurde vom Sturm regelrecht auseinandergebrochen.

In der Alt Ruppiner Allee hatte der Orkan am Donnerstag eine Eiche entwurzelt und gegen ein Mietshaus gedrückt. Die Feuerwehr konnte die Lage erst am Freitagmorgen in Augenschein nehmen und entschied gleich, das Haus zur Sicherheit räumen zu lassen. Hausverwalter Ingo Karbe war wenig begeistert: „Aber was sollen wir machen, die Sicherheit geht vor.“ Zumindest mussten die zwölf Mietparteien nur für wenige Stunden ihre Wohnungen verlassen. Baumpfleger kappten am Mittag die Krone der Eiche, danach durften die meisten Mieter zurück. Nur das Dachgeschoss bleibt vorerst unbewohnbar.

In der Alt Ruppiner Allee in Neuruppin war eine Eiche auf ein Mietshaus gefallen. Alle Mieter mussten das Haus deshalb am Freitag für mehrere Stunden verlassen, am Nachmittag durften die meisten von ihnen zurück. Quelle: Reyk Grunow

In dutzenden Orten war durch den Sturm der Strom ausgefallen. Umstürzende Bäume hatten allein in Westbrandenburg an 124 Stellen das Mittelspannungsnetz beschädigt, sagte Danilo Fox vom Energieversorger Edis. In manchen Orten konnte der Schaden schon am Donnerstagabend behoben werden. Doch wie lange alle Reparaturen dauern, konnte Fox am Freitag noch nicht sagen. Nach Erkenntnissen der Kreisverwaltung waren noch rund 20 Orte im Ostprignitz-Ruppin ohne Strom, die Liste wurde im Laufe des Tages immer länger. Auch Johann Dufek aus Molchow meldete sich bei der MAZ. Er konnte es überhaupt nicht fassen, dass der Strom so lange ausfällt.

Leistelle konnte die Feuerwehren zeitweise nicht erreichen

Ohne Strom gab es vielfach auch kein Telefon. Selbst das Alarmierungssystem von Feuerwehr und Rettungsdienst brach zusammen, nachdem die Notakkus keine Energie mehr lieferten. Die Leitstelle in Potsdam konnte zeitweise die Notfallmeldungen gar nicht an die einzelnen Wehren weiterleiten, so Landrat Reinhardt. Auch das Handynetz war vielfach überlastet oder fiel ganz aus. Der Landkreis hatte in Kyritz einen Führungsstab zusammengerufen, um die Einsätze zu koordinieren. Der konnte seine Arbeit gegen 1 Uhr in der Nacht beenden.

Weil der Strom fehlte, blieben mehrere Wasserwerke stehen, unter anderen eines bei Wusterhausen. Das Technische Hilfswerk stellte Notstromaggregate auf, um einige Anlagen wieder in Gang zu bringen. Trotzdem hatten einzelne Bereiche bei Wusterhausen auch am Vormittag noch kein Wasser.

Die Bahn steht weiter still

Seit Donnerstag ist der gesamte Regionalverkehr der Bahn in Brandenburg eingestellt.

Teilweise nahm die Bahn den Prignitz-Express am Freitag als eine der ersten Linien wieder in Betrieb. Zunächst fuhren nur zwischen Hennigsdorf und Velten Züge und bis Neuruppin Busse als Ersatz.

Bei Neustadt war am Donnerstag ein voll besetzter Zug der Odeg auf der Linie RE 2 stehen geblieben. Das DRK versorgte die Fahrgäste zunächst. Später brachten Busse sie nach Wittenberge und Berlin, als klar war, dass der Zug so bald nicht weiterfahren kann.

Wann die Züge wieder fahren, war am Freitag noch völlig unklar.

Landrat Ralf Reinhardt übte heftige Kritik am Stromversorger Edis. Aus seiner Sicht war das Unternehmen nicht ausreichend auf den Orkan vorbereitet. Selbst der Führungsstab der Feuerwehr konnte sich keinen Überblick verschaffen, in welchen Orten es Strom gibt und wo nicht. Feuerwehrleute mussten die Lage in Einrichtungen erkunden, bei denen es ohne Strom um Leib und Leben gehen könnte, etwa in Alten- und Pflegeheimen. Von der Edis war keine Auskunft zu bekommen. Reinhardt: „Wir konnten den Stromversorger stundenlang nicht erreichen.“

Sprecher Danilo Fox wies zurück, dass die Edis nicht vorbereitet war. Allein im Kundencenter hätten 13 zusätzliche Mitarbeiter die Notrufe angenommen. Doch statt der üblichen 150 Anrufe am Tag gingen allein am Donnerstag 5000 ein. Diese Flut sei nicht zu bewältige gewesen. Auch am Freitag war die Edis deshalb zeitweise nicht zu erreichen.

Von Reyk Grunow

Am Tag nach Sturm Xavier wird in Wittstock und Heiligengrabe aufgeräumt. Massen von Stämmen und Ästen müssen zersägt und beseitigt werden. Die Stadt Wittstock warnt davor, sich in der Nähe umgestürzter Bäume aufzuhalten.

09.10.2017

Nach dem Orkan vom Donnerstag waren auch am Freitag noch Haushalte ohne Strom und vor allem kleinere Straßen wegen umgestürzter Bäume gesperrt. Die Aufräumarbeiten, an denen sich auch viele freiwillige Helfer beteiligen, dauern noch an. Vor allem die Feuerwehren hatten Dutzende von Einsätzen zu bewältigen.

09.10.2017

In der Agrargenossenschaft Breddin gab es am Donnerstag ein ungewöhnliches Jubiläum: Im Namen aller Mitarbeiter dankten Geschäftsführer Paul Isenberg und Vorstandsvorsitzender Christian Heine Helga Pfanne für ihre 50-jährige Tätigkeit im Unternehmen. Die 66-Jährige hat alle Hochs und Tiefs der Genossenschaft miterlebt.

09.10.2017
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