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Erika Steffen trug 36 Jahre lang Briefe aus

Schwanow Erika Steffen trug 36 Jahre lang Briefe aus

Als noch keine gelben Postfahrzeuge über die Dörfer schaukelten, gab es in fast jedem Ort einen Postbeauftragten. In Schwanow trug Erika Steffen 36 Jahre lang Briefe und Päckchen aus, kassierte Zeitungsgeld und lernte, wie man sich Vierbeiner vom Leibe hält – spielte aber nie Stille Post. Ihre oberste Devise dabei: auf die Menschen zugehen.

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Erika Steffen auf der Veranda ihres Hauses. Hinter ihr befindet sich der Raum, in dem früher die kleine Poststelle installiert war.

Quelle: Celina Aniol

Schwanow. Angst vor Hunden und immer ein Leckerli in der Tasche? „Ach, was“, wehrt Erika Steffen ab, Erstaunlich entschieden klingen dabei die Worte der zerbrechlich wirkenden 88-Jährigen. „Furcht hatte ich nie, und einen Köder habe ich nie gebraucht – ich hatte da eine andere Methode.“ Mit den Menschen reden, sie ernst nehmen – und so auch die Herzen der Vierbeiner erobern, das war ihr Trick. Er klappte meistens. „Ich bin zumindest nie gebissen worden“, sagt die Schwanowerin, und der Schalk blitzt nur so aus ihren Augen. „Na ja, ich hatte ja auch ziemlich schnell raus, auf welchen Hof ich reingehen konnte und wo ich erst die Hausbesitzer rufen musste.“

36 Jahre lang hat Erika Steffen seit 1951 in Schwanow die Post ausgetragen. Doch nicht nur das: Sie hat auch Briefe eingesammelt, die verschickt werden sollten, Pakete und Päckchen an der inoffiziellen und doch allen bestens bekannten Poststelle in ihrem Haus ausgegeben, die Gebühren für die Zeitung und fürs Fernsehen kassiert. „Was war das eine schöne Zeit. Sie fehlt mir so“, sagt Erika Steffen und seufzt.

Dabei wäre sie eigentlich als junge Frau lieber in ihrem Heimatdorf Dorf Zechlin geblieben, wo sie alle und jeden kannte, wo immer etwas los war. Ihre Eltern hatten dort eine kleine Wirtschaft, der Vater rückte Holz. „Ich wäre gern Schneiderin oder Köchin geworden“, sagt Erika Steffen. Ihre Familie hatte sogar Beziehungen in die Hauptstadt, wo die Tochter das Handwerk hätte lernen können. Weil in Berlin aber zu der Zeit Bomben fielen, durfte sie nicht hin. Stattdessen kam sie gleich nach der Konfirmation zum Bauern in ihrem Heimatdorf. Lange blieb sie dort aber nicht. Denn schon bald nach ihrer Heirat 1950 zogen sie und ihr Mann Kurt, der kurz zuvor aus den heutigen polnischen Gebieten geflohen ist, nach Schwanow.

Als sie zum ersten Mal ihr Haus sah, in dem früher der Förster gelebt haben soll, war Erika Steffen aber nicht gerade begeistert. „Das sah hier aus: leer und vernagelt, überall lag Gerümpel herum, alles war kaputt. Und es war so einsam hier im Vergleich zum großen Dorf Zechlin.“ Doch sie ließ sich überzeugen – genauso wie ein Jahr später. Diesmal aber nicht von ihrem Mann, sondern vom damaligen Postmeister aus Rheinsberg. Die Zustellerin, die zuvor in dem Dorf unterwegs war, wollte sich zur Ruhe setzen und hatte ihm Erika Steffen empfohlen. „Ich galt wohl als zuverlässig“, sagt sie und zupft des Lobes vor Jahrzehnten wegen verlegen an ihrem Pullover.

Jeden Tag wartete sie seitdem auf den kleinen Postbus, der zuerst von Rheinsberg, später von Neuruppin aus nach Schwanow kam. Dann sortierte sie zuerst in dem kleinen Raum hinter der heutigen Veranda die Briefe, bevor sie ihre Runde Dorf auf, Dorf ab drehte, an jedem Haus stehen blieb, manchmal ein Schwätzchen am Zaun hielt, die Hunde nach ihrer Art zähmte und an die Türen klopfte. Manch einem, der gerade kein Geld hatte, legte sie was aus. „Ich bin mit allen gut ausgekommen.“ Die Leute wussten, dass sie ihr nicht nur ihre Post samt allen Geheimnissen anvertrauen konnten. Auch die persönlichen Geschichten der Dorfbewohner wurden nicht nach dem Prinzip der „Stillen Post“ gleich weitergetratscht. „Ich habe nichts weitererzählt“, beteuert Erika Steffen, die zwei Söhne hat. Auch nicht, wer Post aus West-Deutschland erhielt. Das sollte sie eigentlich Monat für Monat Person für Person melden. „Da habe ich aber einfach nicht mitgemacht.“ Schwierigkeiten bekam sie deswegen keine.

Viele Briefe kamen in den 50er, 60er, 70er Jahren in Schwanow an, viele Pakete wurden verschickt. „Das war ganz anders als heute“, urteilt die frühere Postbotin, deren Mann zu DDR-Zeit der Vorsitzende der Schwanower LPG war. „Die Leute versorgten ja seinerzeit ihre Verwandten in der Stadt mit.“ Und wenn die Konsum- oder HO-Kataloge kamen, da hatte sie noch mehr zu tun – auch, weil sie dann oft die Postfahrer zum Mittagessen einlud. „Das hat aber immer Spaß gemacht.“ Auch in dem Ort selbst war früher mehr los, mit seiner Gaststätte und dem Konsum-Laden. „Da haben sich immer alle getroffen und haben geschwatzt. Was war das schön und lebendig hier.“

Heute leben die Menschen in dem Dorf mehr hinter verschlossenen Türen, sagt Erika Steffen. Das gefällt der betagten Dame nicht – auch wenn sie selbst noch immer jeden in Schwanow kennt und mit allen sich verträgt, wie sie sagt. Einmal da haben sich neu Zugezogene aus Berlin über die eigene Tochter beschwert, die niemanden auf der Straße grüßte. „Wieso?“, fragte da Erika Steffen. „Mich grüßt sie doch immer.“ Eine Wahl ließ sie der jungen Frau nicht: Sie verwickelte sie schon beim ersten Treffen in ein Gespräch, ließ nicht locker. Seitdem grüßte diese ganz brav. „Man muss auf die Menschen eben zugehen“, sagt Erika Steffen. „Wie man hineinruft, so schallt es hinaus.“

Von Celina Aniol

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