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Erschrecker im Wandel der Zeit

Martinimarkt in Neuruppin Erschrecker im Wandel der Zeit

Früher standen noch echte Erschrecker in der Geisterbahn der Schaustellerfamilie Nitzsche. Doch das Geschäft mit dem Grausen hat sich gewandelt. Nitzsches setzen heute auf Familienfreundlichkeit: Wer sich ins dunkle Unbekannte wagt, soll sich gruseln, aber nicht schockiert werden. Die MAZ hat es auf dem Neuruppiner Martinimarkt ausprobiert.

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Gruselfreunde können sich auf dem Martinimarkt im „Tanz der Vampire“ einen ordentlichen Schrecken abholen.

Quelle: Jan Philipp Stoffers

Neuruppin. Als mein Wagen ruckelnd anfährt und den Vorhang ins Reich des Schreckens passiert, tauche ich ein in vollkommene Dunkelheit. Von irgendwo her dringt ein grausiges Kreischen, immer tiefer sinke ich in den Sitz. Ein Lichtflimmer vor meinen Augen weckt Aufmerksamkeit und Angst gleichermaßen. Welch übler Schrecken lauert da? Ein flackerndes Licht lenkt meinen Blick auf eine hässliche Gestalt, die ihren knochigen Arm in meine Richtung zu bewegen scheint, dazu ertönt eine angsteinflößende Lache – der Schrecken ist perfekt, ich versinke noch tiefer in meinem Sitz.

Christiane und Helmut Nitzsche sind zum achten Mal auf dem Martinimarkt in Neuruppin

Christiane und Helmut Nitzsche sind zum achten Mal auf dem Martinimarkt in Neuruppin.

Quelle: Jan Philipp Stoffers

Nach rund drei Minuten habe ich die Fahrt durch die Geisterbahn „Tanz der Vampire“ auf dem Martinimarkt in Neuruppin überstanden. Draußen empfängt mich die kleine Hanna mit einem breiten Lachen. Sie hat sich ganz mutig mit ihrem Papa in die finstere Bahn gewagt. „Hast du auch die Augen zu gemacht?“, fragt mich die fünfjährige Neuruppinern. Ich lache und nicke, sehr zur Freude von Helmut und Christiane Nitzsche, den Betreibern der Bahn. Zum achten Mal haben sie ihr Fahrgeschäft auf dem Martinimarkt aufgebaut. Beide kommen aus Schaustellerfamilien. „Das erste Mal waren wir kurz nach dem Mauerfall hier“, erinnert sich Helmut Nitzsche. „Die Bahn haben wir vor gut 25 Jahren von meinem Vater übernommen.“

In den 70er Jahren sprang noch ein Affe in die Wagen

Der beschäftigte in den 70 Jahren noch echte „Erschrecker“. „Wir hatten damals einen Angestellten im Affenkostüm, der oben über der Bahn auf einer Schaukel saß und manchmal in die Wagen der Fahrgäste sprang“, erzählt Helmut Nitzsche. Das sorgte für großen Schrecken. Auch das Innenleben der Geisterbahn war gruseliger. „Wir hatten eine nachgebildete menschliche Leiche, an der die Ratten nagten“, so Schausteller Nitzsche.

Die Schaustellerei wurde dem Paar gewissermaßen in die Wiege gelegt. Christiane Nitzsche kommt aus dem Fahrgastgeschäft. Der Urgroßvater ihres Ehemanns hatte vor dem Ersten Weltkrieg eine Tiershow mit Schlangen, Krokodilen und Affen. Das Geschäft brannte ab und er fing von vorne an – mit den kleinsten Pferden der Welt. „Anfang der 50er Jahre hat mein Vater seine erste Geisterbahn aufgebaut“, sagt Helmut Nitzsche. Damals war die Bahn noch aus Holz und sah völlig anders aus.

Hanna (5) hat keine Angst vor schaurigen Gestalten

Hanna (5) hat keine Angst vor schaurigen Gestalten.

Quelle: Jan Philipp Stoffers

Als das Berliner Paar in die Fußstapfen von Helmut Nitzsches Vater schlüpfte, standen zunächst eine Generalüberholung und Umbauten an. „Für uns stand fest: gruseln ja, schockieren nein. Wir wollten familienfreundlicher werden“, so Christiane Nitzsche. An der Kasse kämen immer wieder die zwei selben Fragen auf: Muss man zu Fuß durch die Bahn und sind da drinnen echte Menschen als Geister verkleidet? „Im Wagen sitzend, kannst du einfach die Augen zukneifen und weißt, du kommst automatisch wieder raus“, sagt Schausteller Nitzsche. „Wenn man läuft, bleibt man vor Schreck zwangsläufig stehen und das gibt einen Rückstau.“

Die „Erschrecker“ wirken auf viele Besucher zu echt und zu gruselig – einfach nicht familienfreundlich. Nitzsches sind familienfreundlich. „Kinder bekommen von uns auch schon mal ein Vampirgebiss geschenkt“, sagt Christiane Nitzsche. Eine Draculafigur sitzt gleich neben der Kasse und lädt zum „Foto-Biss“ ein. Auf der anderen Seite des Eingangs entsteigt der Fürst der Blutsauger regelmäßig seinem Sarg und führt Gespräche mit einer Büste. „Ich will Menschenblut“, grunzt er den kichernden Kindern entgegen. „Früher wurden die Puppen mit Motoren gesteuert und waren aus Holz.“ Heutzutage funktioniere das per Luftdruck; die Figuren seien aus Silikon. Das wirke lebensechter und sei leichter zu warten – habe aber auch seinen Preis. „Der Dracula und die Büste kosteten uns 60 000 Euro“, sagt Christiane Nitzsche. Doch die kostspielige Investition habe sich gelohnt. „Die Leute bleiben stehen, schauen hin und lauschen. Das ist schon ein richtiger Publikumsmagnet.“

Der Vampir, der in einem Häuschen vor der Geisterbahn mit einer Büste plaudert, ist ein Publikumsmagnet

Der Vampir, der in einem Häuschen vor der Geisterbahn mit einer Büste plaudert, ist ein Publikumsmagnet.

Quelle: Jan Philipp Stoffers

Das Paar hat fünf Angestellte und gastiert meist auf Jahrmärkten und Volksfesten im Umkreis von 200 Kilometern rund um Berlin. „Die Geisterbahn wird auf sechs Schwerlasttransporter verladen“, sagt Christiane Nitzsche. Hinzu kommen zwei Wohnwagen für das Paar und die Angestellten. Die zu bewegen, koste Zeit und Geld. „Wir waren aber auch schon mal in Österreich“, sagt Helmut Nitzsche. Der Aufbau des zweistöckigen, 30 Meter breiten und 18 Meter tiefen „Ungetüms“ dauert rund drei Tage. Erst wenn die örtliche Bauabnahme grünes Licht gegeben hat, kann der Spuk beginnen.

Die Saison der Schaustellerfamilie geht von März bis Dezember. Zur Weihnachtszeit wollen sich die Leute nicht gruseln, da verkauft das Paar Mandeln und allerlei Süßes. „Im Januar und Februar haben wir Pause. Da stehen Reparaturen und Modernisierungen der Bahn an. Im Endeffekt kommen wir auf zwei Wochen Urlaub“, so Christiane Nitzsche. Es sei ein Job, der viel Zeit beanspruche, in den aber ihr Herzblut fließe. Dennoch blieb genug Zeit für die Familienplanung. Das Paar hat zwei Töchter. Die jüngere der beiden geht noch zur Schule. Die ältere Tochter betreibt eine Ballwurfbude und setzt somit die lange Tradition der Schaustellerfamilie fort.

Von Jan Philipp Stoffers

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