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"Es gibt kein Stotter-Gen"

Neuruppiner Logopädin Carolin Prokop über die Ursachen des Stotterns "Es gibt kein Stotter-Gen"

Der 22. Oktober ist Welttag des Stotterns. Die Neuruppiner Logopädin Carolin Prokop erzählt im MAZ-Gespräch, wie unterschiedlich die Ansätze sein können, um die Sprachschwierigkeiten zu heilen. Bei Kindern empfiehlt sie eine spielerische Therapie. Dann kommt auch das Handpuppen-Schaf "Luzi" zum Einsatz.

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Carolin Prokop mit der Handpuppe "Luzi", die bei der Therapie mit Kindern hilft.

Quelle: Odin Tietsche

Neuruppin. MAZ : Seit 1998 findet alljährlich am 22. Oktober der Welttag des Stotterns statt. Ein sinnvoller Tag?

Carolin Prokop : Mittlerweile gibt es ja für alles einen Aktionstag (lacht). Aber es ist schön, wenn die Menschen so zumindest über die Thematik informiert werden.

Was passiert beim Stottern im menschlichen Körper? Woran liegt es, dass manche Menschen stottern und andere nicht?

Prokop : Das ist nur sehr schwer zu beantworten. Wissenschaftler können bis heute nicht zweifelsfrei sagen, wie es zum Stottern kommt oder was da genau im Körper passiert. Ich kann jedenfalls sagen, dass es Quatsch ist, wenn Leute sagen, das hat was mit der falschen Atmung zu tun oder damit, dass stotternde Menschen als Kind mal auf den Rücken gefallen sind. Es sind viel eher Ereignisse und bestimmte Bedingungen, die einfach zusammenkommen.

Also kann das Stottern quasi jeden treffen?

Prokop : Jein. Ein Erwachsener, der vorher noch nie gestottert hat, fängt nicht einfach an zu stottern. Es betrifft eher Kinder im Alter zwischen drei und vier Jahren. Eine gewisse Veranlagung muss auf jeden Fall vorhanden sein. Ich erkläre es immer als ein Gen, dass die Menschen in sich tragen. Obwohl natürlich jeder weiß, dass es kein Stotter-Gen gibt.

Aber es gibt doch auch Erwachsene, die stottern...

Prokop : Aber diese Menschen stottern dann schon seit ihrer Kindheit. Wenn es im Kindesalter nicht therapiert wird, kann das Stottern die Menschen ein Leben lang begleiten. Aber einfach so kommt es bei Erwachsenen nicht vor.

Was löst das Stottern aus?

Prokop : Das ist unterschiedlich. Oft sind es Lebensereignisse, die von Kindern als Stresssituationen wahrgenommen werden. Das kann auch im Unterbewusstsein geschehen. Ein Wechsel der Kita, der Tod der Großeltern, ein Umzug in eine neue Stadt oder wenn der beste Freund nicht mehr mit einem spielen möchte. Kinder können auf solche Ereignisse sehr sensibel reagieren. Aber zum Stottern kommt es erst, wenn auch wirklich die Veranlagung dazu da ist.

Hat es auch was mit fehlendem Selbstbewusstsein oder fehlender Sicherheit zu tun?

Prokop : Mit fehlendem Selbstbewusstsein nicht. Ich kenne Menschen, die stottern und dennoch total selbstbewusst sind (lacht). Es ist ein Vorurteil, dass Menschen, die stottern, stets schüchtern oder ängstlich sind. Das stimmt einfach nicht. Die fehlende Sicherheit kann schon eher ein Grund sein. Denn es bricht den Kindern bei diesen Ereignissen ja oft ein sicherer Teil ihres Umfeldes weg.

Gibt es ein "Allheilmittel" gegen das Stottern?

Prokop : Eins? (lacht) Es gibt wahrscheinlich mehr als 1000 verschiedene Ansätze von ebenso vielen Experten. Aber man muss bei jedem Menschen individuell schauen, was ihm am besten hilft. Das Stottern ist ja auch nicht immer gleich.

Ist es nicht?

Prokop : Nein. Wir unterscheiden zwischen drei verschiedenen Arten. Es gibt die Blockierung, bei dem das Wort oder die Silbe einfach nicht rauskommen will, egal wie sehr der Betroffene auch drückt. Dann gibt es die Verlängerung, wenn Buchstaben sehr in die Länge gezogen werden. Und es gibt die Wiederholungen, wenn kurze Worte, Silben oder Buchstaben mehrmals wiederholt werden, bevor das nächste Wort kommt.

Traumberuf Logopädin

  • Carolin Prokop wurde 1983 in Neuruppin geboren. 2003 legte sie ihr Abitur am Karl-Friedrich-Schinkel-Gymnasium ab.
  •  Nach der Schule schrieb sie sich an der Freien Universität Berlin für die Studiengänge Kommunikationswissenschaften und Linguistik ein.
  •  2004 bekam sie die Chance auf eine Ausbildung zur Logopädin in Halle (Saale). „Das war immer mein großer Wunsch, deswegen habe ich das Studium in Berlin auch wieder beendet“, sagt die 30-Jährige.
  •  Nach der Ausbildung zog die Logopädin nach Isny in die Nähe von Ravensburg (Baden-Württemberg), wo sie zunächst als Angestellte arbeitete. Kurze Zeit später übernahm sie selbst die Leitung einer Praxis.
  •  Die Rückkehr nach Neuruppin erfolgte 2010. Dort eröffnete sie am 1. April des selben Jahres ihre heutige Logopädie-Praxis in der Heinrich-Rau-Straße 14a.
  •  Carolin Prokop ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Was würden Sie Eltern raten, deren Kinder in dem besagten Alter anfangen zu stottern?

Prokop : Erst mal ist es schwierig, das Stottern auch wirklich als solches zu erkennen. Denn in dem Alter zwischen drei und vier Jahren stecken Kinder noch mitten im Spracherwerbsprozess. Ganz wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder ausreden lassen, auch wenn es vielleicht mal etwas länger dauert. Auf keinen Fall Druck machen, denn wenn man stotternde Kinder unter Druck setzt, stottern sie noch mehr. Auch auf Floskeln wie ,Nun atme erst mal tief durch' oder ,Beruhige dich erst mal' sollten Eltern verzichten. Sollte das Stottern nach einem halben Jahr noch da oder sogar noch schlimmer geworden sein, dann sollte man sich auf jeden Fall beim Arzt eine Überweisung für einen Logopäden holen.

Wie lange geht normalerweise eine Therapie?

Prokop : Das hängt oft von dem Betroffenen ab. Wir geben ja auch Übungen für zu Hause mit. Da kommt es natürlich darauf an, wie viel einer zu Hause übt. Eine Regel-Therapiezeit gibt es nicht ‒ auch wenn die Krankenkassen es gerne sehen würden, wenn nach drei Monaten schon wieder alles super ist.

Wie gehen Sie in der Therapie mit den Kindern vor?

Prokop : Spielerisch. Bei Kindern funktioniert das Verbessern des Stotterns nur über das Spielen. Ich habe auch zwei Handpuppen, ein Schaf und ein Bär. Das finden die Kinder ganz toll, oft sind sie dadurch auch aufgeschlossener. Die Therapie orientiert sich stark am Alter des Betroffenen, damit sich auch der größtmögliche Erfolg einstellt.

Interview: Odin Tietsche

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