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Ostprignitz-Ruppin Fahrradwege mit Wurzelbehandlung
Lokales Ostprignitz-Ruppin Fahrradwege mit Wurzelbehandlung
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00:21 06.11.2017
Gleich scheppert’s: frische Wurzelaufbrüche an der Alt Ruppiner Allee. Die Straße wurde 2014 neu gebaut – der Fahrradweg nicht. Quelle: Christian Schmettow
Neuruppin

Irgendwann im Juni brach das zarte Grün durch den Asphalt. Da wuchs das junge Bäumchen mitten auf dem Fahrradweg entlang der Neuruppiner Westachse. Der Fahrradweg, vor 15 Jahren gebaut, ist an mehreren Stellen zu Wellen aufgeworfen, von Adern und Rissen durchzogen. Wer dort radelt, braucht intakte Bandscheiben – und nicht nur dort.

Nach der Jahrtausendwende waren rund um Neuruppin neue Fahrradwege angelegt worden – zum Beispiel nach Lindow und Rheinsberg: glatter Asphalt quer durch den Wald, wo Radfahrer bis dahin durch Zuckersand rutschten und über Kopfsteinpflaster hoppelten.

Inzwischen ist vom Komfort vielerorts nicht mehr viel übrig. Überall gibt es kurze Bodenwellen quer zur Fahrtrichtung und Risse, in denen der nächste Winter weitere Schäden anrichten wird. „Die Fontanestadt Neuruppin hat großes Interesse daran, den Radverkehr weiter zu fördern“, schreibt die Neuruppiner Stadtsprecherin Michaela Ott. Neuruppin wirbt mit den Radwegen um Urlauber und Alltagsradler. Der Volksmund nennt einige davon „Abtreibungsstrecken“.

Gebaut hat die Fahrradwege der Landkreis mit Fördermitteln der EU. Danach wurden die Wege den Kommunen übergeben – doch die stellten kaum Geld zur Verfügung, um die neuen Pisten auch zu pflegen. Seit diesem Frühjahr hat sich der Zustand vieler Radwege noch einmal verschlechtert.

Zu gegebener Zeit reparieren

Eine Fahrradtour von Neuruppin nach Rheinsberg macht das Problem erfahrbar. Start am Bahnhof West. Verantwortlich für Straße und Radweg: die Stadt Neuruppin. Die ließ gerade erst einen Teil der Westachse sanieren – aber nur die Auto-Fahrbahn. Der Fahrradweg habe für die Stadt keine Priorität, so Michaela Ott: „Die von den Wurzelaufbrüchen betroffenen Stellen des Radweges sind unserem Bauamt bekannt. Diese Stellen sind in gemäßigtem Tempo durchaus passierbar. Sie werden im Rahmen der Verkehrssicherung zu gegebener Zeit repariert.“

Von der Westachse geht es über zwei Kreisverkehre auf den Fahrradweg entlang der Alt Ruppiner Allee (B167). Der Radweg dort hat seit diesem Jahr Bodenwellen und Risse zwischen Volksparkstadion und Alt Ruppin. Wer sie zu spät sieht, dem fliegt der Einkauf aus dem Fahrradkorb. Verantwortlich für den Radweg dort: der Landesbetrieb Straßenwesen in Kyritz. Dem seien die Schäden bekannt, sagt dessen Leiter Frank Schmidt auf MAZ-Anfrage. Die schlimmsten Bodenwellen würden „kurzfristig“ beseitigt. Wann genau ist „kurzfristig“? Schmidt antwortet schriftlich: „Aufgrund der Lage in der Bauwirtschaft finden wir für dieses Jahr keine Firma, die die Reparatur fachgerecht zu einem wirtschaftlichen Preis durchführt, also werden wir 2018 schauen.“

Für die Wurzelfräse gab es kein Geld

Dann beginnt der schlimmste Teil: Der touristische Radweg von Neumühle in Richtung Stendenitz. Verantwortlich: die Stadt Neuruppin. Auf dem einstigen Vorzeigeprojekt oberhalb des Molchowsees zwischen der Schleuse Alt Ruppin und dem Abzweig nach Molchow ärgern sich Fahrradfahrer seit Jahren über die Bodenwellen. Es sind gar nicht die großen Bäume, die so etwas anrichten. Laut dem Neuruppiner Baudezernenten Arne Krohn reichen schon dünne Wurzeln junger Bäumchen, um den Asphalt zu verformen. Für den Kauf einer Wurzelfräse gab es im Neuruppiner Haushalt kein Geld. Damit wollte Krohn eine Folie in den Boden neben dem Radweg einarbeiten lassen. Diese „Wurzelsperre“ verhindert, dass Baumwurzeln unter den Asphalt kriechen und ihn anheben. Der Bauhof hat dann einige Bodenwellen abgefräst, doch der Asphalt bleibt rissig. Nun soll die Piste 2018 saniert werden.

In Molchow stehen die Touristen ratlos vor einem Zaun

Weiter ginge es nun über die Molchowbrücke – wenn die nicht seit einem Jahr gesperrt wäre, ohne dass der Neubau begonnen hätte. Fahrradtouristen standen im Sommer ratlos vor einem Zaun.

Eine Alternativstrecke führt von Alt Ruppin nach Krangen. 2007 hatte der dort zuständige Landkreis auf dem Radweg starke Wurzelaufbrüche beseitigt. Seit kurzem zeigen sich neue Brüche im Asphalt.
Im April ließ der Kreis die Krangener Straße sanieren – den Fahrradweg rührten die Straßenbauer nicht an. Der Wurzelaufbruch werde 2018 repariert, teilt der Landkreis nun mit.

Von Krangen führt eine autofreie Abkürzung durch den Wald nach Zippelsförde. Auch dort gibt es erste Wurzelaufbrüche. Gar keine Freude mehr macht dann die Piste von Zippelsförde nach Rheinshagen. Junge Kiefern haben den touristischen Fahrradweg (2006 gebaut mit 80 Prozent Fördermitteln) seit diesem Frühjahr kilometerlang in eine Rüttelpiste verwandelt. Zuständig dort: Die Städte Neuruppin und Rheinsberg. „Eine Sanierung dieses Radweges ist derzeit nicht prioritär“, ließ die Stadt Neuruppin im Sommer mitteilen. Inzwischen steht er doch im Sanierungsprogramm des Kreises für 2018.

Bei Rheinsberg hilft nur noch ein kompletter Neubau

Noch schlimmer ist der Fahrradweg ab Zechow, vor allem kurz vor der Stadt Rheinsberg, die dort die Baulast trägt. Bürgermeister Jan-Pieter Rau schreibt dazu: „Der Zustand der Radwege, die auch eine hohe touristische Bedeutung haben, ist in meinem Hause bekannt. Die gröbsten Schäden werden sukzessive im Rahmen der Instandhaltung von Straßen, Wegen und Plätzen beseitigt.“ Für eine grundhafte Erneuerung aller Radwege sei kein Geld da. „Tatsächlich müssten die in den 90er Jahren errichteten Radwege vollkommen neu hergestellt werden,“ schreibt Rau, „unter anderem mit einem entsprechenden Unterbau und mit Wurzelsperren; bloße Unterhaltungsmaßnahmen reichen hierfür nicht aus.“

Warum damals so gebaut wurde, wie gebaut wurde, lässt sich für den Rheinsberger Bürgermeister heute nicht mehr nachvollziehen. Regressforderungen bestünden jedenfalls nicht mehr. „Insofern kann man aber aus heutiger Sicht feststellen, dass erstens damals tatsächlich an der falschen Stelle gespart wurde und zweitens nach dem Bau keine Mittel für die Unterhaltung vorgehalten werden konnten“, so Jan-Pieter Rau. Auch der Radweg an der Landesstraße von Rheinsberg nach Menz (Oberhavel) weise erhebliche Schäden auf. Zwischen Menz und Neuglobsow (Stechlinsee) wurde er sogar gesperrt und 2015 saniert.

Im vor zwölf Jahren mit EU-Geld gebauten Asphalt nach Lindow gibt es ebenfalls Risse. Bauherr war dort der Landkreis, ausführende Firma die Eurovia VBU Lindow. Deren Niederlassungsleiter Jan Lüttwitz war noch nicht im Amt als der Radweg gebaut wurde und möchte sich nicht äußern zu Schäden, die er nicht kennt. Dass sich die Eurovia bei einer Sanierung des Radwegs erneut um den Auftrag bewerben würde, schließt er nicht aus.

Auch rund um Pritzwalk beschweren sich Radfahrer

Wurzelaufbrüche gibt es nicht nur im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. In der Prignitz wurde deshalb schon der Fahrradweg zwischen Perleberg und Weisen ein zweites Mal gebaut. Auch rund um Pritz­walk beschweren sich Leser. Zwischen Wismar und der Insel Poel in Mecklenburg findet man die Risse ebenso wie zwischen Wilhelmshorst und Langerwisch bei Potsdam.

Bodenwellen durch Baumwurzeln sind „das zentrale und häufigste Problem mit Radwegen“, sagt die Landesgeschäftsführerin des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), Lea Hartung, in Potsdam. Positiv formuliert: „Das tolle an Radwegen ist, dass sie sich nicht durch die Nutzung abnutzen.“ Trotzdem gehen Fahrradwege viel schneller kaputt als die viel befahrene Straße daneben. Wie kommt das?

Am Unterbau der Radwege wurde gespart

Die Förderrichtlinien hätten die Ausbaustufen der Radwege zur damaligen Bauzeit vorgeschrieben, schreibt die Referentin des Ostprignitz-Ruppiner Landrates, Britta Avantario dazu. „ Nicht förderfähig waren sogenannte Wurzelsperren, die vertikal rechts und links der Radwege in waldreichen Gebieten verbaut werden können. Ebenso gab es Festlegungen zu den Schichtstärken des Unterbaus, die einen Einfluss auf die Dauerhaftigkeit der Radwege haben.“

Gewährleistungsfristen längst abgelaufen

Radwegplaner und Baufirmen haften dafür nicht. „Die maximale Dauer der Gewährleistung beträgt laut Bürgerlichem Gesetzbuch fünf Jahre. Diese sind jedenfalls für die touristischen, vom Kreis gebauten Radwege längst abgelaufen“, so Britta Avantario. Michaela Ott antwortet für Neuruppin: Planungsfehler oder Fehler bei der Bauausführung seien der Stadt nicht bekannt. „Die Radwege wurden nach geltenden Vorschriften hergestellt.“

„Wer billig baut, baut zweimal“, sagt der ADFC

Lea Hartung vom ADFC gehört nicht zu denen, die „draufhauen“. „Reisewarnungen“ für Städte mit besonders schlechten Fahrradwegen spreche der ADFC nicht aus. Im Vergleich mit anderen Bundesländern sei die Qualität der Fahrradwege in Brandenburg hoch. „Wer billig baut, baut zweimal“, sagt sie dann aber doch und: „Wer das Thema Radtourismus in Brandenburg verpasst, der verpasst die Zukunft.“ Ein Fahrradausflügler gab in Brandenburg 2015 laut einer Studie pro Tag durchschnittlich 65,50 Euro aus.

Sparsamer Umgang mit Steuergeld

Nun werden bald Millionen ausgegeben, um die Radwege noch einmal zu bauen. Brandenburgweit umfasst das Förderprogramm rund 40 Millionen Euro. Nur die Landkreise dürfen Förderanträge stellen, und sie müssen diesmal auch ein Konzept vorlegen, wie sie die sanierten Fahrradwege danach instandhalten. Der Landkreis Ostprignitz-Ruppin kann in den nächsten zwei Jahren gut 5,6 Millionen Euro Fördergeld ausgeben für den Bau und die Sanierung touristisch wichtiger Fahrradwege. Einen weiteren Förderantrag über 5,625 Millionen Euro – plus Eigenanteil – für die Jahre 2018 bis 2020 will der Kreis im kommenden Jahr stellen. Begonnen wird 2018 bei Neumühle – diesmal mit Wurzelsperre.

Dass viele Radwege nun zum zweiten Mal gebaut werden müssen, liegt laut Landkreis nicht zuletzt am „wirtschaftlichen Einsatz von Steuergeld als Grundsatz des Handelns der öffentlichen Hand“. Dieser verpflichte zur Einhaltung der Richtlinien des Gesetzgebers – und die sahen damals eben noch keine Wurzelsperren vor.

Das Landesstraßenbauamt sparte auch 2014 noch an der Wurzelsperrfolie

Für 2017 hat der Landkreis Ostprignitz-Ruppin Fördermittel beantragt für die Modernisierung der Radwege von Wittstock (Abzweig Bahnstraße‘) bis Zempow (4,3 Kilometer), zwischen Kagar und Rheinsberg (7,5 Kilometer) und von Neumühle Richtung Molchow (2,9 Kilometer).

Für 2018 stehen im Förderantrag: Zippelsförde bis Krangen (2,6 Kilometer), von Fretzdorf an der Bahn entlang bis Netzeband (9,3 Kilometer) sowie von Katerbow zum Bahnhof Walsleben (3,8 Kilometer) und weiter nach Werder (3,2 Kilometer), von Wittstock Richtung Mirow zum Radweg Sewekow – Zempow (15,4 Kilometer) sowie von Fretzdorf bis zum Bahnseitenweg (400 Meter).

Für 2019 ist vorgesehen: Flecken Zechlin bis Dorf Zechlin (1,5 Kilometer), Rheinshagen bis Zippelsförde (5,1 Kilometer), Rheinsberg bis Zechow (2,6 Kilometer), Wusterhausen – Neustadt (Wallweg) (2 Kilometer), 700 Meter zwischen Werder undf Kränzlin sowie 1,2 Kilometer Radweg von Heiligengrabe bis zum dortigen Bahnhof.

Keine Wahl: Alle hier beschriebenen Fahrradwege sind trotz der Schäden mit einem blauen Schild versehen und damit „benutzungspflichtig“. Das bedeutet: Wer an besonders schlimmen Stellen auf die benachbarte Straße ausweicht und erwischt wird, zahlt mindestens 20 Euro. Autofahrer, die auf dem Fahrradweg fahren, kommen dagegen mit fünf Euro davon.

Die in Brandenburg gültigen Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA), ein technisches Regelwerk für die Planung von Radverkehrsanlagen, schreibt für einen benutzungspflichtigen Fahrrad- und Fußgängerweg mit Begegnungsverkehr eine Breite von vier Metern vor. Trotzdem plant der Landesbetrieb den Rad- und Fußweg entlang der Alt Ruppiner Allee selbst bei einem Neubau nur auf 2,50 Meter zu verbreitern. Derzeit misst er zwei Meter. Weil 2014 beim Neubau der Bundesstraße der Radweg neuen Buswartehäuschen im Weg war, wurde dort auch der Fahrradweg an drei kurzen Abschnitten erneuert – wieder nur mit zwei Metern Breite. Und wieder ohne eine Wurzelsperre.

Von Christian Schmettow

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