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Fehrbellin: Ortsbeirat will Ruine retten

Gemeindegeld soll Abriss verhindern Fehrbellin: Ortsbeirat will Ruine retten

Weil eine junge Familie sich mit einem denkmalgeschützten Haus übernommen hat, soll die Kommune nun mit Steuergeld helfen. Das ist ungewöhnlich, aber schließlich geht es um das letzte erhaltene Giebelhaus Fehrbellins von stadtgeschichtlicher Bedeutung.

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Kyritzer Feuerteufel ist ein Feuerwehrmann

Tobias Niklitzsch und Martina Horvath mit ihrem Sohn Franz.

Quelle: Peter Geisler

Fehrbellin. Die Stadt Fehrbellin will mit Steuergeld einen privaten Bauherrn unterstützen, sein Haus vor dem Einsturz zu retten. Das hat zumindest der Ortsbeirat am Mittwochabend empfohlen. Ob die Gemeindevertreter diesem ungewöhnlichen Ansinnen folgen, wird sich am 20. August zeigen.

Es geht um 54 300 Euro aus dem Gemeindehaushalt. Wenn die Gemeinde diesen Eigenanteil aufbringt, steuern das Land Brandenburg und der Bund womöglich jeweils die gleiche Summe bei – falls Geld aus der Städtebauförderung dafür übrig ist. Diesen Kniff hat der Fehrbelliner Bauamtsleiter Rasmus Krebs gefunden, um das Haus zu retten und die junge Familie im Ort zu halten.

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Nur etwa zehn Minuten wütete der Sturm in Rheinsberg. Er hinterließ eine mehrere hundert Meter lange Schneise der Verwüstung.

Quelle: Peter Geisler

Der Student und Künstler Tobias Nicklitzsch aus Berlin und seine Lebensgefährtin, die Hebamme Martina Horvath, hatten 2013 die alte Schmiede in der Geschwister-Scholl-Straße 20 gekauft, um dort mit ihren fünf Kindern zu leben (die MAZ berichtete). 7000 Euro plus Nebenkosten haben sie für das denkmalgeschützte Haus bezahlt und sind dort eingezogen. Doch das vermeintliche Schnäppchen erwies sich bald darauf als Fass ohne Boden. Schlimmer noch: Der Keller und der Westgiebel sind akut einsturzgefährdet. Rückgängig machen ließ sich der Kauf auch nicht mehr. Die Familie kratzte ihr letztes Geld zusammen und ließ das Haus notdürftig sichern.

Fehrbellin schwimmt nicht im Geld. Im Ortsbeirat dachte der Ortsvorsteher Jürgen Sternbeck (CDU) laut darüber nach, ob die Stadt sich die Fehrbelliner Festtage noch wird leisten können, seit die Gema-Gebühren für die Live-Musik von 300 auf 800 Euro gestiegen sind.

Günter Kleiner (CDU) befürchtet einen Präzedenzfall, wenn die Gemeinde die Familie unterstützt: „Dann kommt bald der nächste mit seiner Ruine und sagt, Mensch, das mach ich auch so! Wo sollen wir dann das Geld hernehmen?“ Schließlich gibt es noch einige denkmalgeschützte Ruinen in der Fehrbelliner Innenstadt.

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Nur etwa zehn Minuten wütete der Sturm in Rheinsberg. Er hinterließ eine mehrere hundert Meter lange Schneise der Verwüstung.

Quelle: Peter Geisler

„Das ist eine Einzelfallentscheidung“, sagt die Fehrbelliner Bürgermeisterin Ute Behnicke. Das betreffende Haus stehe unter Denkmalschutz und sei das letzte seiner Art in Fehrbellin: ein Giebelhaus aus dem 18. Jahrhundert mit stadtgeschichtlicher Bedeutung. Die Bürgermeisterin betont, dass es nur um die Sicherung des Gebäudes vor dem Einsturz geht. Mit den 162 900 Euro von Bund, Land und Kommune sei noch keinerlei Komfort geschaffen, sondern nur das Haus gerettet. Dass die junge Familie schon im vergangenen Winter auf jeglichen Komfort verzichtet hat, machte Tobias Niklitzsch deutlich. Weil die Schornsteine nicht mehr benutzt werden dürfen, heizt die Familie mit Strom. Trotzdem möchte der Berliner dort alt werden. Es mache ja gerade den Denkmalwert der Schmiede aus, dass dort seit 100 Jahren kaum etwas verändert wurde – das habe ihm auch die Landesdenkmalbehörde bestätigt. Baugeschichtliche Zeugnisse in einem so originalgetreuen Zustand seien selten geworden.

Eine fachgerechte Sanierung von Fassade und Dach würde 400 000 Euro kosten, weiß der 32-Jäh­rige. Viel Eigenarbeit und Idealismus werden nötig sein, um das Haus zu erhalten. Tobias Niklitzsch will es trotzdem wagen. „Jemand mit einer Million kauft nicht so ein Haus, um es zu retten“, sagt der Familienvater. „So einer kauft sich eine Villa in Potsdam.“ Er hingegen wolle einen Anfang machen, um die schöne Fehrbelliner Altstadt zu erhalten – vielleicht stecke sein Beispiel ja an.

In Neuruppin wurde 2009 das älteste Haus der Stadt abgerissen. In Wulkow verschwand im gleichen Jahr das Gutshaus unter der Abrissbirne. Fehrbellin hat nun einen anderen Weg eingeschlagen. Am Ende stimmte der Ortsbeirat geschlossen für den Zuschuss. Auch Günter Kleiner stellte seine Bedenken vorerst zurück.

Von Christian Schmettow

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