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Ferienreisen: Erst Ostsee, dann die weite Welt

Kyritz Ferienreisen: Erst Ostsee, dann die weite Welt

Fast ihr gesamtes bisheriges Arbeitsleben stillte die 60-jährige Renate Scholz aus Kyritz das Fernweh ihrer Mitmenschen. Zu DDR-Zeiten arbeitete sie im FDGB-Feriendienst und vergab Urlaubsplätze an die Werktätigen des Altkreises Kyritz. Nach der Wende eröffnete sie ihr eigenes Reisebüro.

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Renate Scholz (l.) mit ihrer Mitarbeiterin Kirstin Peters in der Kyritzer Globus-Filiale.

Quelle: André Reichel

Kyritz. Mit Reisen kennt sich Renate Scholz bestens aus. Schon zu DDR-Zeiten sorgte die heute 60-Jährige als Sekretärin für Sozialpolitik im Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) dafür, dass die Werktätigen des Altkreises Kyritz einen der heiß begehrten Urlaubsplätze im Inland bekommen. Mit Mitgliedsbeiträgen finanziert und vom Staat subventioniert, waren diese Reisen für jedermann erschwinglich. „Besonders für junge Familien mit Kindern, die Erholung brauchten, war das attraktiv“, erinnert sich Renate Scholz.

Über die ganze DDR verteilt gab es FDGB-Heime und zahlreiche andere kleine Objekte. Aber auch Privatunterkünfte standen mit auf der Liste. Schwerpunkte lagen in touristischen Regionen, wie beispielsweise die Mecklenburgische Seenplatte. Aber auch Harz, Erzgebirge, Thüringer Wald und das Elbsandsteingebirge wurden von den Leuten gern angesteuert. „Am begehrtesten waren die Urlaubsplätze an der Ostsee“, sagt Renate Scholz.

Traum vom Strandurlaub

Doch längst nicht für jeden erfüllte sich der Traum vom Strandurlaub in Ahlbeck. Es bedurfte manchmal schon viel Geduld und eine gewisse Portion Glück, um für besonders attraktive Ziele den Zuschlag und einen Ferienscheck zu bekommen. Dafür reichten die verfügbaren Plätze aber nie aus. „Uns stand ja auch nur ein gewisses Kontingent zur Verfügung und das war immer knapp bemessen“, sagt Renate Scholz. Am Besten standen Angehörige großer Betriebe, wie zum Beispiel der Stärkefabrik und dem Elektroanlagenbau (EAB), da. Wenn es mit dem Ferienscheck vom FDGB mal nicht klappte, hatten die Betriebe in den schönsten Regionen der DDR eigene Bungalows, Zeltstellplätze und sogar Ferienlager für ihre Mitarbeiter angeschafft.

Reisen ins sozialistische Ausland

An Reisen ins sozialistische Ausland, etwa an die bulgarische Schwarzmeerküste oder auf die Halbinsel Krim, war fast gar nicht zu denken. Die gingen meist als Auszeichnung an Mitarbeiter großer Betriebe, die sich besonders verdient gemacht hatten. „Wir hatten darauf sowieso keinen nennenswerten Einfluss, denn nicht einmal zehn solcher Reisen wurden uns pro Jahr zugeteilt“, berichtet Renate Scholz.

Mit der politischen Wende 1989 änderte sich auf einen Schlag alles – und zwar grundlegend. Erste Umstrukturierungen setzten bereits zu Beginn des Jahres 1990 ein. Die Ferienschecks für den Sommerurlaub 1990 waren zwar längst vergeben, doch die wurden fast alle nicht mehr eingelöst. Aus dem FDGB-Feriendienst wurde das Ferienbüro der Gewerkschaft. Renate Scholz war nun nicht mehr nur für den Altkreis Kyritz zuständig, sondern auch für die damaligen Kreise Pritzwalk, Wittstock und Rathenow. An die Ostseeküste wollte nun vorerst niemand mehr fahren. „Der Renner des Jahres 1990 waren einwöchige Reisen nach Mallorca für 199 Mark mit Halbpension“, erinnert sich Renate Scholz. Aber auch nach Dänemark, Holland und nach Österreich strömten die Kyritzer in jener Zeit. Jedoch kam bei Weitem nicht jeder in den Genuss, die neugewonnene Reisefreiheit auch auskosten zu können, denn sehr viele Menschen wurden damals arbeitslos.

Der Globus ist auch das Firmenlogo

Der Globus ist auch das Firmenlogo.

Quelle: André Reichel

Der FDGB löste sich schließlich zum 30. September 1990 auf. Einen Tag später machte sich Renate Scholz zusammen mit einem damaligen Kollegen selbstständig. Sie gründeten das Reisebüro „Globus“. Schützenhilfe bekamen die jungen Selbstständigen von Reisebüros aus West-Berlin. „Sie gaben uns wertvolle Tipps und von ihnen bekamen wir auch unsere erste Schaufensterdekoration“, sagt Renate Scholz. Anfangs residierte das Reisebüro am Kyritzer Marktplatz in dem Haus, das derzeit gerade mit einem Holzgerüst versehen ist. Partner war damals „Trend-Reisen“, hervorgegangen aus dem Reisebüro der DDR. „Lange blieben die aber nicht auf dem Markt“, so Renate Scholz. Neuer Partner wurde dann der Reiseanbieter TUI. „In ganz Ostdeutschland waren wir eine der ersten, die mit ihnen einen Agenturvertrag bekamen“, ergänzt Renate Scholz. Später zog das Reisebüro in die Marktzeile gegenüber um, wo es noch heute zu finden ist.

Kanaren, Spanien und Griechenland

In den nächsten Jahren kamen weitere Reiseziele hinzu wie die Kanaren, Spanien und Griechenland. Osteuropa wurde anfangs noch gemieden. „Doch bald kamen viele Familien wieder auf den Geschmack, denn Länder wie Bulgarien hatten ein unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis“, sagt Renate Scholz. Im Juli 1991 wurde Kirstin Peters eingestellt. Die 57-jährige Kyritzerin ist heute die Leiterin des Reisebüros in der Knatterstadt. Eine weitere Filiale von „Globus“ wurde in Pritzwalk eröffnet. Dort arbeitet seit Oktober 1991 Inke Bartels. 1994 kam noch eine Geschäftsstelle in Neuruppin hinzu. „Im selben Jahr begannen wir, Lehrlinge auszubilden“, sagt Renate Scholz. Insgesamt 18 waren es seitdem.

Kreuzfahrten und Fernreisen in alle Teile der Welt

Zur Jahrtausendwende stieg dann ihr Geschäftspartner aus gesundheitlichen Gründen aus. Seit 2001 ist Anja Strecker, Tochter von Renate Scholz, mit von der Partie. Gemeinsam führen sie das 20 Mitarbeiter beschäftigende Familienunternehmen. 2003 kamen noch eine weitere Filiale in Neuruppin und 2013 eine in Oranienburg hinzu. Vieles hat sich seit der Gründung des Reisebüros verändert. „Ohne Computer geht heute zwar nichts mehr, doch das Internet ist für uns auch Segen und Fluch zugleich“, stellt Renate Scholz fest. Abgesehen von den Krisenregionen werden nun Kreuzfahrten und Fernreisen in alle Teile der Welt gebucht.

Selbst schaut sich Renate Scholz ferne Länder bis heute gern an. „Reiselust ist in unserem Beruf Voraussetzung. Auch meine Kyritzer Mitarbeiter Kirstin Peters, Nora Settgast und Claudia Ullrich schicke ich auf Info-Reisen. Sie sollen schließlich auch wissen, wovon sie den Kunden erzählen“, sagt Renate Scholz.

Von André Reichel

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