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Flinke Füße

Dem mobilen Pflegedienst der Volkssolidarität bleibt keine Zeit zum Plaudern Flinke Füße

Der Terminkalender von Heike Seemann als Pflegefachkraft in der Sozialstation der Volkssolidarität (VS) in Wittstock ist prall gefüllt. Der Bedarf an häuslicher Pflege wächst. Ich glaube, dass Heike Seemann etwas Hilfe gut gebrauchen könnte. In der Frühschicht unterstütze ich sie für die Reihe "MAZ macht mit!"

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Heike Seemann bereitet Hildegard Muhß in Heiligengrabe das Frühstück zu.

Quelle: Madlen Wirtz

Wittstock. Ich muss mich ganz schön beeilen, wie sich bald herausstellt. Es ist kurz vor 6 Uhr. Die Frauen tauschen Einzelheiten über ihre Patienten aus. Sie nehmen Bunde aus Schlüsselkästen und erledigen ersten Schreibkram. Alles gleichzeitig. Es ist hektisch. Vom Wortgemenge kommen bei mir nur einzelne Fetzen an. Akustisch verstehe ich nicht viel. Das brauche ich nun auch nicht mehr. Denn plötzlich schwärmen sie wie die Bienen aus dem Haus. Mit kleinen weißen Autos verschwinden sie in alle Himmelsrichtungen.
Heike Seemann besucht einige Patienten in der Stadt. Hertha Lemke ist die erste. Sie wohnt im Waldring und freut sich auf den allmorgendlichen Besuch. Für sie beginnt der Tag vor dem Frühstück mit einer Insulinspritze. Nach dem Piks, folgt der Papierkrieg. „Im Laufe der Jahre hat es so viele Veränderungen gegeben. Der Bürokratismus nimmt zu. Aber was soll’s, bislang haben wir alles geschafft“, sagt Heike Seemann. Kaum haben wir die Wohnung betreten, sind wir auch schon wieder draußen. Zügig geht's weiter.

Fast um die Ecke wohnt Edith Städtke. Auch sie erwartet uns mit Zuckertest- und Insulinutensilien. Wir bleiben kurz: ein paar Worte, ein paar flüchtige Blicke und schon sind wir wieder weg. Meine Jacke ziehe ich mir vor der Wohnungstür an. „Ich gehe schon mal vor“, sagt Heike Seemann als sie die Treppe in Windeseile hinunterstürmt. Ganz so schnell bin ich nicht, will ja nicht ins Trudeln geraten. Wir fahren in die Röbeler Straße, wo Ruth Koralewski sich auf das „Insulin-Ritual“ eingestellt hat. „Für den Blutzuckertest dürfen sie sich heute einen Finger aussuchen“, scherze ich, und wackele mit der Desinfektionsflasche. Ruth Koralewski lächelt und entgegnet freudig: „Naja!“ Und es folgt die gleiche Prozedur.

Draußen ist es noch immer dunkel. Sehr dunkel. Die Straßenlampen sind ausgefallen. In allerletzter Sekunde erkenne ich die kniehohen Fahrradständer auf dem Gehweg. „Da haben sie aber noch mal Glück gehabt. Beinahe hätten sie mich auch noch in Pflege gehabt“, versuche ich die Sache gelassen hinzunehmen. „Hier muss man aufpassen“, sagt Heike Seemann und tippt schon wieder in ihr Handy. „Schreiben sie andauernd SMS?“, frage ich. „Nein, ich arbeite meinen Plan ab. Das ist für die Abrechnung wichtig“, klärt mich Heike Seemann auf. Wir haben Zeitvorgaben, die streng eingehalten werden müssen. Uns wird vorgeschrieben, wie lange was dauern darf. Alle Pflegefrauen sind mit so einem Smartphone zur Datenerfassung ausgestattet.“

Wir fahren nach Papenbruch (Gemeinde Heiligengrabe) zu Hertha Fölber. Sie braucht Hilfe beim Anziehen der „Gummistrümpfe“, wie Heike Seemann die knackengen Kompressionsstrümpfe nennt. Diese „Dinger“ haben gewisse Tücken. Aber Heike Seemann kennt sich damit aus: „Wenn man die Strümpfe erst mal über den Hacken gezogen hat, geht der Rest fast wie von selbst.“ Hertha Fölber sagt: „Ich kann mich gar nicht so weit bücken. Es ist schwer die überhaupt über die Füße zu stülpen. Die sind super eng. Ohne die Hilfe der mobilen Pflege würde ich gar nicht wissen, was ich machen soll.“ Heike Seemann zeigt mir den „Ringeltrick“. Der funktioniert so: Ist der Strumpf über den Hacken gezogen, steckt man beide Daumen hinein. Während der Strumpf mit den Fingern hinauf gezogen wird, führen die Daumen gleichzeitig kreisförmige Bewegungen um das Bein aus. Wie das geht, darf ich auch einmal ausprobieren. Am Ende bin ich froh, dass Hertha Fölber die restlichen Zentimeter „Gummistrumpf“ selbst zurechtrückt.

Steigender Pflegebedarf und Fachkräftemangel

  • Die Sozialstation gehört zum Regionalverband der Volkssolidarität. In Wittstock werden derzeit rund 200 Menschen betreut.
  •  Der Vorteil eines solchen Dienstes ist, das die Menschen in ihrem gewohnten häuslichen Umfeld bleiben können und ihre Eigenständigkeit gewahrt ist.
  •  Das Team: Zwei Pflegedienstleiter, zehn Fachkräfte und 22 Pflegekräfte. 14 Ehrenamtliche und eine geringfügig Beschäftigte sind im Einsatz.
  •  Am 1. Januar 1990 wurde die Sozialstation mit den ehemaligen Gemeindeschwestern ins Leben gerufen.
  •  Die Altersstruktur: Die Fachkräfte haben ein Durchschnittsalter von 50 Jahren. „Auch wir müssen uns verjüngen“, sagt die Pflegedienstleiterin Andrea Schiller. Die Fachkräfte haben eine dreijährige Ausbildung absolviert.
  •  Der Bedarf an häuslicher Pflege ist groß. Es gibt nicht genügend Fachkräfte.
  •  Die Dienstzeit: Die Frauen der Sozialstation sind immer, auch an den Sonn- und Feiertagen, von 6 bis 22 Uhr unterwegs. „Wir müssen für die Patienten präsent sein“, so Andrea Schiller. Sie arbeitet die Dienstpläne aus und hat alle Tourenpläne mit Fahrzeiten im Kopf.

Weitaus mehr Unterstützung benötigt Hildegard Muhß in Heiligengrabe. Da ihr Pflegebedarf umfangreicher ist, hat die Kasse auch mehr Zeit für die häuslichen Tätigkeiten eingeräumt. Erst seit einem Jahr nimmt die 90-Jährige den mobilen Pflegedienst in Anspruch. „Zuvor habe ich alles noch alleine gemacht. Auch die Handarbeiten“, sagt die Seniorin stolz. Am heutigen Tag bekommt sie Hilfe im Doppelpack. Heike Seemann lässt die Hühner raus. Die sind der Zeitvertreib der Heiligengraberin. Sie freut sich auch über Nachbars Katze. „Ich habe sie seit einer Weile nicht mehr gesehen.“, sagt die Seniorin, während ich ihr die Arme und den Rücken wasche. Unterdessen springen auch die heißen Brotscheiben aus dem Toaster. Denn neben der Hilfe bei der Körperpflege, bekommt Hildegard Muhß liebevoll das Frühstück serviert. Der Abschied naht, wir müssen weiter.

Auf die Pflegefachkraft warten noch mindestens zwei Patienten. Für mich ist allerdings um kurz nach 10 Uhr der Dienst beendet. Ich habe viele neue Eindrücke gewonnen und durfte netten Menschen begegnen. In Wittstock steige ich bei der erst besten Gelegenheit aus dem Auto. Kaum ist die Tür zugeklappt, ist Heike Seemann auch schon um die nächste Ecke gedüst. Mein Fazit: Zeit ist Geld. Zeit scheint ein dermaßen kostspieliger Faktor zu sein, dass man sich regelrecht abhetzen muss. Ich bin fix und fertig.

Von Madlen Wirtz

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