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Flucht eines Somaliers endet in Neustadt

Lange Reise zum Frieden Flucht eines Somaliers endet in Neustadt

Muse Mohamed Dahir hat einiges hinter sich. Er stammt aus dem nordostafrikanischen Somalia, genauer aus Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland. Seit 2011 hat der Journalist sein Heimatland nicht mehr betreten – nun lebt er mit seiner Frau Hibo in einer Ein-Raum-Wohnung in Neustadt an der Dosse. In Deutschland bitten sie derzeit um politisches Asyl.

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Schlechte Ortsdurchfahrt beklagt

Muse Mohamed Dahir mit einer Zeitung, die er die ganze Flucht über bewahrt hat.

Quelle: Alexander Beckmann

Neustadt. Natürlich fällt die dunkle Hautfarbe auf, aber viel mehr noch, wie schlank dieser Mann ist. Alles an ihm wirkt schmal: das Gesicht, die Hände, die Schultern – geradezu jungenhaft. Dabei ist Muse Mohamed Dahir 29. In dem Alter baut man hierzulande meist deutlich breiter.

Muse hat einiges hinter sich. Er stammt aus dem nordostafrikanischen Somalia, genauer aus Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland, dem abgespaltenen nördlichen Teil Somalias. Seit 2011 hat er das Land nicht mehr betreten. In Deutschland bitten er und seine Frau Hibo um politisches Asyl.

„Ich habe zwei Berufe“, erzählt Dahir. „Als medizinisch-technischer Laborassistent und als Journalist.“ Letztere Tätigkeit ist wohl auch der Grund für seine aktuelle Lage. „Die Regierung hat unsere Zeitung geschlossen. Wenn du etwas über die Korruption berichtest, über das nicht funktionierende Gesundheitssystem oder andere Missstände, dann gibt es Probleme.“ Mehrfach hätten Spezialtruppen die Redaktion durchsucht und verwüstet. Der Strom wurde abgestellt, es gab Drohungen. „Unser politischer Berater kam ins Gefängnis.“ Dahir hatte Angst, dass man ihm und den Seinen kriminelle Banden auf den Hals hetzt. Das sei in Somaliland ein durchaus übliches Mittel in der Regierungspolitik: „Sie töten dich indirekt.“

Der Journalist Muse Mohamed Dahir wurde in seinem Heimatland Somalia bedroht

Der Journalist Muse Mohamed Dahir wurde in seinem Heimatland Somalia bedroht.

Quelle: Alexander Beckmann

Gemeinsam mit Hibo floh Dahir im Februar 2011 in die Berge und von da aus nach Äthiopien. „Mein Freund, der als Karikaturist und Sportreporter für uns gearbeitet hat, war schon da.“ Doch eine dauerhafte Zuflucht konnte das Nachbarland nicht bieten. „Die Regierung da hat enge Beziehungen zu Somaliland“, erzählt Dahir. „Ich war ein Illegaler.“

Die Familie schickte Geld von zu Hause. Das ermöglichte es dem somalischen Paar, sich mit Hilfe von Schmugglern quer durchs Land bis in den Sudan durchzuschlagen. Während ihres dreimonatigen Aufenthalts dort fanden die beiden die Unterstützung einer somalischen Studentenvereinigung. Doch eine dauerhafte Bleibe fand sich nicht.

Als sich die Gelegenheit bot, schloss sich Dahir einer Gruppe an, die Menschen und Waffen quer durch die Sahara nach Libyen schmuggelte. „Es war schrecklich.“ Zumal die Strapazen sich nicht auszahlten. Das Paar geriet in Libyen mitten in die Wirren des Bürgerkriegs und wurde gefangen genommen. Erst nach einem Monat kamen die beiden gegen Zahlung eines Lösegelds frei. Das sei da durchaus üblich, erzählt Dahir: Wer nicht zahlen könne, müsse arbeiten. So mancher habe dabei schon den Tod gefunden. Einigen gelinge aber auch die Flucht.

Eine Zeichnung des Flüchtlings

Eine Zeichnung des Flüchtlings.

Quelle: Alexander Beckmann

Mehrere Monate lang schlug sich der Flüchtling anschließend in Libyen mit Gelegenheitsjobs durch. Die Idee, angesichts seiner Ausbildung in einem Krankenhaus zu arbeiten, scheiterte. Zum einen war er ein illegaler Zuwanderer. Zum anderen sei ihm offener Rassismus entgegengeschlagen: „Einige Leute da hassen Schwarze.“ Ein Bekannter habe ihn gewarnt, nicht allzu hartnäckig zu sein. „Bring dich nicht selbst um!“, habe er gesagt. Auf Dauer bot auch Libyen kein Zuhause.

Nein, sagt Dahir, ursprünglich sei Europa nicht sein Ziel gewesen. „Ich wollte einfach einen sicheren Platz. Ich musste mein Land verlassen und kam in viele andere, in denen sie mich noch schlechter behandelt haben.“

Schließlich seien er und seine Frau eben in ein Schlauchboot nach Europa gestiegen. Die Schmuggler hätten ihm dafür alles abgenommen: Handy, Geld, Papiere. „Auf dem Boot waren 82 Menschen. Und dann drei Tage lang kein Essen, kein Trinken, keine Toiletten.“ Die Überfahrt endete an der Küste von Malta.

Acht Monate verbrachten die zwei Somalier als illegale Einwanderer im Aufnahmelager. Mit Zäunen, Stacheldraht, Bewachung und streng geregelten Abläufen. Wie im Gefängnis. Dann wurde ihr Asylantrag anerkannt. Sie erhielten Papiere und kamen frei.

Doch Fuß fassen konnten Dahir und seine Frau auch auf Malta nicht. Zwar gebe es dort durchaus eine somalische Gemeinschaft, doch habe er sich den gleichen Anfeindungen gegenübergesehen wie in seinem Heimatland, erzählt er. „Ich bekam auch keinen Job in meinem Beruf. Es gibt dort eine Menge Rassismus.“

Das Paar beschloss schließlich weiterzuziehen. „Ich suchte ein Land, in dem ich mich frei fühlen könnte“, sagt Dahir. Mitte Januar erreichten die beiden Deutschland und baten hier um Asyl.

Seine Gefühle und Gedanken in Neustadt hat der Somalier auf ein Blatt Papier gebracht

Seine Gefühle und Gedanken in Neustadt hat der Somalier auf ein Blatt Papier gebracht.

Quelle: Alexander Beckmann

Seitdem gehen sie den Behördenweg. Von München wurden sie erst nach Berlin, dann nach Eisenhüttenstadt und letztlich vor wenigen Wochen nach Neustadt verlegt. „Ich weiß nicht, warum sie mich von einer Stadt zur anderen geschickt haben.“ Immerhin: Die Massenunterkunft blieb ihnen erspart. Sie leben in einer kleinen Ein-Raum-Wohnung. Ganz einfach sei das nicht, berichtet Dahir. „Wenn der eine schläft, muss auch der andere schlafen.“ Vor allem vermisse er einen Platz zum Arbeiten. Er versuche beruflich auf dem Laufenden zu bleiben, auch wenn es in der Unterkunft an einem zeitgemäßen Internetzugang fehle. Mit seiner kleinen Digitalkamera macht Dahir viele Fotos – vor allem in der Natur, aber auch bei fast jeder anderen Gelegenheit. Für 50 Euro hat er sich ein gebrauchtes Fahrrad gekauft, mit dem er die Region erkundet. Bis eine behördliche Entscheidung über seinen Aufenthaltsstatus fällt, muss er die Zeit irgendwie ausfüllen.

Neue Heimat Deutschland? So weit ist der Somalier nicht. „Meine Hoffnung ist, dass ich die Chance bekomme, sicher in mein Land zurückzukehren. Ich hatte zu Hause so viele Projekte: als Journalist, in der medizinischen Forschung und als Sammler traditioneller Medizin.“ Wissenschaft und Tradition habe er mit journalistischen Mitteln verknüpfen wollen. „Ich hatte ein kleines Labor zu Hause. Es fehlt mir.“ Jetzt wolle er erst einmal irgendwie über die Runden kommen. „Ich bitte die deutsche Regierung, meinen Asylantrag so schnell wie möglich zu entscheiden, damit ich mich hier integrieren und in Frieden leben kann.“

Von Alexander Beckmann

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