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Flüchtlinge erkunden das deutsche Vita

Neuruppin Flüchtlinge erkunden das deutsche Vita

Was ist eine Erstwohnung? Oder der Unterschied zwischen „getrennt lebend“ und „geschieden“? Für Flüchtlinge sind das oft böhmische Dörfer. Im Intergrationskurs lernen sie nicht nur die Sprache, sondern auch das deutsche Leben und die Mentalität zu verstehen. Ein Langzeitreport.

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Amira und Hasan Mohaweshaus aus Syrien. haben auf Zettel geschrieben, wofür sie sich interessieren.

Quelle: Foto: Natali Reindl

SStavenow. Flüchtlinge lernen in Deutschkursen nicht nur die Sprache ihres Gastlandes, sondern auch, sich dort zurechtzufinden. Denn Sitten und Gebräuche und nicht zuletzt viele hier übliche Begriffe sind ihnen völlig fremd. Die MAZ hat einen der Integrationskurse über einen längeren Zeitraum begleitet.

Ende Februar, Neuruppin: Ein neuer Integrationskurs beginnt. 25 Menschen, unterschiedlich alt, aus verschiedenen Ländern kommen zum ersten Mal in ihrem Klassenraum zusammen. Hier werden sie sich von nun an sieben Monate lang jeden Tag treffen – von Montag bis Freitag, 8.45 Uhr bis 12.50 Uhr. Auf dem Stundenplan steht nur ein einziges Fach: Deutsch. S

Der große Raum ist schmucklos und äußerst funktional eingerichtet. Kein Bild, keine Grünpflanze, kein Platz für persönliche Dinge, keine technische Ausstattung. Schlichte Tische stehen in Reihen hintereinander, wie es früher in der Schule mit Frontalunterricht eben Sehr nüchtern, nicht gerade kommunikativ. Doch Ordnung und Übersichtlichkeit im Unterrichtsraum sind für viele der Lernenden genau richtig. Chaos und Unsicherheit haben sie in den letzten Jahren schon genug erlebt.

Was ist mir wichtig

Was ist mir wichtig? Die Flüchtlinge schreiben es auf Deutsch auf Zettel.

Quelle: Natali Reindl

Die meisten Menschen, die hier zum Deutschlernen zusammengekommen sind, sind Flüchtlinge. Sie kommen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan und dem Iran. Warum sie fliehen mussten, warum sie ausgerechnet nach Deutschland gekommen sind und was sie auf ihrer Odyssee erlebt haben, ist jetzt, zu Beginn des Kurses, noch nicht Thema. Sie sind dankbar, in Deutschland angekommen und aufgenommen worden zu sein. „In Deutschland sind wir sicher. Es gibt hier keinen Krieg“ sagt ein Mann aus Afghanistan.

Anfang März, Lektion 2: In den ersten Wochen geht es unter anderem um den Umgang mit Ämtern und Behörden. Das Ausfüllen von Formularen soll geübt werden. Den eigenen Namen in lateinischer Schrift zu schreiben oder ihn an das deutsche System von Vor- und Nachnamen anzupassen, haben die meisten von ihnen bereits gelernt. Straßennamen und auch die Orte im Landkreis gehen ihnen relativ leicht über die Lippen. Doch was ist eine Erstwohnung? Was ein „nicht mitzuziehender Ehepartner“? Dann geht es auf dem Formular an das Ankreuzen des Familienstandes. Ledig, verheiratet und verwitwet sind schnell erklärt. Die Unterschiede zwischen „getrennt lebend“ und „geschieden“ oder zwischen „Lebenspartnerschaft“ und „Wohngemeinschaft“ sind schon verwirrender. Und für die Deutschlernenden im Moment auch nicht so wichtig.

Ohnehin ist im Kurs keine Zeit für Nebensächlichkeiten, denn die Zeit ist knapp und das Lernpensum sehr umfangreich. Innerhalb von sechs Monaten sind sechs Lehrbücher mit fünfzig Lektionen durchzuarbeiten.

Ziel ist die sogenannte B1-Prüfung, die auf EU-Standards beruht. B1-Niveau bedeutet, dass jemand die Hauptpunkte in einem Gespräch versteht, in dem klare Standardsprache verwendet wird und in dem es um alltägliche Themen aus Arbeit, Schule oder Freizeit geht. In diesem halben Jahr müssen daher etwa 2500 Vokabeln gepaukt werden sowie die dazugehörigen verschiedenen Formen.

Eines dieser 2500 Wörter wäre zum Beispiel „fahren“. Hier müssen nicht nur „ich fahre/du fährst/er fährt“, sondern natürlich auch die Vergangenheitsformen „wir sind gefahren“ oder „sie fuhren“ und das gleiche mit zusammengesetzten Wörtern wie „abfahren/durchfahren/verfahren“ auswendig gelernt werden. Dass es etwa „ich bin abgefahren“ (mit sein), aber „ich habe mich verfahren“ (mit haben) heißt, kann schon frustrierend sein. Alles kann man eben nicht verstehen, vieles muss man sich einfach merken.


Ende März, 16. Lektion: Trotz oder gerade wegen der großen Herausforderungen ist die Stimmung im Kurs nach einem Monat sehr gut. Erste private Kontakte sind entstanden. Das Deutschlehrbuch sieht jetzt einige Stunden zum Thema Wohnen vor: Möbel und Elektrogeräte, Wohnung suchen und finden, gute Nachbarschaft pflegen. Besonders zur Wohnungssuche haben die Kursteilnehmer viele Fragen: Wie wendet man sich an die Wohnungsbaugesellschaft, was ist eine Warteliste, was macht ein Makler, warum nehmen viele Vermieter keine Flüchtlinge?

Nach Vorgaben des Sozialministeriums, das in Brandenburg für Flüchtlinge zuständig ist, sollen Geflüchtete schnell integriert werden. Daher sollen Asylsuchende lieber in einer Wohnung als in einer Asylunterkunft leben und für ihr Leben selbst sorgen können.

Die meisten Flüchtlinge würden wohl lieber heute als morgen in eine normale Wohnung umziehen, denn die „Heime“, wie sie sie nennen, sind nur für eine Übergangszeit gedacht und daher lebt es sich hier sehr beengt. Doch in Neuruppin gibt es kaum freien Wohnungen.

In der Umgebung sieht es zwar etwas besser aus, aber die Zugewanderten haben in der Regel kein Auto. Außerdem finden sie dort schwer einen Job und manche fühlen sich eher isoliert als integriert. „Unsere Nachbarn in Herzberg sind wirklich nett“, berichtet ein Teilnehmer. „Aber meine Frau ist mit dem Baby den ganzen Tag zu Hause in der 40-Quadratmeter-Wohnung und fühlt sich alleine.“


Mitte April, Lektion 19: Es geht um Feste und Feiern, um gemeinsames Essen und Einladungen. Viel Spaß macht es der Gruppe, über Lebensmittel zu sprechen und die richtigen Wörter für Speisen und Getränke zu lernen. „Warum isst man in Deutschland Lammfleisch, aber keine Ziegen?“ will jemand wissen.

Mit viel Interesse werden die Wendungen von der Tafel abgeschrieben, mit denen man jemanden zu sich nach Hause einlädt oder eine Einladung annimmt. Was ist als Mitbringsel angemessen? Entgegen dem Klischee finden es viele unhöflich, zu einer Feier zu spät zu kommen. Es werden viele Fragen gestellt: „Wie lange bleibt man, wie verabschieden wir uns, wie bedanke ich mich?“ Sich trotz unterschiedlicher kultureller Gewohnheiten stets angemessen und angenehm zu verhalten, ist den meisten sehr wichtig.


Die Lernenden sind verschieden alt und aus verschiedenen Ländern

Die Lernenden sind verschieden alt und aus verschiedenen Ländern.

Quelle: Natali Reindl

Anfang Mai: Das Niveau ist mittlerweile schon hoch genug, dass sich die Teilnehmenden selbst vorstellen und etwas über sich erzählen können. Diese Aufgabe werden sie auch in der B1-Prüfung bekommen. Alle sind daher jetzt schon mal dran und sollen ein paar Minuten vor der Gruppe berichten, woher sie kommen, wie lange sie schon in Deutschland sind und ob sie Familie haben. Wer sich traut, erzählt mehr.

Vorsichtig wird von Aufenthalten in Flüchtlingslagern im Sudan oder in Libyen gesprochen. Oder von Frau und Kind, die – hoffentlich vorübergehend – zurückgelassen werden mussten.

Schließlich darf die Klasse Fragen stellen: „Was sind deine Hobbys?“, „Welche Sprachen sprichst du?“, „Welchen Beruf hast du?“. Es wird deutlich, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt: Viele haben einen Hochschulabschluss oder einen Handwerksberuf, andere möchten ihr Studium wieder aufnehmen oder hoffen, eine Ausbildung anfangen zu können. Der Wunsch, herausgefordert zu werden und Leistungen zu zeigen, ist groß.

Ende Mai , der Kurs ist nun halb rum, Zeit für ein „Bergfest“. Die Schultische werden zur provisorischen Festtafel, die sich unter vielen Köstlichkeiten aus den Heimatländern biegt. Es werden Spiele gespielt, es wird geredet und gelacht. Ein Schüler aus Thailand hat seine Gitarre mitgebracht. Er lässt ein junges Mädchen aus dem Iran darauf spielen. Sie ist glücklich, denn sie musste ihr Instrument zurücklassen und singt nun melancholische persische Lieder.

Ali Aitinawi aus Syrien und Qiaoling aus China haben aufgeschrieben, wofür sie sich interessieren

Ali Aitinawi aus Syrien und Qiaoling aus China haben aufgeschrieben, wofür sie sich interessieren.

Quelle: Natali Reindl

Viele Fotos werden an diesem ungewöhnlichen Kursvormittag gemacht. Die Handys sind immer dabei, denn die meisten Teilnehmenden sind jung und geübt im Umgang mit den Smartphones. Die sind nicht nur die Verbindung zur Familie daheim, sondern werden nachmittags auch zum Deutschlernen genutzt. Längst hat sich die Klasse zu einer Whats-App-Gruppe zusammengetan, über die kurze Deutschlernvideos, übersetzte Lieder oder einfach nur Grüße an alle versandt werden.

Mitte Juni, 21. Lektion: Nun sind die reflexiven Verben dran: sich interessieren für, sich erinnern an, sich freuen über. „Wofür interessiert Ihr Euch?“, fragt die Deutschlehrerin. Die Antworten sind vielfältig: Fußball, Sprachen, Bücher, Autos, Tischtennis, Heimat, Schwimmen, Mode, Geschichten. Mehrmals kommen Schule und Arbeit vor und immer wieder werden „meine Kinder“ und „meine Familie“ genannt. Diese Interessen scheinen international zu sein.

Schüler und Lehrerin sind gespannt, wie der Kurs weiter verläuft. Ende September sind die Prüfungen. Vielen ist schon ein bisschen mulmig, aber das Engagement ist weiterhin groß.

Von Natali Reindl

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