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Frauen sprachen über verlorene Heimat

Wittstock Frauen sprachen über verlorene Heimat

Flucht, Vertreibung oder freiwillige Migration – viele Frauen, die in der „Galerie der verlorenen Heimat“ ihre Geschichten erzählen, haben aus diesen Beweggründen ihre Heimat verlassen und oftmals eine neue gefunden. Dass das aber gar nicht so leicht war, erzählten in einer Gesprächsrunde anlässlich der landesweiten Frauenwoche am Donnerstag in Wittstock.

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Maria Rebeskys Elternhaus in Goray ist heute wieder zu verkaufen. Nach der Wende besuchte sie die verlorene Heimat erstmals wieder.
 

Quelle: Christian Bark

Wittstock.  Als sie ihr Elternhaus nach Ende des Zweiten Weltkriegs für immer verlassen musste, wusste die damals achtjährige Maria Rebesky gar nicht so recht wie ihr geschah. Einige Monate zuvor hatte sie ihr Heimatdorf Goray, das heute polnisch ist, schon mal in Richtung Wittstock verlassen müssen. „Im Frühjahr konnten wir zurück und mussten im August wieder gehen“, erinnert sich die 80-jährige. Das Elternhaus sah sie erst nach der Wende wieder. „Heute könnte ich es sogar kaufen“, sagt Maria Rebesky.

Aber das wolle sie nicht, auch wenn sie regelmäßig nach Goray fahre. Ihre Heimat sei nun Wittstock, seit über 70 Jahren. Und das, obwohl sie sich als Umsiedler in der Dossestadt wenig willkommen gefühlt hatte. „Die Nachbarskinder durften nicht mit mir spielen“, sagt sie. Das Thema Flucht und Vertreibung sei zu DDR-Zeiten totgeschwiegen worden. Erst heute werde sie von den ehemaligen Nachbarn wieder freundlich gegrüßt.

Gerhard Richter (r) sprach mit den Frauen über ihre Schicksale

Gerhard Richter (r.) sprach mit den Frauen über ihre Schicksale.

Quelle: Christian Bark

Intoleranz oder sogar Ablehnung haben einige der Frauen und Männer erlebt, die in der „Galerie der verlorenen Heimat“ ihre Geschichten von Mobilität und Migration erzählen. Drei der Frauen schilderten ihre Erlebnisse und Empfindungen am Donnerstagabend im Catharina-Dänicke-Haus in Wittstock. „Ich wurde gefragt, ob wir auch etwas zur derzeit laufenden Brandenburgischen Frauenwoche beitragen wollen“, sagte der Superintendent des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin, Matthias Puppe. Die Galerie, die bis Herbst 2016 in der Marienkirche zu sehen gewesen war, sei da „naheliegend“ gewesen. „Die Frauenschicksale sind sehr bewegend“, sagte er. So organisierte die Kirche einen Gesprächskreis zum Thema Flucht und Migration von Frauen.

Moderiert wurde dieser vom Autoren und Mitinitiator der Galerie, dem Wittstocker Journalisten Gerhard Richter. Er hatte an dem Abend drei der Frauen eingeladen, mit ihm und den Gästen der Veranstaltung über zurückliegende und aktuelle Probleme von Migration und Integration zu sprechen. Dass die Themen jeden im Raum etwas angingen, zeigte sich an Richters Frage: „Wer kommt von Ihnen eigentlich ursprünglich aus Wittstock?“ Lediglich zwei Finger erhoben sich. „Das zeigt auch, dass Wittstock eine kleine Weltstadt mit Verbindungen weit hinaus ist“, erklärte er.

Gefühle spielen eine wichtige Rolle

Ähnliches wie Maria Rebesky hatte Erika Müller als Kind erlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie mit ihrer Mutter aus dem Sudetenland vertrieben, fand zunächst in Mecklenburg und später dann in der Ostprignitz ihre neue Heimat. Ganz vergessen habe sie die alte Heimat aber nie, wie sie betonte. Sie sei auch schon wieder dort gewesen und habe noch deutsche Einwohner getroffen.

Trotzdem kann ein Heimatort auch einiges an Anziehungskraft verlieren, wenn dort Vertrautes verschwindet, wie Gerhard Richter erklärte. Als Beispiel nahm er die Wegzugswellen aus Wittstock nach der Wende. Es habe aber auch Beispiele von Rückkehrern gegeben, die in der Fremde nicht heimisch werden konnten. Für ihn persönlich sei derzeit Wittstock seine neue Heimat. „Hier fühle ich mich ganz wohl“, stellte der Autor fest.

Die OPR-Gleichstellungsbeauftragte Marlies Grunst überbrachte Grüße des Landrats

Die OPR-Gleichstellungsbeauftragte Marlies Grunst überbrachte Grüße des Landrats.

Quelle: Christian Bark

Diese Emotion war auch für Olga Diel ganz wichtig. „Heimat ist kein Ort, sie ist ein Gefühl“, sagt sie. Sie war die dritte Frau in der Gesprächsrunde. In den 90er Jahren war sie mit ihrem Ehemann nach Wittstock gekommen. Ihre Vorfahren waren Russlanddeutsche von der Wolga, wie sie erzählte. Zu Sowjetzeiten seien ihre Eltern aber nach Kasachstan umgesiedelt worden. Der deutsche Nachname habe ihrer Familie damals Beschimpfungen eingebracht. Als sie als „Spätaussiedler“ nach Deutschland gekommen waren, hätte man sie jedoch für Russen gehalten. „Russlanddeutsche sind irgendwie Menschen ohne Heimat“, sagte sie.

Trotzdem will auch Olga Diel nicht mehr wegziehen aus Wittstock und erst Recht nicht zurück nach Kasachstan. Sie habe Arbeit, Freunde und Bekannte in der Stadt. Laut Gerhard Richter sind das wichtige Faktoren für eine Heimat. Gerade dieser Dinge, aber auch des Faktors Sprache bedürfe es, künftige Migranten in unsere Gesellschaft zu integrieren. Da stimmte auch Maria Rebesky zu. „Man muss mitfühlen können und die Leute willkommen heißen“, sagte sie. Die 80-Jährige würden auch gute Freunde und Bekannte in der Region halten.

Die Galerie der verlorenen Heimat

Das Bündnis „Wittstock bekennt Farbe“ hat das Projekt initiiert. Es wurde auch von der Kirche unterstützt. Der Autor Gerhard Richter wollte damit zeigen, dass Migration und Mobilität in fast jeder Familie ein Thema ist und war.

 
  wurde die Galerie in der Wittstocker St. Marienkirche eröffnet. Bis Ende Oktober 2016 waren 26 Geschichten von Wittstockern oder Menschen, die mit der Stadt zu tun hatten, auf Tafeln abgebildet.

Im Internet ist die Galerie nun auch zu finden. Zudem ist Gerhard Richter weiterhin auf der Suche nach Menschen und ihren Geschichten.

Kontakt: Tel. 0170/2377428, E-Mail: post@gdvh.eu

Die drei Frauenschicksale standen aber auch dafür, dass Bekanntschaften und Familien zerbrechen können. So sei Olga Diels Familie zum Großteil nach Westdeutschland gegangen, um dort bessere Arbeit zu finden. Auch die anderen beiden Frauen haben Verwandte, die weit weg von ihnen leben.

Auch Gespräche waren im Nachgang möglich

Auch Gespräche waren im Nachgang möglich.

Quelle: Christian Bark

Doch Migration muss nicht immer den „Verlust“ einer Heimat bedeuten, wie der Koordinator der Asylbewerberunterkünfte im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, Martin Osinski, erklärte. Junge Leute würden sich ganz bewusst für ein Leben in der Fremde entscheiden. Ein Verlust sei es nur dann, wenn der Weggang unfreiwillig erfolge. Mehr oder weniger unfreiwillig änderte sich dann auch das Rollenbild während der Flucht, wie Gerhard Richter vermutete. „Bei uns hatte meine Tante eine Führungsrolle während Reise nach Deutschland übernommen“, erinnerte sich Erika Müller. Auch Olga Diel erzählte, dass sie anfangs Behördengänge für sich und ihren Mann allein bewältigen musste – einfach, weil sie die deutsche Sprache besser beherrschte.

Wichtig für Frauen und für Männer ist es in der neuen Heimat aber, nicht allein zu sein, wie Gerhard Richter betonte. „Deshalb wäre es schön, wenn wir alle zusammenhalten würden“, sagte er.

Zur Galerie der verlorenen Heimat im Internet hier.

Von Christian Bark

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