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Freispruch im Missbrauchsprozess

Neuruppin Freispruch im Missbrauchsprozess

Im Zweifel für den Angeklagten. Das Landgericht Neuruppin hat am Mittwoch einen 59-jährigen Neuruppiner freigesprochen, der verdächtigt wurde, zwei Kinder seiner ehemaligen Lebensgefährtin sexuell missbraucht zu haben. Der Mann hatte die Vorwürfe von Anfang an bestritten, der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren gefordert.

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Das Gericht hatte bis zum Schluss Zweifle an der Schuld des Angeklagten.

Quelle: DPA

Neuruppin. Der Staatsanwalt forderte wegen „schweren“ und „einfachen“ sexuellen Missbrauchs von zwei Kindern eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren für K. Doch der 59-jährige Neuruppiner konnte den Saal 2 des Landgerichts Neuruppin am Mittwoch als freier Mann verlassen. „Eine Verurteilung ist nur möglich, wenn vernünftige Zweifel an der Schuld des Angeklagten ausgeräumt sind“, sagte Udo Lechtermann, der Vorsitzende Richter der ersten großen Strafkammer. Und Zweifel hatte das Gericht bis zum Schluss an den Vorwürfen.

Harte Vorwürfe, wenig Details

Der Neuruppiner war angeklagt, weil er die zwei Kinder seiner einstigen Lebensgefährtin, die inzwischen wieder in Emden lebt, missbraucht haben soll. Der Tochter, damals fünf Jahre alt, soll er bei „Hoppe-Reiter-Spielen“ im Bett mehrfach den Po massiert und zudem den Schambereich mit der flachen Hand berührt haben, so die Anklage.

Der Sohn, seinerzeit acht, jetzt 21 Jahre, behauptete, dass K. mindestens sechs Mal mit ihm Analverkehr ausgeübt habe. Genaue Angaben, wann die sexuellen Übergriffe passiert sein sollen, gab es aber weder von der Tochter noch vom Sohn. Einig waren sich die zwei Zeugen lediglich darin, dass die Übergriffe passiert seien, als die Familie von einer Wohnung in der Innenstadt in ein Reihenhaus nach Treskow umgezogen sei und die Mutter bei der Arbeit war.

Polizisten halten Aussagen der Zeugen für glaubhaft

Alle anderen Erinnerungen habe er verdrängt und seien verschwommen, sagte der Sohn bei seiner Vernehmung bei der Polizei in Emden. Der Beamte (56), der sich speziell mit Fällen von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie mit Kinder- und Jugendpornografie befasst, hält die Aussagen des Sohnes für glaubwürdig – auch wenn er keinen sogenannten „Eindrucksvermerk“ ins Protokoll geschrieben hatte. Mit derartigen Notizen wird im Protokoll vermerkt, wie sich Opfer, Zeugen und Verdächtige bei ihrer Vernehmung verhalten. Weinen sie, schreien sie, sind sie gefasst oder wütend. Bei dem Sohn habe es keine Auffälligkeit gegeben, so der Polizist. Wenn er das Gefühl gehabt hätte, einen Bären aufgebunden zu bekommen, hätte er das aber notiert, sagte der Beamte.

Auch die Polizistin, die die Tochter vernommen hatte, hatte keinen „Eindrucksvermerk“ geschrieben – weil es bei der Befragung nichts Ungewöhnliches gegeben habe, so die Beamtin.

Richter: Niemand weiß, was wirklich passiert ist

„Niemand weiß, was wirklich passiert ist, bis vielleicht auf den Angeklagten“, sagte Richter Lechtermann. K. hat die Vorwürfe von Anfang an bestritten. „Ich habe so etwas nie gemacht. Die Vorwürfe sind so etwas von eklig“, sagte der Neuruppiner in seinem letzten Wort, bevor sich das Gericht für die Urteilsbegründung zurückzog.

Zuvor hatte sein Anwalt Klaus-Dieter Miesbauer von einer „hanebüchenen Geschichte“ mit „vielen Widersprüchen“ in den Aussagen der beiden Zeugen gesprochen – auch weil die Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs durch K. erst erstattet wurde, nachdem es im familiären Umkreis der Familie in Niedersachsen eine Cousine einen Onkel angezeigt hatte, weil dieser sie mehrfach an die Brust gefasst haben soll. Auch in diesem Fall wurde Anzeige erstattet, das Verfahren ist jedoch noch nicht eröffnet worden. „Das Thema hat sich in der Familie hochgekocht“, sagte Verteidiger Miesbauer.

Nebenklage erwägt Revision

Indes hatte Nebenkläger Gerd Schnittcher in seinem Schlusswort darauf verwiesen, dass der Sohn Pornos im Schlafzimmer und auf dem Rechner seines damaligen Stiefvaters K. gesehen hatte.

Die Nebenklage, die die zwei Kinder von einst vertritt, erwägt, gegen den Freispruch vorzugehen und Revision zu beantragen. „Mit der mündlichen Urteilsbegründung stimme ich nicht überein“, so Schnittcher.

Richter Lechtermann hatte zuvor eingeräumt, dass der Freispruch für Opfer von sexuellen Übergriffen wie ein Schlag ins Gesicht sein könnte. Aber das müsse das Gericht bei Zweifeln an der Schuld des Angeklagten hinnehmen.

Von Andreas Vogel

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