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Für immer Lindow

Ein Priester lebt seit einem Jahr als Einsiedler in der Kirche der Drei-Seen-Stadt Für immer Lindow

Vor einem Jahr hat Kardinal Rainer Maria Woelki die Eremitage St.Bernhard in der Lindower St.Josefs-Kirche geweiht. Dort lebt seitdem der erste Priester-Eremit seit 500 Jahren und der einzige in Brandenburg. Jürgen Knobel bereut seine Entscheidung nicht und hat die Kirche wieder für Gottesdienste geöffnet. In Lindow aber ist er ein Fremder geblieben – und das ist gut so.

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Jürgen Knobel lebt seit einem Jahr als Einsiedler in der katholischen St.-Josefs-Kirche zu Lindow.

Quelle: Christian Schmettow

Lindow. Obi Wan Kenobi ist auch ein Eremit. Die Schüler staunen nicht schlecht, als ihnen der Priester Jürgen Knobel seine Einsiedelei in Lindows katholischer Kirche ausgerechnet mit einer Filmfigur aus „Krieg der Sterne“ erklärt. Damit können die Jugendlichen etwas anfangen: Jedi-Ritter, zölibatär lebend wie Mönche; der Jedi-Meister, der sich in spirituelle Einsamkeit zurückzieht, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Jürgen Knobel hat die ersten 30 Jahre seines Lebens ein normales bürgerliches Leben gelebt, bis er zum Entsetzen von Familie und Freunden 1992 zunächst ins Kloster ging. Seit einem Jahr lebt er als erster Priester-Eremit seit 500 Jahren in Lindow (die MAZ berichtete). Seine Klause „St.Bernhard“ liegt unter dem Dach der St.-Josefs-Kirche oberhalb des Wutzsees. Nach einem Jahr ist der 53-Jährige noch immer überzeugt, dass er am richtigen Ort gelandet ist, um den Rest seines Lebens dem Gebet und der Meditation zu widmen.

In der Ehe sei der Zauber der ersten Liebe meist weg, wenn der Alltag beginnt. „Dann wird man zur Prinzessin, die die Erbse sucht“, sagt Jürgen Knobel. Doch so gehe es ihm in Lindow bis heute nicht. „Wenn ich von einem Exerzitienkurs heimkomme, stimmt das Gefühl: Das ist ein guter Platz, ein besonderer Platz.“

Dass es mit der Einsamkeit nicht ganz so weit her sein würde, wie es die Menschen von einem Einsiedler erwarten, damit hat Jürgen Knobel gerechnet: „Das Eremitendasein ist in dieser Hinsicht voller Paradoxien: Der Erfolg des Rückzugs aus der Welt führt dazu, dass alle Welt zum Eremiten rauskommt“, sagt der Geistliche. Die Menschen sind neugierig, wollen Anteil nehmen und etwas lernen von dem, der die Einsamkeit sucht. „Es gehört zum Job des Eremiten, sich den Menschen zu stellen“, sagt Jürgen Knobel. Besucher bleiben vor einem hölzernen Tor stehen. Dort hängt eine eiserne Glocke. „Bitte kräftig läuten“, steht auf einem handbeschriebenen Zettel.

Unangemeldete Besucher sind allerdings selten. Wenn Jürgen Knobel betet oder meditiert, dann ignoriert er das Läuten ohnehin. „Und wenn ich jemanden hab’, der mir die Zeit stiehlt, kann ich es sehr kurz machen“, sagt der Eremit.

Andererseits hat er Übung darin, nach einer Begegnung schnell wieder im Zustand der inneren Ruhe zu sein. Ich mache hier nichts Privates“, sagt er. „Das ist ein öffentlicher Rückzug, und der steht in einer 2000-jährigen Tradition der frühchristlichen Kirche des zweiten, dritten, vierten Jahrhunderts.“ Die ist geprägt vom Auferstehungsgedanken – auch wenn es nicht in die heutige Zeit zu passen scheint.

Wer zu ihm kommt, hat ein Anliegen

Zu Jürgen Knobel kommen Menschen mit einem Anliegen. Ordensschwestern, Gebetsgruppen, Familienkreise – mindestens acht Gruppen haben sich im ersten Jahr schon per E-Mail oder Mobiltelefon angemeldet und das Gespräch mit dem Einsiedler gesucht. Hinzu kommen immer wieder Exerzitiengäste: Laien und Priester, die das Leben in der Abgeschiedenheit von der Welt kennenlernen wollen. Für sie gibt es in der frostfreien Jahreszeit ein Gäste-Blockhaus, die Franziskushütte. Die Woche des Rückzugs an einem spirituellen Ort wird in Stille verbracht.

Der Priester selbst lebt ohne Fernseher, ohne Radio, ohne Musik. Vor Kurzem hat er sogar die CDs mit Meditationsmusik abgeschafft. „Ich höre auf die Stille“, sagt Jürgen Knobel. „Statt Geistermusik aus Plastikscheiben lausche ich lieber dem Gezwitscher der Vögel.“ Das wird nur manchmal vom Kinderlachen aus der benachbarten Kita unterbrochen.

Er nutzt die Zeit, um mit Gott zu reden

„Ich wäre ein Heuchler, wenn ich sagte, ich lebe in Armut“, sagt Jürgen Knobel. „Ich lebe Einfachheit und empfinde Verzicht als Befreiung.“ Wer sich nicht ständig um Dinge kümmern muss, gewinnt Zeit. Diese Zeit nutzt der Eremit, um mit Gott zu reden – auch stellvertretend für andere. Er nimmt Gebetsanliegen an, bittet Gott für andere Menschen im Abendgebet. Der Tag des Einsiedlers beginnt um 6 Uhr mit der Morgenmeditation und der Eucharistie. Nach dem Frühstück arbeitet er bis zur Mittagsruhe. Wenn er nicht an seinen Büchern schreibt oder das Gelände in Ordnung hält, werkelt Jürgen Knobel auch an der Kirche. Im Juni hat der frühere Restaurator den Innenraum des denkmalgeschützten Baus neu gestrichen. Der kleine Besprechungsraum in der Kirche leuchtet nun ganz in Rot.

Mit dem Skoda zum Baumarkt

Hinunter in die Stadt geht der Einsiedler selten. Mal in den Supermarkt, mal zur Post, zum Getränkemarkt, mal zum Tanken. Manchmal fährt er mit seinem Skoda auch nach Neuruppin zum Baumarkt. Er fällt auf mit seiner weißen Hose, dem weißen Hemd und der weißen Kappe, aber die Menschen begegneten ihm normal. „Ich gehe nicht mit dem Weihrauchfass in die Stadt, sondern als normaler Mensch“, sagt er. Viele Leute kennt er nicht in Lindow, aber das ist Absicht. „Ich bin mehr wie ein Gast. Ein Gast, der nicht wieder geht. Wichtig ist, dass ein Rest Fremdheit bleibt“, sagt er. Er hat kein Bedürfnis nach einer neuen Heimat. „Meine Heimat ist der Bodensee“, so der 53-Jährige. „Aber in der Heimat kann man nicht Eremit sein.“

Sogar Berliner Katholiken kommen zur Messe

Um 18 Uhr ist das Abendgebet dran, die Lektüre, vielleicht ein Spaziergang. Nach dem Nachtgebet, dem Complet um 21 Uhr, kniet der Priester allein vor dem Tabernakel, dem Allerheiligsten, und kommuniziert mit Christus. Sonntags indes war Jürgen Knobel noch nie ganz allein, seit er in Lindow lebt und dort Gottesdienste feiert. Neben den wenigen Katholiken aus Lindow kommen auch viele aus Berlin zur Messe um 11 Uhr. So können die Städter den besonderen Gottesdienst mit einer Landpartie verbinden. Die jahrelang verschlossene Kirche wieder zu öffnen, sei eine gute Idee gewesen. Auch der Durchgang übers Gelände ist tagsüber wieder geöffnet.

„Ende November hatte ich mich sattgefroren mit allen möglichen Varianten von Wollkleidung“, erinnert sich Jürgen Knobel an die unbeheizte Kirche. Bis Anfang März verlegte er die Gottesdienste in eine Blockhütte mit Gasofen.

Trotzdem freut sich der Süddeutsche schon wieder auf den Herbst: „Ich habe den Winter sehr genossen.“ Endlich war es ruhig. Die dunkle Jahreszeit beflügelt das Gebet und das literarische Schaffen. Früher einmal hat Jürgen Knobel Bilder gemalt. Doch mit mehr als 1000 Werken sei sein Werk abgeschlossen. „Ich hätte mich nur noch wiederholt.“ Heute zeichnet er mit seinem Leben eine Alternative zur modernen Zeit: „Der Eremit ist eine archaische Lebensform. Wenn alle rennen, bleibt er stehen. Das ist provokant. Er setzt seine Ruhe gegen die Unruhe der Gesellschaft.“

Von Christian Schmettow

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