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Fürs Frauenwahlrecht und für höhere Bildung

Freyenstein Fürs Frauenwahlrecht und für höhere Bildung

Vor 175 Jahren kam in Freyenstein die Pfarrerstochter Minna Schelle, spätere Cauer, zur Welt. Sie sollte zu einer der wichtigsten Kämpferinnen für Frauenrechte in Deutschland werden, erlebte 1918 noch die Einführung des Frauenwahlrechts und starb mit 80 Jahren in Berlin.

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Der Kampf ums Frauenwahlrecht sollte noch bis 1918 dauern.

Quelle: REPRO: Wikipedia

Freyenstein. Klare Forderungen erhob der Verein „Frauenwohl“ ab 1888: Das Mädchenschulwesen sollte gründlich reformiert und die Möglichkeiten der Berufstätigkeit von Frauen insbesondere im wissenschaftlichen und gewerblichen Bereich ausgedehnt werden. An Schulen, bei der Sittenpolizei, der Krankenkasse und im Gefängnis sollten Frauen als Ärztinnen angestellt werden. Mit seinen Forderungen gehörte der Verein zum linken Flügel der deutschen Frauenbewegung – er sollte frischen Wind in die aus unterschiedlichsten Gründen stagnierende Frauenbewegung bringen.

Gerade mal fünf Frauen trauten sich

Gerade mal fünf Frauen waren bereit, sich an seiner Gründung zu beteiligen, hinzu kam als Gründerin und Vorsitzende Minna Cauer, die „ungern und mit schwerem Herzen an die Aufgabe herantrat“: Weil sie weder Vereinsleben mochte, noch sich tatsächlich mit den Zielen der damaligen Frauenbewegung identifizieren konnte.

Cauer und ihre Gefährtinnen im Verband für Frauenstimmrecht (vlnr)

Cauer und ihre Gefährtinnen im Verband für Frauenstimmrecht (v.l.n.r.): Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker,

Quelle: Wikipedia

Die Freyensteinerin Wilhelmine Theodore Marie (Minna) Schelle, spätere Cauer, kam am 1. November 1841 – also vor 175 Jahren – als eines von vier Kindern der Freyensteiner Pfarrersfamilie Schelle zur Welt. Und zunächst deutete auch nichts darauf hin, dass sie zu einer der wichtigsten Figuren der deutschen Frauenbewegung werden sollte: Wie andere Mädchen aus bürgerlichem Haus besuchte sie zunächst die höhere Mädchenschule in Wittstock. Eigentlich hatte sie Lehrerin werden wollen – der einzige Beruf, den Frauen zur damaligen Zeit außer Haus ausüben durften, doch das blieb ihr zunächst wegen mangelnder Vorbildung, aber auch aus Krankheitsgründen verwehrt. Stattdessen arbeitete sie als Hausmädchen weiter bei ihren Eltern: „Wie ein Dienstmädchen“ vermerkte sie in ihrem Tagebuch. Nach ihrem 21. Geburtstag heiratete sie den Arzt August Latzel: Ihr gemeinsames Kind starb mit zwei Jahren an Diphtherie, ihr Mann wurde Opfer einer Geisteskrankheit und starb 1866. Innerhalb von einem Jahr erwarb Minna Latzel dann die Berechtigung, als Lehrerin zu arbeiten und ging als Hauslehrerin nach Paris.

Minna Cauer beschäftigte sich erst nach ihrer zweiten Hochzeit mit frauenpolitischen Themen

Minna Cauer beschäftigte sich erst nach ihrer zweiten Hochzeit mit frauenpolitischen Themen.

Quelle: Privat

Frankreich verließ sie erst, als sie 1869 in zweiter Ehe den Berliner Stadtschulrat Eduard Cauer heiratete, mit dem sie ganz allgemein während der 1870er und 80er Jahre politisch aktiv war. Eduard Cauer war es auch, der sie ermutigte, sich mit frauenpolitischen Themen auseinanderzusetzen und den Verein „Frauenwohl“ zu gründen. „Wir wollen Anregung geben, Aufklärung bringen und Lücken ausfüllen“, sagte Minna Cauer bei seiner ersten Generalversammlung. „Nie sollen Frauen aufhören, Frauen zu sein. Aber sie sollen aufhören, die Frauen zu sein, die sie jetzt sind. Lasst uns versuchen, unsere Pflichten nach dieser Richtung zu erfüllen, dann fallen uns die Rechte von selber zu.“

„Der Kampf war unvermeidlichj“

25 Jahre später, im Jahr 1913, stellte Minna Cauer jedoch fest, dass letztere „kindliche Idee“ von mehr Frauenrechten gründlich zerstört worden sei. Sie konstatierte: „Der Kampf war daher unvermeidlich. (...) Der Verein wurde ein Kampfverein und ist es bis auf den heutigen Tag.“

Dabei hat der Verein viele Fortschritte erzielt: Zweigvereine wurden etwa in Danzig, Breslau, Frankfurt (Oder) und Köln gegründet, die Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ erschien. Der Verein gab Anregungen, Mädchen eine Gartenbauausbildung zu ermöglichen und in Realklassen zu lernen.

Flügelkämpfe zwischen Konservativen und Radikalen

Heute würde man die Auseinandersetzungen innerhalb des Vereins, in dem inzwischen auch Gruppierungen wie Kinderhorte und Kochschulen teilnahmen, als Flügelkämpfe zwischen den konservativeren und den radikaleren Mitgliedern des Vereins bezeichnen. Zahlreiche Mitglieder traten aus, weil ihnen die Ansichten der Frauenrechtlerinnen zu radikal waren. Der Verein hatte zur ersten „Volksversammlung bürgerlicher Frauen“ eingeladen. Erstmals wurde bei dieser Veranstaltung durch die links-liberale Partei Demokratische Vereinigung das Frauenwahlrecht gefordert – was Minna Cauer als großen Erfolg bezeichnete.

Gemeinsam mit Clara Zetkin gab Minna Cauer die Studie „Frauen im 19. Jahrhundert“ heraus. In der Verbandszeitschrift „Die Frauenbewegung“ stellte sie mehr als 25 Jahre lang frauenpolitische Themen in den Mittelpunkt ihrer Essays und Leitartikel.

In fortgeschrittenem Alter glaubte Minna Cauer nicht mehr, dass der Mut der bürgerlichen Parteien ausreichen würde, um den Fortschritt in Gang zu bringen.

Nach dem Ersten Weltkrieg endlich am Ziel

Doch 1918 schließlich, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde die Forderung der Frauen umgesetzt: Sie erhielten das Wahlrecht. Minna Cauer stellte ihre Zeitschrift ein: „Meine Aufgabe innerhalb der Frauenbewegung halte ich für erfüllt, da das Bürgerrecht der Frau den Frauen gegeben worden ist.“ Freyenstein hat Minna Cauer wohl zum letzten Mal besucht, als sie 1897 einen Vortrag in Wittstock hielt. Mit 80 Jahren stirbt sie schließlich in Berlin und wird in Berlin-Schöneberg beigesetzt.

Von Claudia Bihler

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