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Geheimtreffen im Gasthaus Paries

Dabergotz Geheimtreffen im Gasthaus Paries

Ein korrupter Polizist des Landeskriminalamtes (LKA) Mecklenburg-Vorpommern hat sich jahrelang im Gasthaus Paries in Dabergotz mit seiner Geldgeberin getroffen. Dabei sollen insgesamt mehr als 300 000 Euro den Besitzer gewechselt haben. Das Codewort für die Aktion lautete: Treffpunkt Kohlroulade. Wirtin Rosemarie Schofer hat davon nichts bemerkt.

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Die Gaststätte in Dabergotz ist nicht nur bei Brummifahrern beliebt.

Quelle: Andreas Vogel

Dabergotz. Nein, bemerkt hat Rosemarie Schofer nichts. „Das waren ganz normale Leute. Ich dachte, der Mann, der immer so schick angezogen war, ist ein Anwalt, der was mit seiner Mandantin zu besprechen hat“, sagt die Wirtin des Gasthauses Paries in Dabergotz (Ostprignitz-Ruppin). Regelmäßig kehrte Heinz-Peter H. mit Christina W. bei „Paries“ ein. Die Gaststätte liegt günstig direkt an der B 167 und in der Nähe der Autobahn A 24. „Sie haben was gegessen, ein Wasser getrunken und sind wieder los.“

Das letzte Mal trafen sie sich wohl im März oder Anfang April in Dabergotz – wenige Tage später schlug das Bundeskriminalamt (BKA) zu. Denn Heinz-Peter H. ist kein Anwalt aus Ludwigslust. Vielmehr war er bis dahin Polizist im Rang eines Hauptkommissars beim Landeskriminalamt (LKA) Mecklenburg-Vorpommern.

Seit 2009 Geld kassiert

Die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer. Jahrelang soll der Polizist an Christina W. Informationen verkauft haben. Laut dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ tauchten in der Buchhaltung von Christina W. bereits für 2009 gut 100 000 Euro auf, die mal an die „Quelle H. P. H.“, mal an H. P., P. H., P. oder H. gingen. Dabei soll stets LKA-Mann Heinz-Peter der Empfänger gewesen sein, sagt Christina W. Insgesamt soll der Polizist mehr als 300 000 Euro kassiert haben. Die Geldumschläge sollen stets bei den Geheimtreffen in Dabergotz über den Tisch gegangen sein. Deckname: Kohlroulade.

Briefumschläge, gefüllt mit mehreren 10 000 Euro, soll der LKA-Mann aus Ludwigslust in Dabergotz von seiner Komplizin erhalten haben

Briefumschläge, gefüllt mit mehreren 10 000 Euro, soll der LKA-Mann aus Ludwigslust in Dabergotz von seiner Komplizin erhalten haben.

Quelle: Andreas Vogel

Wirtin Schofer muss über den Decknamen schmunzeln. „Wir hatten damals wirklich Kohlrouladen im Angebot.“ Doch die gibt es schon länger nicht mehr. Es fehlt einfach die Nachfrage. „Schade, dass sie nicht mal einen dicken Briefumschlag liegen lassen haben“, sagt die 66-Jährige und lacht. Immerhin sollen sich in den Umschlägen laut den Ermittlern mal gut 30 000, mal 50 000, mal mehr als 100 000 Euro befunden haben. Gesehen hat Schofer nie, dass an einem ihrer Tische dicke Briefumschläge den Besitzer wechselten.

Russische Soldaten zündeten eine Art Rauchbombe

Rosemarie Schofer konnte kaum laufen, da ist sie schon mit einem Tablett in der Hand durch die Gaststätte ihrer Eltern spaziert. Seit 1997 ist sie Chefin im Gasthaus, das sich seit 1929 in Familienbesitz befindet. Ihre Großmutter Jenny Paries hatte das Haus, das einst zum Dabergotzer Gut gehörte, übernommen. Das Lokal hat schon einige kuriose Geschichten erlebt. Als Mitte der 1970-er Jahre die Autobahn nach Hamburg gebaut wurde, aßen viele der Bauarbeiter in der Gaststätte. Eines Tages wollte auch ein Trupp russischer Soldaten dort essen. „Wir haben gesagt, dass alles voll und kein Platz ist“, erinnert sich die Wirtin. Die Soldaten trollten sich zwar, zündeten jedoch beim Rausgehen eine Art Rauchbombe. „Der Qualm zog überall hin. Unsere Gäste sprangen aus den Fenstern, um schnell wieder frische Luft atmen zu können.“ Die Wirtsfamilie hat damals keine Polizei gerufen. „Wir hätten die Soldaten ja gar nicht wiedererkannt.“ Zudem wäre fraglich gewesen, ob die DDR-Polizei überhaupt etwas gegen die russischen Soldaten hätte unternehmen dürfen.

Eine Fliegerbombe auf dem Parkplatz

Riesig war die Aufregung, als 1996 bei Arbeiten für den Parkplatz neben der Gaststätte eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt wurde. „Das Schlimmste war, dass gerade ein mit Gasflaschen beladener Lkw vorn auf dem Parkplatz stand“, sagt Susanne Lehmann. Die Tochter von Rosemarie Schofer mag sich gar nicht vorstellen, was bei einer Explosion alles zerstört worden wäre. Sie kann sich auch deshalb noch so gut an den Vorfall vor 20 Jahren erinnern, weil ihre Mutter zu der Zeit im Krankenhaus lag. „Das ganze Dorf musste evakuiert werden.“ Spezialisten des Munitionsbergungsdienstes konnten die Fliegerbombe entschärfen.

Agentenpärchen sitzt in Untersuchungshaft

Weiterhin brisant ist, wie die bizarre Agentenaffäre um Heinz-Peter H. und Christina W. ausgehen wird. Beide sitzen seit Mitte April in Untersuchungshaft, das Bundeskriminalamt ermittelt. Während der LKA-Mann schweigt, erzählt Christina W., die in Berlin angeblich eine Unternehmensberatung betreibt, bei den Vernehmungen ziemlich freimütig von ihren Geschäften. Dabei geht es auch um einen ukrainischen Oligarchen, das amerikanische FBI und den Bundesnachrichtendienst. Die Frau, die einst für das DDR-Staatsfernsehen arbeitete, hat ein Faible für das Geheimdienstmilieu. 1990 veröffentlichte sie das Buch „Staat im Staate“, in dem ehemalige Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes von ihrer Tätigkeit berichten. Was sie nicht schrieb: Seit 1984 war sie bei der Staatssicherheit selbst als Inoffizielle Mitarbeiterin „Nina“ registriert und auf Journalisten aus Westdeutschland angesetzt.

Von Andreas Vogel

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