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Gemeinsam im Kampf gegen das Alleinsein

Wittstock Gemeinsam im Kampf gegen das Alleinsein

Die anrückende dunkle Jahreszeit zehrt an den seelischen Kräften so mancher älterer Menschen. Insbesondere jenen, die allein leben und psychisch vorbelastet sind, tut etwas Abwechselung dann gut. In einer Selbsthilfegruppe in Wittstock finden sie seit 15 Jahren einen Anlaufpunkt. Dort begegnen sich die Leidensgenossen auf Augenhöhe und können über Probleme sprechen.

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Katrin Ulmer öffnet auch für Mitstreiter der Selbsthilfegruppe die Türen zur Kontakt- und Beratungsstelle am Markt 8.

Quelle: Christian Bark

Wittstock. Jeden dritten Donnerstag im Monat durftet es in der Kontakt- und Beratungsstelle (KBS) der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Wittstock nach frisch gebrühtem Kaffee. Dann werden Schnittchen aufgetischt und beim gemeinsamen Frühstück Erfahrungen und Probleme ausgetauscht. „Man muss darüber sprechen“, sagt Erika Becker*.

Die 76-Jährige trat der Selbsthilgegruppe kurz nach ihrer Gründung im Jahr 2002 bei. Seelisch belastet hatte sie lange Zeit die Alkoholsucht ihres Mannes. Nach zahlreichen Ehejahren hatte sie dann den Mut gefasst, sich zu trennen und fortan allein zu leben. „Ich bin wieder innerlich stark geworden“, resümiert sie über die zurückliegenden 15 Jahre. Dazu gehöre, dass sie so viel wie möglich unter Leute geht – wie eben einmal im Monat zur Selbsthilfegruppe. „Im Winter sitze ich aber auch mal ganz gern allein zuhause und rätsele“, sagt die Rentnerin.

Angst vor der dunklen Jahreszeit

Gar nicht gern allein ist Monika Gerber. „Ich will nicht den ganzen Tag zuhause sitzen, ich brauche Abwechslung“, betont die 73-Jährige. Angst habe sie vor dem November, dem wie sie sagt dunkelsten Monat. Und nicht nur sie, auch Erika Becker hat trotz des Bedürfnisses, hin und wieder allein zu sein, schlechte Erfahrungen mit der dunklen Jahreszeit. „Ich hatte mal so was wie Todessehnsucht“, berichtet sie. Nach reiflicher Überlegung habe sie jedoch von einem Suizid abgesehen.

Erfahrungen mit dem Tod hatte Monika Gerber in den vergangenen Jahren häufiger. Erst war ihr Mann gestorben, danach ihr Vater. Psychische Traumata habe es aber schon viel früher gegeben – zum Beispiel bei ihrer Lehre als Fleischereifachverkäuferin. „Wir mussten damals auch mit schlachten“, blickt sie zurück. Da habe sie Wochen lang kein Fleisch mehr essen können. Während der Arbeit sei sie immer wieder krank an den Knochen gewesen, dabei sogar mal zusammengebrochen. Nach der Wende habe man sie dann aus dem Betrieb „herausgemobbt“. „Spätestens da fing’s bei mir mit den Nerven an“, sagt sie. Zunächst habe sie Vorbehalte gegenüber Selbsthilfegruppen gehabt, sich vor sieben Jahren aber doch getraut.

Einmal im Monat gemeinsames Frühstück

Seit 2002 gibt es in Wittstock die Selbsthilfegruppe für psychisch erkrankte Menschen im Alter.


(Awo) treffen sich die Mitglieder in regelmäßigen Abständen zum gemeinsamen Frühstück und Gespräch.

Jeden dritten Donnerstag im Monat findet in der Regel ein Treffen gegen 10.30 Uhr statt. Die Räume dafür finden die Mitglieder in der Kontakt- und Beratungsstelle der Awo am Markt 8.

Fünf Frauen gehören derzeit der Gruppe an. Es waren aber schon mal 13. Ab sieben Mitgliedern käme die Gruppe in den Genuss gesonderter Förderung.

„Es ist gut, dass sie sich Kontakte gesucht haben“, bestärkt Katrin Ulmer die Gruppenmitglieder in ihrer Entscheidung. Sie arbeitet in der KBS und betreut die Gruppe mit. Bei vielen der Frauen sei auffällig, dass auch körperliche Gebrechen zur seelischen Belastung geworden seien. In der Gruppe könnten sie darüber auf Augenhöhe mit ihren Leidensgenossinnen sprechen.

Jeder ist willkommen

So wie Barbara Schmidt, die seit zwölf Jahren dazugehört. „Mit 38 hatte ich meinen ersten Herzinfarkt, mit 39 war ich Frührentner“, erinnert sich die 60-Jährige. Auch sie müsse jeden Tag mal „raus“. Gerne auch in die KBS, die für sie zu einer Art zweitem Zuhause geworden sei. Danach kehre sie wieder zu ihrem schwer kranken Mann zurück, den sie trotz eigener Beeinträchtigungen liebevoll pflege.

Zunächst ihren Mann und nach dessen Tod ihren neuen Partner hatte Maria Harland gepflegt. Sie sterben zu sehen habe seelische Spuren bei der 57-Jährigen hinterlassen, wie sie sagt. Zudem leide sie seit über 30 Jahren an Angstzuständen. „Die kamen über Nacht, ich hatte plötzlich Atemnot“, berichtet sie. Das habe sich bis vor anderthalb Jahren jede Nacht fortgesetzt. „Ich weiß bis heute nicht, warum“, sagt die Wittstockerin. Über den sozialpsychiatrischen Dienst der Awo sei sie zur Gruppe gekommen, habe vor zwei Monaten an einem Ausflug der Mitglieder in die „Grüne Oase“ in Jabel teilgenommen und sei nun das zweite Mal dabei. „Es beruhigt mich, zu hören, dass ich mit meinen Problemen nicht allein bin“, so die 57-Jährige. „Hier ist jeder willkommen“, lädt Katrin Ulmer Interessierte ein. Denn gemeinsam kämpfe es sich besser gegen das Alleinsein.

Von Christian Bark

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