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Ostprignitz-Ruppin Gesichts-OP als Missbrauchsbewältigung
Lokales Ostprignitz-Ruppin Gesichts-OP als Missbrauchsbewältigung
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00:19 11.12.2017
Eine Gesichtsoperation als Ausweg für ein leidendes Missbrauchsopfer gehört zu den bemerkenswertesten Fällen, mit denen Pritzschkes bislang zu tun hatten. Quelle: Matthias Anke
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Kolrep

Er hatte sich an ihr vergangen, immer und immer wieder über die Jahre hinweg. Noch Jahrzehnte später sah sie ihn dann im Spiegel – so ähnlich fühlte sie sich ihrem Vater optisch. Sie vermied daher jeden Blick in alles, aus dem heraus er sie erneut hätte anstieren können.

Was die Öffentlichkeit zumeist nur aus Horrorfilmen kennt, erfuhren Reingard und Dietmar Pritzschke vor einer Weile aus erster Hand. Sie waren es dann auch, die der Frau helfen sollten und konnten, obwohl schon sehr viele Jahre seit den Vorfällen vergangen waren. Zumindest waren es Pritzschkes, die den Anstoß zur Hilfe gaben, indem sie der Frau einen Weg wiesen. Denn die beiden aus dem zur Gemeinde Gumtow gehörenden Prignitzdorf Kolrep sind Teil eines nur vierköpfigen Teams, das in Brandenburg Opferhilfe für ganz besondere Fälle ermöglicht.

Sie gehören dabei nicht einfach nur dem Opferhilfeverein „Weißer Ring“ an, sondern sie sind innerhalb dessen so etwas wie die Kontaktleute für Geld aus einem Fonds, der 2013 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgelegt wurde und speziell Missbrauchsopfern aus den Jahren 1949 bis eben 2013 ergänzend zu weiteren Möglichkeiten helfen soll. „Für Fälle danach greift eine neue gesetzliche Regelung“, erklärt Dietmar Pritzschke.

Welch hohe Belastung die vielen Fragen des 14-seitigen Antrags für die Opfer darstellen, wissen Dietmar und Reingard Pritzschke. Quelle: Matthias Anke

Ursprünglich sollte das Geld nur bis Ende 2016 beantragbar und bis in dieses Jahr 2017 hinein abrufbar sein. Gestartet wurde mit 50 Millionen Euro vom Bund und weiteren Millionen einzelner Bundesländer. Nun steht davon unerwartet noch immer ein Großteil zur Verfügung. Daher läuft das Programm nach wie vor, zumindest bezüglich sexuellen Missbrauchs im familiären Bereich. Der Teil des Fonds für Missbrauch im sogenannten institutionellen Bereich indes endete. Diverse Institutionen, darunter beispielsweise die Kirche, der Kinderschutzbund oder die Arbeiterwohlfahrt, machen trotzdem weiter.

Noch 2013 nahmen Pritzschkes an entsprechenden, von ihrem Opferhilfeverein „Weißer Ring“ vermittelten Schulungen teil. Beide sind Rentner. Sie arbeitete einst in der Landwirtschaft. Er war vor dem Hausbau in Kolrep Ende der 1980er Jahre in Leuna als Techniker tätig und wurde später zum Stadtkämmerer in Kyritz. „Wir haben eben Zeit und helfen anderen gerne. Und daher ist mit uns auch schnell ein Termin gemacht“, erklärt Dietmar Pritzschke.

Mögliche Täter anzuzeigen oder Strafverfolgung ist nicht das Ziel

Über ihr sogenanntes ergänzendes Hilfesystem (EHS) konnten Pritzschkes, deren Fälle sich im Norden Brandenburgs konzentrieren, schon knapp 20 Menschen unter die Arme greifen. Auch nach Michendorf südlich von Potsdam oder Brandenburg/Havel führte es sie schon. Ein weiteres Teammitglied ist im Süden Brandenburgs aktiv. Und eine Kollegin in Potsdam kümmert sich ausschließlich um die Landeshauptstadt. Dort wird zudem mit Berlin kooperiert.

Ob Missbrauchsopfer „echt“ sind oder sich mancher nur eine Geschichte ausgedacht hat, müssen Pritzschkes zunächst selbst herausfinden. Das Gespür dafür haben sie entwickelt. „In den Gesprächen ist es oft so, dass zunächst alles ganz locker ist. Plötzlich aber wird ein Punkt erreicht, an dem die Konzentration nachlässt. Manche bekommen regelrechtes Flattern oder sie brechen zusammen. Es sind ja Offenbarungen von Erlebtem, das zumeist sehr viele Jahre zurückliegt“, berichtet Dietmar Pritzschke: „Und dann geht es aber nicht darum, mögliche Täter anzuzeigen oder eine Strafverfolgung loszutreten. Das EHS hilft allein den Opfern.“

Pritzschkes sind dann zuallererst dafür da, mit ihnen den 14-seitigen Antrag auf Unterstützung auszufüllen. Von Vorteil sei dabei, dass sie grundsätzlich zu zweit zu den Betroffenen fahren. Einer kann sich auf das Gespräch konzentrieren, während der andere die Formulare ausfüllt. Anschließend entscheidet eine beim Bundesministerium angesiedelte Arbeitsgruppe aus Experten alles weitere. Ihr gehören unter anderen Psychologen, Sozialpädagogen und Ärzte an. Die Anträge, die sie bewerten, erhalten sie anonymisiert. Erfolgt eine Bewilligung, können Therapien beginnen, werden bestimmte Fachkräfte bezahlt. Geld bekommen die Betroffenen damit nicht in die Hand. Und trotz des umfangreichen Antrags handele es sich laut den Pritzschkes noch immer um eine schnelle, recht unbürokratische Hilfe. Die kann vielseitig sein und einen Wert von bis zu 10 000 Euro pro Opfer umfassen.

Es geht um ergänzende Hilfe, wo auf anderem Wege nichts klappte

Anhand eines jungen Mannes, der als Kind jahrelang von seinem älteren Cousin missbraucht wurde, verdeutlichen sie, worum es gehen kann: In der Schule kam der Junge nicht mehr mit. Er entwickelte eine Lese-Rechtschreib-Schwäche mit allen Folgen für das weitere Leben. Privater Unterricht sollte ihm nun helfen. Über Krankenkassen, das Arbeitsamt oder andere Institutionen nicht mehr zu leisten, schaffte es das EHS. „Der Mann konnte endlich seinen Führerschein machen. Ob er allerdings auch auf dem Arbeitsmarkt ankam, wissen wir nicht“, erzählt Reingard Pritzschke. Nicht alle Betroffenen halten sie im Anschluss auf dem Laufenden. „Und das wollen wir auch gar nicht“, sagt Dietmar Pritzschke. Auch sei Diskretion oberstes Gebot. „Wir dürfen und wollen zudem keinerlei Unterlagen von den Opfern oder über sie mit nach Hause nehmen.“

Technische Vorkehrungen für ein sicheres Zuhause waren ebenfalls schon zu finanzierende Maßnahmen, aber auch besondere Kuren oder Aufenthalte in Einrichtungen, welche helfen, traumatische Erlebnisse aus der Kindheit zu verarbeiten.

Die Frau, die sich einen Großteil ihres Lebens im Spiegel nicht mehr ansehen konnte, lacht heute wieder. „Ihr geht es sehr gut, die Nase und vor allem das Kinn wurden verändert, sie ist wie ausgewechselt“, erzählt Reingard Pritzschke über eine dieser wenigen Rückmeldungen, die sie erhalten hat. Und es schwingt Stolz mit, dabei geholfen zu haben, das Unmögliche irgendwie doch zu ermöglichen. Als Lotsen ebneten sie den Weg, der am Ende zu der Gesichtsoperation führte – für einen neuen Menschen ohne dessen altes Leid.

In Brandenburg gibt es, abgesehen von der Landeshauptstadt, drei Mitarbeiter des „Weißen Rings“, welche Opfern helfen können. Eigens dafür wurden Kontaktnummern eingerichtet. Dietmar Pritzschke ist erreichbar unter 0151/15 04 73 57, Reingard Pritzschke unter 0151/15 04 73 58. Im Internet kann man sich informieren unter www.fonds-missbrauch.de.

Von Matthias Anke

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