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Getöse im Morgengrauen

Freiwillige zählen in Linum rastende Kraniche Getöse im Morgengrauen

Wenn die Sonne aufgeht und der Dunst über dem Rhinluch aufsteigt, erheben sich allmorgendlich zehntausende Kraniche in die Luft. Die größten Vögel Europas rasten im Oktober und November auf ihrem Zug nach Frankreich und Spanien im Teichgebiet bei Fehrbellin. Dort zählen Vogelfreunde, wie viele hier Station machen.

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Anne Grohmann zählt die Kraniche.

Quelle: Katharina Kastner

Linum. Seit Jahrzehnten wächst ihre Zahl: In der vergangenen Woche wurden 93.000 Kraniche am Himmel über Linum gezählt - so  viele wie noch nie.

Auf der Suche nach Futter steuern sie die Wiesen und Felder im Ruppiner Land an, sobald die Nacht dem Tage weicht. Einmal in der Woche werden sie dabei besonders gründlich beobachtet: So wie heute Morgen verteilen sich jeden Dienstag Vogelkundler, Naturschützer und Kranichliebhaber rund um die Schlafplätze der Vögel, um die grauen Grus grus - s o der lateinische Name - zu zählen.

Die Lagebesprechung beginnt kurz nach sechs in der Naturschutzstation Rhinluch. Während es draußen noch still und stockfinster ist, herrscht im Haus gegenüber der Linumer Kirche emsiges Treiben. Knapp 30 Freiwillige werden von Rastplatzbetreuer Ekkehard Hinke in kleine Gruppen aufgeteilt. Die erfahrenen Kranichzähler haben das Gebiet in elf Sektoren gesplittet, damit alle möglichen Flugrouten der Kraniche genau erfasst werden können. Die Männer und Frauen, die größtenteils aus Berlin, Oranienburg und Hennigsdorf kommen, postieren sich leise am Birkhühnerdamm, am Silo, an der Kirche von Linum, an der Straße nach Kuhhorst, in Zietenhorst und an ein Dutzend weiteren Standorten.

Anne Grohmann bezieht zusammen mit Moriz Rauch Stellung auf der Hakenberger Siegessäule in knapp 30 Metern Höhe. Im Dunkeln ertasten die Berliner den Eingang des Denkmals und klettern die 114 Stufen hinauf. Während die Morgendämmerung anbricht, legen sie sich Ferngläser und Zählliste zurecht. Langsam zeichnen sich die Silhouetten der Kirchtürme von Hakenberg, Tarmow und Fehrbellin in der Ferne ab. Es ist 6.30Uhr. Die Kraniche sind noch nicht zu sehen und zu hören. Stattdessen hüpfen Zaunkönig, Amsel und Blaumeise trillernd durch die bunt gefärbten Baumwipfel - s o aufgeregt, als hätten sie gerade die siegreiche Schlacht des brandenburgischen Kurfürsten gegen die Schweden erlebt, die 1675 bei Hakenberg tobte.

Doch ein neuer Ansturm naht: Mit lauten, trompetenartigen Rufen kündigen sich die Kraniche an. Zu Hunderten, Tausenden steigen sie über den Teichwiesen auf. An der Siegessäule fliegen 3624 vorbei. Anne Grohmann und Moriz Rauch zählen hochkonzentriert. Alle zwei Minuten werden die Zahlen notiert. Doch die meisten Kraniche ziehen diesmal Richtung Wustrau auf die Felder am Ruppiner See, denn dort wird gerade Mais geerntet. Phasenweise wandelt sich der Himmel von Blau zu Schwarz, wenn die Vögel mit ihren Spannweiten bis zu zweieinhalb Meter über die Köpfe der Zähler hinwegfliegen. Die Oranienburger Günter Jur und Wolfgang Harbig müssen an diesem kühlen Herbstmorgen Spitzenarbeit leisten: In nur zwei Minuten passieren 7500Kraniche ihren Posten in Zietenhorst -  nach zwei Stunden sind es schließlich 32200. "So viele habe ich noch nie gesehen", sagt Wolfgang Harbig, der seit 30 Jahren Kraniche im Rhinluch zählt. Sein geübtes Auge erfasst die Vögel blitzschnell. Im Nu kann er sagen, ob es sich um eine Formation mit 20, 50, 100 oder gar 1000 Tieren handelt.

Insgesamt haben die Helfer weit mehr als 100000 Kraniche im Rhinluch gesichtet. Experte Ekkehard Hinke zieht nach dem Zusammenrechnen aber bis zu 15 Prozent ab, um doppelte Zählungen oder Fehlschätzungen auszubügeln. So kommt er auf 93.000. "Das ist der Wahnsinn, der absolute Rekord!", sagt der Rastplatzbetreuer euphorisch, aber auch erschöpft. "Man muss schon verrückt sein, wenn man dafür um 5 Uhr aufsteht."

Von Katharina Kastner

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