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Glaser in Kyritz seit 35 Jahren

Horst Briege führt seine eigene Werkstatt Glaser in Kyritz seit 35 Jahren

Horst Briege ist seit über 40 Jahren Glaser, seit 35 Jahren führt er sein eigenes Geschäft in Kyritz. Nicht ganz freiwillig ging er in die Selbständigkeit, sondern wurde vom Rat des Kreises dazu verdonnert. Die Wende brachte einen radikalen Umbruch. Doch auch die Zeit danach bleibt für den Glaser bis heute schwierig.

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Glaser Horst Briege in seiner Werkstatt in Kyritz.

Quelle: Alexander Beckmann

Kyritz. Wer früher jemandem zu verstehen geben wollte, dass er den Blick versperrt, sagte launig: „War dein Vater Glaser?“

Horst Briege in Kyritz würde diese Frage ganz ehrlich mit Nein beantworten und das, obwohl er selbst diesem traditionsreichen Beruf seit über 40 Jahren nachgeht. „Meine Eltern waren in der Landwirtschaft“, sagt der 60-Jährige. Sein Leben war jedoch ganz von dem spröden Werkstoff geprägt.

Dass es Horst Briege Ende der 1960er-Jahre ins Handwerk zog, war wohl nicht zuletzt der Berufsvorbereitung in der Schule zu verdanken. Über sie kam er mit dem Glasereibetrieb Poller in der Kyritzer Maxim-Gorki-Straße in Kontakt. Nach Schülerpraktika und Lehre trat er dort 1972 als Glasergeselle an.

Dass er bald Meister werden würde, damit konnte Horst Briege nicht rechnen. Doch als sich wenige Jahre später sein Meister aus dem Bauglasereigeschäft zurückzog, wurde Briege staatlicherseits zur Selbständigkeit „verdonnert“. Der Kreis Kyritz sollte nicht ohne Glaser sein, entschieden die Wirtschaftsplaner des Rat des Kreises. Am 1. April 1980 nahm die Glaserei Briege die Arbeit auf – an dem Ort, wo schon die Firma Poller ihren Sitz hatte. Dort sitzt das Unternehmen noch immer.

„Ich wusste gar nicht, was da auf mich zukommt“, gesteht Horst Briege. Mit der eigenen Firma war es natürlich nicht getan. Ohne Meisterbrief war der Chef kein richtiger Chef. Nach Feierabend drückte Briege also die Schulbank. Das war auch für die Familie hart. Ehefrau Marlies (53) erzählt, dass es mit geregelten Arbeitszeiten in dem Geschäft ja nicht weit her war. „Er musste ran, wenn das Glas kam.“ Die Kurse an der Meisterschule und die Hausaufgaben machten das Maß voll.

Versorgungsengpässe taten das ihrige dazu. „Ich brauchte für Bleiverglasungen eine Schablonenschere“, erinnert sich Briege. Zu bekommen war so etwas nur im Westen. „Die hat 100 D-Mark gekostet. Die hab ich eins zu fünf eingetauscht. Das war ein kompletter Monatslohn.“ Trotzdem will er die Ausbildung nicht missen: „Wir haben da richtig was gelernt.“

Kompliziert blieb das Geschäft aber auch danach. Die prekäre Materialversorgung wirkte sich auf das Handwerk aus. Da half es wenig, dass der Staat Dienstleistungspreise zu fast drei Vierteln stützte (Briege: „Ich durfte dann zum Rat des Kreises und mir das Geld wiederholen.“) Glaslieferungen gab es im Grunde nur im Zusammenhang mit staatlichen Aufträgen. „Ich hatte zwei Öffnungstage: dienstags und freitags“, berichtet Briege. „Die Leute haben Schlange gestanden. Aber wenn kein Material da war, musste ich sie nach Hause schicken.“ Ganz Hartnäckige hätten ihm mal Bestechung, mal Dresche angeboten.

Das Ende der DDR brachte auch für den Kyritzer Handwerksbetrieb einen radikalen Umbruch. „Als erstes haben wir das Firmengrundstück gekauft“, erzählt der Glaser. „Und dann haben wir sieben oder acht Jahre mit dem Alteigentümer gekämpft – bis zur letzten Instanz.“ Mit Krediten richtete die Familie die abgewirtschaftete Immobilie wieder her. „Für mich war wichtig, dass hier schon immer eine Glaserei war“, so Briege.

Mitte 1990 stieg Ehefrau Marlies mit ins Geschäft ein. Sie kümmerte sich um den Papierkram und den winzigen Laden. Die Firma war im Aufwind. Der Nachholbedarf war riesig. Überall wurde gebaut und modernisiert. Glas für Fenster, Türen, Vordächer, Duschkabinen, Möbel gehörte dazu. Auch Bilder und Bilderrahmen fanden guten Absatz. Zwischenzeitlich wuchs der Betrieb bis auf fünf Mitarbeiter an.

Der Boom war nicht von Dauer. Das Bauhandwerk ist schwieriger geworden. „Heute müssten wir ganz weit fahren – nach Berlin oder so.“ Horst Briege konzentriert sich auf seine Heimatstadt und ihre Umgebung. „Ich hab lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“

Fachkundige Beratung sei ja schließlich nach wie vor gefragt, betont Marlies Briege. „Wenn die Kunden kommen, brauchst du eine halbe Stunde nur dafür.“ Dass darauf auch Umsatz folgt, sei nicht sicher. „Aber wir haben ja keine großen Ansprüche mehr.“ Inzwischen besteht die Glaserei nur noch aus dem Ehepaar.

„Das Glaserhandwerk wird immer seltener“, sagt Horst Briege. Auf dem Bau sei Industrieware Standard. „Irgendwann wird’s wohl nur noch ein paar große Firmen geben, die alles aus einer Hand machen.“

Doch gerade beim Denkmalschutz ist das traditionelle Handwerk noch gefragt. Fenster mit Holz und Kitt gibt es eben nicht von der Stange. Glas statt Ziegel im Fachwerk sei ein Trend, berichtet Briege. Alte Dinge gewännen wieder an Wert. Und reparieren gibt es auch immer etwas.

Von Alexander Beckmann

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