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00:33 19.03.2018
Flüchtlingskoordinatorin Stefanie Kühl-Kirsch ist für Asylbewerber im ganzen Landkreis zuständig und hat für jeden ein offenes Ohr. Quelle: Peter Geisler
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Neuruppin

Vier junge Männer stehen an der Eingangstür des Übergangswohnheims in Treskow. Drinnen gibt eine Mitarbeiterin Post an eine Bewohnerin aus. „Herzlich willkommen“ steht auf einer großen Tafel, gerahmte Fotografien schmücken die Wände. Kinderstimmen sind zu hören, Essensduft zieht durch das Treppenhaus, in einem Raum findet ein Deutschkurs statt. Normaler Alltag im Wohnheim.

Gewaltszenen sind fremd

Im ersten Stock sitzt Stefanie Kühl-Kirsch in ihrem Büro. Als Sozialarbeiterin hatte die 32-Jährige in diesem Haus 2012 angefangen. Seit vergangenem Dezember ist sie Koordinatorin für Flüchtlinge im gesamten Landkreis Ostprignitz-Ruppin und für alle Wohnheime und -Verbünde verantwortlich.

Die studierte Sozialpädagogin sieht entspannt aus. Kann sie auch. Gewaltszenen wie sie sich in Cottbus zutragen, sind in Neuruppin und im Rest des Landkreises fremd: „Die Stimmung bei uns ist positiv.“ Wenn demonstriert wird, dann für eine gute Sache. Wie vergangenen Montag, als rund 50 Menschen dem Aufruf vom Aktionsbündnis „Neuruppin bleibt bunt“ gefolgt waren und sich öffentlich für das Recht auf Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus eingesetzt hatten.

Seit März 2016 dürfen diese keine Angehörigen mehr nach Deutschland holen. Ohnehin waren es seit 2015 in Ostprignitz-Ruppin nur weniger als 50 Betroffene mit sogenanntem subsidiären Status, deren Angehörige nachgezogen sind, heißt es auf Nachfrage bei der Kreisverwaltung.

2015 kamen rund 1 400 Menschen, 2017 nur 222

Insgesamt nimmt die Zahl der neu hinzukommenden Asylbewerber im Landkreis stetig ab. Wurden während der großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015 um die 1 400 Personen zugewiesen, waren es in 2016 nur noch 526 Menschen und 2017 lediglich 222. „Derzeit leben 497 Personen mit Aufenthaltsgestattung, 119 mit Duldung und 998 mit Aufenthalts- beziehungsweise Bleiberecht in Ostprignitz-Ruppin“, fasst Kreis-Sprecherin Britta Avantario zusammen.

Im gesamten Landkreis waren im vergangenen Jahr 3 921 ausländische Personen, darunter auch EU-Bürger, registriert. Das macht einen Ausländeranteil von knapp vier Prozent und ist eine ganz andere Hausnummer als in Cottbus: Der Anteil an Ausländern dort in der Stadt ist in den vergangenen zwei Jahren von 4,5 Prozent auf 8,5 Prozent gestiegen.

Andere Strukturen als in Cottbus

„In Cottbus sind die Strukturen anders als bei uns“, gibt Stefanie Kühl-Kirsch zu bedenken. Cottbus sei eine viel größere Stadt als Neuruppin, immerhin wohnten dort um die 101 000 Menschen, bei uns nur 31 600.

„In Cottbus gab es viel mehr Zuzug als bei uns. Viele geflüchtete Menschen wollen gezielt dorthin, wenn sie ihren Aufenthaltsstatus bekommen und frei entscheiden können, wo sie in Brandenburg leben möchten.“ Generell zöge es Flüchtlinge in große Städte, eher auch nach Cottbus als nach Potsdam, sagt die Koordinatorin: „Dort gibt es noch bezahlbaren Wohnraum. Potsdam ist zu teuer.“

Und so trafen nicht nur viele Ausländer in Cottbus ein, sondern diese auch auf eine große rechtsextreme Gruppe und wütende Bürger. „Szenen derart gibt es bisher bei uns nicht, zumindest nicht so offen. Die Situation war von Anfang an anders“, sagt Kühl-Kirsch. „Unser Landkreis hat schnell reagiert, als die große Flüchtlingswelle war und alle Menschen in vernünftigen Unterkünften untergebracht. Wir haben nie eine Turnhalle gebraucht. Zudem sind wir gut vernetzt mit vielen Trägern, was wir jahrelang erarbeitet haben. Und wir haben viele tolle Ehrenamtliche und Projekte.“

Großes Netzwerk, das hilft

Das alles ermöglicht Angebote wie Nähstube, Hausaufgabenhilfe oder Deutschkurse für Flüchtlinge. „Einmal im Monat gibt es Netzwerkrunden mit dem Landkreis und vielen Akteuren, bei denen wir uns auf den neuesten Stand bringen. Auch die Zivilgesellschaft bei uns hat sich sofort gegen Fremdenfeindlichkeit positioniert und dies gezeigt“, sagt Stefanie Kühl-Kirsch.

Neuruppiner und politische Spitzen des Landkreises waren es, die den Aufmarsch von Neonazis im Juni 2015 mit eindringlichen Reden stoppten, so dass dieser es gar nicht erst in die Innenstadt schaffte. „Alle sind sehr aufmerksam. Das ist wichtig. Denn die Koordination kann nur so gut sein wie ihre Mitarbeiter und Akteure. Alle ziehen an einem Strang und sind sehr offen.“

Stefanie Kühl-Kirsch steht auf. Sie möchte einen Kollegen etwas fragen. Im Flur trifft sie auf Bahram. Der Iraner lebt erst seit ein paar Wochen mit seiner Frau und den beiden Kindern, wovon eines im Rollstuhl sitzt, im Wohnheim. Wie es für sie weitergeht, wird sich zeigen, so die Koordinatorin: „Viele Menschen sind traumatisiert. Für sie ist es erstmal wichtig, dass sie in Sicherheit sind. Sie sind sehr dankbar.“

Bezahlbarer Wohnraum fehlt

Wer ein Aufenthaltsrecht bekommt, kann sofort ausziehen. Oft dauern diese Beschlüsse aber, was Stefanie Kühl-Kirsch ärgert: „Von einem Monat bis hin zu Jahren warten manche Asylbewerber. Um ihre Perspektivlosigkeit zu verringern, sollte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, BAMF, Entscheidungen schneller treffen.“

Doch es gibt auch noch ein anderes Problem, gesteht sie: „Bezahlbarer Wohnraum fehlt.“ Insbesondere junge Männer hätten es schwer, eigene vier Wände zu finden. „Früher ging es ums Ankommen, nun um Integration“, bringt es Kühl-Kirsch auf den Punkt.

„Das ist es, woran wir arbeiten müssen, an Unterbringen, die Sprache erlernen, Arbeit finden.“ Doch sie ist guter Dinge: „Uns ist bisher bei der Flüchtlingshilfe gelungen, was woanders nicht so funktioniert hat.“

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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