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Handwerker und Seelsorger

Neuruppin Handwerker und Seelsorger

Menschen die auf Hilfsmittel angewiesen sind, um ihren Alltag zu bewältigen werden aus einer Neuruppiner Werkstatt mit Prothesen und Orthesen versorgt.

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Martin Braun montiert eine Prothese in Modularbauweise.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Von außen wirkt die Neuruppiner Werkstatt der Firma OTB unscheinbar. Altes Mauerwerk, ein kleines Hinweisschild und ein Zugang, der auch gut in eine Behörde führen könnte. Im Innern aber kommt modernste Technik zum Einsatz. Hier, auf dem Gelände der Ruppiner Kliniken, werden von den Mitarbeitern des Berliner Unternehmens Prothesen und Orthesen für Menschen angefertigt und angepasst: Menschen die auf Hilfsmittel angewiesen sind, um ihren Alltag zu bewältigen.

Hierzu zählen zum Beispiel Diabetiker, denen ein Teil des Beines aufgrund von Durchblutungsstörungen amputiert wurde. „Das klassische Holzbein gibt es auch noch“, sagt Vertriebsleiter Alexander Weske, doch gehe die Tendenz zu „intelligenten“ Lösungen. Moderne Prothesen sind mit Sensoren ausgestattet, die selbstständig bestimmte Situationen erkennen und dem Träger den Alltag erleichtern sollen – und kosten so viel wie ein Kleinwagen. Entsprechend viel Präzision ist bei der Arbeit mit den Gerätschaften notwendig.

Das Berufsbild ist vielseitig und immer mehr im Kommen

Zu den Mitarbeitern, die diese Präzisionsarbeit leisten, gehört auch Orthopädiemechaniker Martin Braun. Gerade montiert er eine Beinprothese in Modularbauweise. Die Einzelteile, besonders an den Gelenken, können aus einer Art Baukasten zusammengestellt werden, um eine optimale Anpassung an die unterschiedlichen Aktivitätsgrade der Patienten zu ermöglichen.

Weniger Aktive brauchen eine ganz andere Technik als Menschen, die sich viel bewegen, vielleicht sogar Leistungssport betreiben. Prothesen aus Karbon, die viele Menschen von den Sportübertragungen der Paralympischen Spiele kennen, sind heute Standard für alle aktiven Anwender.

Einige Meter weiter arbeitet Birgit Kutschera an einer robusten Sattlernähmaschine. Ein paar Stiche noch, dann ist die Lasche aus Leder, die einmal für einen festen Sitz der Beinprothese sorgen wird, fertig. Jetzt widmet sich die Orthopädiemechanikerin der nächsten Aufgabe. Sie bereitet ein Cheneaukorsett zum Tiefziehen vor.

Orthopädietechniker fertigen hauptsächlich Orthesen und Prothesen

So ein Korsett bekommen Patienten mit einer starken Skoliose, einem seitlichen Abknicken der Wirbelsäule mit einer Verdrehung der Wirbel. Nach einem Gipsabdruck vom Oberkörper des Patienten wird ein Gipsmodell angefertigt, das anschließend mit heißer Polyesterfolie umhüllt wird. Unterdruck sorgt dann dafür, dass sich die Folie an das Modell anschmiegt, bevor sie erhärtet.

Die Kollegen haben gut zu tun, „der Markt wächst extrem“, sagt Weske. Um der immer älter werdenden Gesellschaft auch im Alter noch eine hohe Lebensqualität bieten zu können, sei die Nachfrage nach orthopädischen Produkten hoch. Einlagen, Rollstühle oder Kompressionsstrümpfe zählen ebenfalls zur Palette, doch in der Werkstatt haben die Techniker vor allem mit Pro- und Orthesen zu tun. Orthopädietechniker ist ein Ausbildungsberuf – und Weske zufolge einer mit Zukunft. „Einen guten Orthopädietechniker zu finden, ist extrem schwierig“, sagt der 47-Jährige. „Im Prinzip finden Sie keinen.“

Gute Orthopädietechniker sind rar gesät

Er könne jedem Jugendlichen deshalb nur raten, sich mit dem Berufsbild zu beschäftigen. Gefragt seien handwerkliches Geschick und Einfühlungsvermögen für den Patienten.

Von Janina Pahl-Räth wird jeden Tag beides abverlangt. Sie ist Orthopädietechnikermeisterin und macht, ebenso wie Orthopädiemechaniker Marcel Freyer, in der Region viele Hausbesuche, um Prothesen anzupassen. Dazu haben die Mitarbeiter eine komplette rollende Werkstatt zur Verfügung. Muss für den letzten Schliff noch etwas gefräst, gesägt oder gebohrt werden – kein Problem, im Werkstattauto sind alle Maschinen und Vorrichtungen eingebaut.

Hausbesuche zum Anpassen der Technik sind üblich

„Der Patient gibt ja sein Intimstes frei“, sagt Janina Pahl-Räth mit Blick auf die Amputationen. Kunden mit einem langen Leidensweg seien zudem manchmal depressiv. „Da muss man erstmal Aufbauarbeit leisten“, erzählt die 39 Jahre alte Sieversdorferin, „Du bist auch Seelsorger.“ Pahl-Räth ist zwischen Havelberg und Wittstock, zwischen Lenzen und Neuruppin unterwegs und nimmt Anpassungen an den Prothesen vor. Nach einer Amputation bekommen die Patienten zunächst einen Kompressionsstrumpf, damit das Gewebe abschwillt. Dann erhalten sie je nach Heilungsverlauf nach fünf bis zehn Tagen eine einfache Übergangsprothese für rund ein halbes Jahr und schließlich das endgültige Modell. „Es ist spannend, zum Patienten zu fahren und nicht zu wissen, was auf dich zukommt“, sagt Pahl-Räth, die 2002 ihren Meisterbrief erhielt. „Vielleicht drehst du ein Viertel an einer Schraube, das macht dann drei Grad mehr Streckung aus“ – und plötzlich gehe es dem Träger viel besser.

Für Janina Pahl-Räth ist der Beruf auch Berufung. Sie hat 1993 mit der Ausbildung in Neuruppin begonnen, nachdem sie selbst fast zwei Jahre lang ein Korsett – eine Orthese – tragen musste, um den Rücken zu stützen. Da war sie gerade 13 Jahre alt. „Ich kann das mitfühlen“, sagte sie mit Blick auf die jungen Leute, die Ähnliches durchmachen.

Janina Pahl-Räth ist seit damals beschwerdefrei und voller Hoffnung, noch vielen Menschen helfen zu können. Allerdings, sagt sie, sei es schade, dass der Verwaltungsaufwand immer größer werde und „man immer weniger Zeit für den Patienten hat.“

Von Mischa Karth und Peter Geisler

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