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Hans-Jürgen Päzolt replantierte in Kyritz

In guten Händen Hans-Jürgen Päzolt replantierte in Kyritz

Hans-Jürgen Päzolt hat etlichen Patienten Finger oder gar Hände gerettet. Der Kyritzer Handchirurg leitete als Chefarzt die drei KMG-Krankenhäuser in Kyritz, Pritzwalk und Wittstock und operierte überdies als Koryphäe im Handbereich vieles selbst. Sein Leben schrieb er nach seiner Pensionierung nieder: ein Streifzug durch den Arbeitsalltag eines DDR-Chirurgen.

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Hans-Jürgen Päzolt mit seinen Memoiren: „Hinter der Maske“ zeigt den Chirurgen-Alltag.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Kyritz. Wenn Dr. Heilmann zum Skalpell greift, um mit kühnem Schnitt der ARD Einschaltquoten zu sichern, dann schaltet einer garantiert ab. Bei aller Liebe – aber das will er nicht sehen. Was dort geboten wird, hat mit der Chirurgie so viel zu tun wie eine Bratpfanne mit einer Bettpfanne. Hans-Jürgen Päzolt nimmt es seinen Fernseh-“Kollegen“ nicht übel. Das sei eben Unterhaltung – auf die er indes verzichten kann. Denn Päzolt hat über vier Jahrzehnte „in echt“ erlebt, worauf Fans der Weißkittel-Serie jeden Dienstag gespannt warten.

Mit Päzolt bekam Kyritz 1986 einen Spezialisten par excellence – der Chirurg war weit über die Stadtgrenzen bekannt und begehrt und verhalf seiner Stadt zu mehr Bekanntheit. Nach seinem allgemeinen Medizinstudium in Leipzig und Dresden, sowie dem Abschluss als Chirurg in Schwerin, absolvierte er eine spezielle Ausbildung auf dem Gebiet der Handchirurgie in der Berliner Charitè. Hier arbeitete er lange als Unfallchirurg und habilitierte 1978. Die Habilitation ist die höchstrangige Hochschulprüfung in Deutschland und einer Handvoll anderer europäischer Länder, mit der die Lehrbefähigung in einem wissenschaftlichen Fach attestiert wird. Für Kliniken ist es wie ein Sechser im Lotto, solch einen Spezialisten im Team zu haben. Für die Koryphäe wiederum ist es nur normal, dass man seine Qualifikation auch mit einem entsprechenden “Dienstgrad“ honoriert. In Berlin wäre das zum Beispiel die Stelle eines Oberarztes gewesen. Was es in Päzolts Fall allerdings nicht war. Seine bis dahin schnurgerade gezeichnete Laufbahn steckte plötzlich in einer Sackgasse. Rückwärtsfahren oder aussteigen kamen als Optionen in Frage. Retour wollte der gebürtige Zöblitzer noch nie. Also sah er sich nach einer Abfahrt Richtung anderswo um.

„Wir haben Bekannte in Kyritz. Von ihnen wusste ich, dass das damalige Kreiskrankenhaus die Stelle eines Chefarztes der Chirurgie ausgeschrieben hatte. Ich bewarb mich und wurde genommen“, erinnert sich Päzolt an die für ihn richtungsweisende Entscheidung. Ihn lockte der Fakt, in Kyritz unabhängig arbeiten zu können.

Für die Kliniken und die Stadt Kyritz war der Handchirurg ein Segen

Hans-Jürgen Päzolt kam mit einer Empfehlung in die Ostprignitz, die in der Fachwelt Aufsehen erregt hatte. Ihm war es gelungen, einem jungen Mann aus Frankfurt nach einem Unfall erfolgreich eine Hand zu replantieren. Jeder weiß, was der Verlust für den Arbeiter bedeutet hätte, dem in einem Maschinenbaubetrieb von einer Metallsäge die rechte Hand abgetrennt wurde. Der Hilferuf kam kurz vor Mitternacht – der Chirurg sagte seinem Kollegen vor Ort unverzügliche Hilfe zu. Er möge die Hand gut gekühlt in einem Plastikbeutel transportieren. Zwei Stunden später traf der Verletzte in der Charitè ein. Der Chef operierte bis 10 Uhr vormittags, ohne Pause. „Assistenten, Anästhesisten oder OP-Schwestern können sich abwechseln, der Operateur bleibt am Tisch. Für Erschöpfung bleibt hinterher Zeit“, erklärt der 79-Jährige.

Kyritz brachte für Hans-Jürgen Päzolt zumeist andere Herausforderungen, „normale“ Operationen, Chirurgenalltag – wenngleich Patienten mit Handverletzungen für ihre Behandlung keine bessere Adresse weit und breit finden konnten. Dieses Alleinstellungsmerkmal sollte sich in den kommenden Jahren als günstig für eine ganze Region erweisen. Nach der politischen Wende kam das Kreiskrankenhaus Kyritz in private Verwaltung und unter die Fittiche der Klinik-Management-Gesellschaft mit Sitz in Bad Wilsnack. Die KMG betrieb auch die Nachbarhäuser in Pritzwalk und Wittstock. Nach dem Motto: „Einer für alle“ wurde Hans-Jürgen Päzolt leitender Chefarzt aller drei Häuser. Trotz der erheblichen Belastung stand der Wahl-Kyritzer weiterhin im OP, vor allem, wenn verletzte Hände im Spiel waren. Seine Zustimmung galt als sicher, als die Berufsgenossenschaft Ende der 90er Jahre das Vorhaben forcierte, Zentren für Handchirurgie zu bilden, um in der Region rund um die Uhr die Replantation von Gliedmaßen zu garantieren. Dafür brauchte es mindestens zwei Operateure. Für den Nordosten, also die Bundesländer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern waren das Päzolt und sein Kollege Jacek Kotas in Plau am See. Häufiger als gewöhnlich schwebten nun Hubschrauber mit schwer Verletzten zu den Krankenhäusern, brannte oft auch nachts das Licht in den OP-Sälen. Denn für eine Replantation ist das Zeitfenster sehr klein. Für Hand und Finger sind sechs Stunden die Obergrenze. Die ständige Erreichbarkeit der Spezialisten hat sich dutzendfach ausgezahlt. Vielen Patienten blieben lebenslange Verstümmelungen erspart.

Auch das Rentenalter war für Päzolt noch kein Grund zum Ruhestand

Hans-Jürgen Päzolt ging im August 2002 in Rente: ein Jahr später als geplant. Die „Draufgabe“ entsprach einer Bitte der Landesärztekammer und der KMG. Und war praktisch unausweichlich, um das Bewährte nahtlos fortzusetzen. Der designierte Ruheständler bildete seinen Nachfolger selber aus: Fred Gätcke kam aus dem eigenen Team. Und weil dessen „Lehrzeit“ noch andauerte, hängte sein Chef und Vorsitzender der Prüfungskommission für Handchirurgie bei der Landesärztekammer Brandenburg noch ein Jahr dran. Fred Gätcke erfüllte alle Erwartungen. Aus dem Schatten seines Mentors ist er längst heraus getreten. Der Chefarzt der Chirurgie und seine Kollegen haben große Erfahrungen auf dem Gebiet des Gelenkersatzes sammeln können. Das betrifft insbesondere die Fingergelenke, das Daumensattelgelenk und das Handgelenk, die seit Jahren im Klinikum Kyritz ersetzt werden. Seit knapp zwei Jahren implantiert Fred Gätcke zusätzlich ein weltweit neues Fingerprothesenmodell, das deutliche funktionelle Vorteile erkennen lässt. Der Chefarzt stellte die ersten Ergebnisse aus anderthalb Jahren OP-Erfahrung 2015 auf dem europäischen Handkongress in Antwerpen vor. Der Kyritzer hat mittlerweile die meisten dieser Prothesen implantiert, 20 in zwei Jahren. Er lernte von einem guten Lehrmeister.

Für den war 2002 endgültig Schluss. Hans-Jürgen Päzolt bekam den verdienten „großen Bahnhof“. Das Abschiedsgeschenk hatte es in sich. Der damalige KMG-Chef Wolfgang Neubert schenkte ihm ein Buch, aber nicht irgendeins. Es musste erst noch geschrieben werden – und zwar von der Hauptperson des Tages. Die war zunächst etwas perplex. Das sah nach neuer Arbeit aus, einer Arbeit ohne Skalpell aber nicht weniger kompliziert. Seine Erinnerungen sollte er aufschreiben, wünschte man dem 66-Jährigen. Der machte gute Miene, bat sich zunächst etwas von der Zeit aus, die er von nun an ja reichlich haben würde. Hans-Jürgen Päzolt ging daran, alte Dokumente und Bilder zu sichten, die Familiengeschichte und fast Vergessenes zu recherchieren. 2006 lagen seine Memoiren „Hinter der Maske“ gedruckt vor – der Streifzug durch sein Leben ermöglicht einen Blick auf die Karriere eines DDR-Chirurgen.

Mittlerweile füllen Streifzüge ganz anderer Art die Tage des Arztes aus. Hans-Jürgen Päzolt liegt Kyritz nach wie vor am Herzen. Als Parteiloser gehört er mit dem Mandat der CDU zur Stadtverordnetenversammlung, leitet den Bauausschuss und steht der Arbeitsgruppe „Lückenlos“ vor, die sich um Häuser kümmert, die vom Verfall bedroht sind. Ein Ex-Chirurg als Sprecher und Motor braucht dafür kein Mikroskop mehr. Offene Augen reichen völlig aus.

Von Wolfgang Hörmann

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